DE
       
 
0
unofficial world wide web avantgarde
Diesen Artikel auf Telegram™ posten teilen
Artikel:   versendendruckenkommentieren

In der Schlacht um die jemenitische Hafenstadt Al Hudaydah k√∂nnen die Aggressoren - Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate - auf eine Vielzahl an Waffen aus deutscher Produktion zur√ľckgreifen. Beide L√§nder geh√∂ren seit 2008 zu den gr√∂√üten Empf√§ngern deutschen Kriegsger√§ts. Noch im vergangenen Jahr hat die Bundesregierung die Lieferung von R√ľstungsg√ľtern an die zwei Staaten im Wert von beinahe einer halben Milliarde Euro genehmigt. Trotz eines angeblichen Exportstopps werden bis heute ausgew√§hlte R√ľstungslieferungen durchgef√ľhrt, obwohl die saudisch-emiratische Kriegsallianz den Jemen laut Einsch√§tzung der Vereinten Nationen in die gr√∂√üte humanit√§re Krise der Gegenwart gest√ľrzt hat. Der Angriff der Kriegskoalition auf Al Hudaydah droht die Lage noch zu verschlimmern: √úber die Stadt wurden zuletzt beinahe 70 Prozent der Nahrungsmittel f√ľr die jemenitische Bev√∂lkerung importiert. Die Lieferungen drohen komplett zum Erliegen zu kommen. Bereits jetzt vegetieren 8,4 Millionen Jemeniten am Rande einer Hungersnot dahin.

Der wichtigste Hafen des Jemen

Der Hafen von Al Hudaydah im Nordwesten des Jemen am Roten Meer, um dessen Kontrolle seit Mitte dieser Woche offen Krieg gef√ľhrt wird, ist der gr√∂√üte des Landes. Seine Bedeutung zeigt sich daran, dass er bis ins Jahr 2014 hinein laut Angaben der International Crisis Group 40 Prozent der gesamten jemenitischen Zolleinnahmen generierte.1 Die Huthi-Rebellen konnten Al Hudaydah kurz nach der Einnahme der Hauptstadt Sanaa, die ihnen im September 2014 gelang, unter ihre Kontrolle bringen; dabei stie√üen sie nur auf geringe Gegenwehr. Die von Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten gef√ľhrte Kriegskoalition, die die Huthi niederwerfen und die alte, von Riad weitgehend abh√§ngige Regierung von Abed Rabbo Mansur Hadi wieder ins Amt bringen will, hat den Nutzwert des Hafens deutlich reduziert. Zuerst bombardierte sie im August 2015 die dortigen Ladekr√§ne, was den Warenumschlag betr√§chtlich einschr√§nkte; neue, von den Vereinten Nationen gestellte Kr√§ne hat sie erst im Januar 2018 nach einem langen, erbitterten Tauziehen antransportieren lassen. Zudem hat sie den Hafen mit einer Blockade belegt, was die Zahl der dort eintreffenden Containerschiffe von 129 von Januar bis August 2014 - vor Beginn des Krieges - auf 54 von Januar bis August 2016 und 21 im gleichen Zeitraum 2017 reduzierte. Im November 2017 stoppte sie die Einfahrt von Schiffen nach Al Hudaydah f√ľr mehr als zwei Wochen sogar komplett.

Hungersnot und Seuchen

Die Besch√§digung des Hafens von Al Hudaydah und seine Blockade haben von Beginn an gravierende Folgen f√ľr die Zivilbev√∂lkerung des Jemen mit sich gebracht. Das Land ist bei der Versorgung der Bev√∂lkerung mit Nahrungsmitteln, Medikamenten und Treibstoff in hohem Ma√üe auf Importe angewiesen, die vor allem √ľber See abgewickelt werden. So erhielt der von den Huthi kontrollierte Norden des Jemen, in dem die Mehrheit der Bev√∂lkerung lebt, noch dieses Jahr trotz der Seeblockade 37 Prozent seines Treibstoffs und 69 Prozent seiner Nahrungsmittel √ľber den Hafen von Al Hudaydah.2 Allerdings reicht dies l√§ngst nicht mehr aus, um die schon vor Beginn des Krieges verarmte Bev√∂lkerung zu ern√§hren und mit Medikamenten zu versorgen. Inzwischen sind 22,2 Millionen der insgesamt 27,5 Millionen Jemeniten auf ausw√§rtige humanit√§re Hilfe angewiesen; 8,4 Millionen Menschen vegetieren am Rande der Hungersnot dahin. Trotz massiver Anstrengungen der Vereinten Nationen und internationaler Hilfsorganisationen leiden 500.000 Kinder im Alter von weniger als f√ľnf Jahren an umfassender Unterern√§hrung. Zudem hat eine Cholera-Epidemie das Land getroffen, die als die schwerste und sich am schnellsten ausbreitende der j√ľngeren Geschichte gilt. Inzwischen sind mehr als 1,1 Millionen F√§lle gemeldet worden; √ľber 2.200 Menschen verstarben an der Krankheit, darunter fast 30 Prozent Kinder unter f√ľnf Jahren.

Vor dem Kollaps

Hilfsorganisationen und die UNO schlagen Alarm, seit sich der Angriff der saudisch-emiratischen Kriegskoalition auf Al Hudaydah abzuzeichnen begonnen hat: K√∂nnen √ľber den Hafen keine Hilfslieferungen mehr abgewickelt werden, weil es dort oder in den angrenzenden Stadtvierteln zu K√§mpfen kommt, dann droht die Versorgung vollends zu kollabieren. Zudem w√§re mit weiteren verheerenden R√ľckschl√§gen etwa durch Luftangriffe der saudisch-emiratischen Kriegskoalition zu rechnen. So bombardierten Kampfflieger der Koalition an diesem Montag ein neu errichtetes Cholera-Behandlungszentrum der Hilfsorganisation M√©decins sans fronti√®res (MSF). Der Angriff erfolgte, obwohl das Geb√§ude durch Markierungen auf dem Dach gut erkennbar als medizinische Einrichtung kenntlich gemacht worden war und MSF dar√ľber hinaus der Kriegskoalition seine Koordinaten mitgeteilt hatte. Todesopfer waren nur deshalb nicht zu verzeichnen, weil das Behandlungszentrum noch nicht in Betrieb genommen worden war. MSF musste jede T√§tigkeit in der Region vorl√§ufig einstellen.3 Am Mittwoch berichtete nun der Leiter der Hilfsorganisation Care im Jemen, man habe am Morgen in nur 30 Minuten 30 Luftangriffe auf Al Hudaydah verzeichnet.4 Die Vereinten Nationen sch√§tzen die Anzahl der Menschen, die noch nicht aus der Stadt geflohen und deshalb unmittelbar gef√§hrdet sind, auf mehrere Hunderttausend.



Von Deutschland bewaffnet

Offiziell hei√üt es im Ausw√§rtigen Amt, man sei "sehr besorgt √ľber die aktuellen Entwicklungen um Hodeidah" und "appelliere" an "alle Konfliktparteien", den "Schutz der Zivilbev√∂lkerung zu gew√§hrleisten"5. Tats√§chlich k√∂nnten die f√ľhrenden Staaten der Kriegskoalition - Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate - ihren Krieg im Jemen nicht so umstandslos f√ľhren, wenn sie nicht in erheblichem Umfang √ľber Kriegsger√§t aus deutscher Produktion verf√ľgten und zudem zuweilen gemeinsame Kriegs√ľbungen mit der Bundeswehr durchgef√ľhrt h√§tten. So beliefen sich etwa die deutschen R√ľstungsexporte an Saudi-Arabien in den Jahren von 2008 bis 2016 auf 3,237 Milliarden Euro. Im selben Zeitraum lieferten deutsche Waffenschmieden Waren im Wert von rund 1,954 Milliarden Euro an die Vereinigten Arabischen Emirate. Hinzu kommen Kampfjets der Modelle Tornado und Eurofighter, die unter anderem in der Bundesrepublik hergestellt, aber √ľber Gro√übritannien an Saudi-Arabien verkauft wurden. Riad hat die Flugzeuge bereits im Jemen-Krieg eingesetzt.6 Beide L√§nder besitzen Schusswaffen aller Art (etwa Pistolen, Maschinenpistolen, Maschinengewehre) sowie die zugeh√∂rige Munition aus deutscher Herstellung in gro√üer Zahl. Hinzu kommen unter anderem Hubschrauber (Saudi-Arabien), Transportpanzer des Modells Fuchs (Vereinigte Arabische Emirate) sowie (im Fall beider Staaten) Drohnen unterschiedlicher Art. Die Bundeswehr f√ľhrte unter anderem gemeinsame Luftwaffenman√∂ver mit Saudi-Arabien und den Emiraten durch (german-foreign-policy.com berichtete7).

Kein Ausfuhrstopp

Noch im vergangenen Jahr hat die Bundesregierung Exportgenehmigungen f√ľr R√ľstungsg√ľter im Wert von fast einer halben Milliarde Euro an die beiden Golfstaaten erteilt, die den Krieg im Jemen bereits seit dem M√§rz 2015 f√ľhren - und die damit nach Einsch√§tzung der Vereinten Nationen die schwerste humanit√§re Krise der Gegenwart heraufbeschworen haben: Berlin gestattete die Ausfuhr von Kriegsger√§t im Wert von rund 254 Millionen Euro an Saudi-Arabien sowie von 214 Millionen Euro an die Vereinigten Arabischen Emirate. Offiziell erteilt die aktuelle Gro√üe Koalition seit Februar beiden Staaten keine Neugenehmigung mehr, bis sie den Jemen-Krieg endg√ľltig eingestellt haben. Allerdings werden Lieferungen, denen bereits in der Vergangenheit zugestimmt wurde, weiter durchgef√ľhrt. Das betrifft unter anderem Patrouillenboote, die die L√ľrssen-Werft an die saudische Marine verkauft (german-foreign-policy.com berichtete8). Au√üerdem liefern deutsche Waffenschmieden ihre Produkte auch √ľber Auslandsfilialen an die beiden Kriegsparteien; Bomben aus der Produktion der Rheinmetall-Tochterfirma RWM Italia sind nachweislich im Jemen-Krieg eingesetzt worden (german-foreign-policy.com berichtete9). Dar√ľber hinaus beteiligen sich etwa Konzerne aus den Vereinigten Arabischen Emiraten an deutschen R√ľstungskonzernen, w√§hrend die saudische Waffenindustrie mit deutscher Hilfe aufgebaut wird - german-foreign-policy.com berichtet in K√ľrze.


Anmerkungen:
1, 2 International Crisis Group: Yemen: Averting a Destructive Battle for Hodeida. Crisis Group Middle East Briefing No 59. New York/Washington/Brussels, 11 June 2018.
3 MSF Cholera Treatment Centre attacked in Abs Yemen. reliefweb.int 11.06.2018.
4 Attack on Hodeidah multiplies horror and death in Yemen. reliefweb.int 13.06.2018.
5 Auswärtiges Amt zu den Entwicklungen in Hodeidah. Pressemitteilung. Berlin, 13.06.2018.
6 S. dazu In Flammen (II) und In Flammen (III).
7 S. dazu Deutsch-arabische Manöver und Mit Diktatoren in den Krieg.
8 S. dazu Beihilfe zur Hungersnot (III).
9 S. dazu Man schießt deutsch.


 
Creative Commons CC BY-NC-ND 4.0
Inhalt (Text, keine Bilder und Medien) als Creative Commons lizensiert (Namensnennung [Link] - Nicht kommerziell - Keine Bearbeitungen), Verbreitung erwünscht. Weitere Infos.