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"4,1 Prozent mehr für Metaller - Größte Lohn-Erhöhung seit 15 Jahren!" - BILD wirbt für den Metall-Tarifabschluss: "Jetzt kommt der Aufschwung endlich bei denen an, die so viel dafür geleistet haben!" Einen Kompromiss "mit Augenmaß" nannte IG-Metall-Bezirksleiter Jörg Hofmann das Ergebnis, IGM-Vize Berthold Huber sprach von einem "großen Erfolg". Lediglich der IG-Metall-Vorsitzende Jürgen Peters sieht in dem "hart umkämpften Kompromiss" viel Licht, aber auch Schatten. Das Zentralorgan des Großkapitals, die "Frankfurter Allgemeine Zeitung", beklagt den "Sieg der IG Metall" und zitiert gleichzeitig Bert Rürup, Chef des unternehmerfreundlichen "Sachverständigenrates", mit seinem Lob des Abschlusses als "durchaus intelligent". Tatsächlich ist dieser Abschluss "der höchste seit 1995" - das oft beschworene "Ende der Bescheidenheit" ist er nicht.

6,5 Prozent lautete die Forderung der IG Metall - bescheiden angesichts zweistelliger Umsatz- und Gewinnsteigerungen in der Branche. Belegschaften wie die von ALSTOM in Mannheim hatten 9,5 Prozent verlangt. Mehr als 475 000 Kolleginnen und Kollegen haben sich bundesweit an Warnstreiks beteiligt - ein deutliches Signal, sich nach jahrelanger "Bescheidenheit" wieder ein größeres Stück vom ständig wachsenden Kuchen zu holen. Die Warnstreiks waren entscheidend für den Schritt der Unternehmer von ihrem letzten "Angebot" (2,5 Prozent tabellenwirksam plus 0,5 "Konjunkturbonus" minus "flexibles" Weihnachtsgeld) zum jetzigen Abschluss.

Allein für dieses Jahr sieht das Ergebnis nicht schlecht aus: dauerhaft 4,1 Prozent mehr Geld, für April und Mai je 200 Euro. Der Angriff auf das Weihnachtsgeld wurde abgewehrt. Doch wer rechnen kann, ist klar im Vorteil - die Kröten kommen im nächsten Jahr: nur 1,7 Prozent mehr tabellenwirksam plus 0,7 Prozent vorübergehender "Konjunkturzuschlag".

"Unter vier Prozent" habe man bleiben wollen, meinte Südwestmetall-Chef Jan Stefan Roell. Tatsächlich: "Der Abschluss ist viel niedriger als er aussieht", so Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, in der FAZ. "Weil der Tarifvertrag auf 19 Monate angelegt sei, betrage der aufs Jahr gerechnete Anstieg unter Berücksichtigung der Einmalzahlung nur 3,25 Prozent." Das ist gerade mal die Hälfte der Ausgangsforderung. Damit wurde der "kostenneutrale Verteilungsspielraum" (Preissteigerung plus Produktivitätssteigerung) von derzeit 4 Prozent wieder einmal nicht voll ausgeschöpft. Von einer Umverteilung kann erst recht keine Rede sein.

Der vorübergehende, nicht tabellenwirksame "Konjunkturbonus" ist die nächste Kröte. Auch wenn die FAZ beklagt, dieser sei "zu niedrig" und "zu spät", der Kapitalseite geht es ums Prinzip: "Für uns ist das wichtig, weil dadurch nicht alle Erhöhungsbestandteile in die Tabelle eingehen", so Unternehmerfunktionär Roell in der Tageszeitung "junge Welt". Die Tür zur weiteren "Flexibilisierung" ist aufgestoßen und soll weiter geöffnet werden - soll so die Zukunft der Tarifpolitik aussehen?

Diese Kröten hätte die IGM-Verhandlungsführung nicht schlucken brauchen: "Die Auftragsbücher sind voll bei der Metall- und Elektroindustrie in Baden-Württemberg, die Kapazitäten bis zum Anschlag ausgelastet, qualifiziertes Personal wird verzweifelt gesucht. Vor diesem Hintergrund stand die massive Streikdrohung der IG Metall wie ein Schreckgespenst im Raum." Die entscheidenden Belegschaften waren kampfbereit - hier wurde eine einmalig gute Chance vertan.

Jetzt freuen sich die Sprachrohre des Kapitals über den "Tarifabschluss ganz ohne Streiks" (FAZ), "ohne echten Arbeitskampf" (BILD). Dieser wäre wohl nötig gewesen für ein "Ende der Bescheidenheit" ohne die "Kröten". Ihn wollten nicht nur die Unternehmer vermeiden, sondern auch die IG Metall. Auch aus den Belegschaften ist der Druck dafür heute nicht sichtbar. Doch wenn nicht in einer günstigen wirtschaftlichen Lage wie jetzt - wann dann?


 
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  Kommentar zum Artikel von Stephan:
Donnerstag, 17.05.2007 - 15:24

"6,5 Prozent lautete die Forderung der IG Metall - bescheiden angesichts zweistelliger Umsatz- und Gewinnsteigerungen in der Branche."
auch wenn der Artikel sonst meine volle Zustimmung findet, wird hier wieder ein wenig mit Prozentzahlen geschludert. Mehrstellige prozentuale Gewinnsteigerungen beziehen sich auf den Vorjahresgewinn, der prozentuale Lohnzuwachs auf die Vorjahreslohnsumme. Unterschiedliche Basen machen Prozentzahlen unwirksam.

Zur Erläuterung: Verdient ein Betrieb eine Million Euro bei Gesamtlöhnen von 10 Millionen und verdoppelt er seinen Gewinn (+ 100 %), kann er davon die Löhne nur um 10% steigen lassen, um auf den alten Gewinn zu kommen. Umgekehrt, ist der Gewinn sehr viel höher als die Lohnsumme, würden Lohnerhöhungen im namhaften Bereich den Gewinn kaum schmälern.

Nur wenn der Gewinn annährend so groß ist wie die Lohnsumme, dies anzuehmen gibt es primär erst einmal keinen Ansatzpunkt, lassen sich diese Zahlen vergleichen. Ansonsten gilt: Bei kleinen Basen werden die prozentualen Veränderungen groß ausfallen.