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Von Alex

FAZ.net stellt in ihrem dritten Artikel die interessante Frage "Warum sind Spekulanten nützlich?". Ja, warum eigentlich? Sind Spekulanten nicht eher "skrupellose Profitgeier und Abzocker, Hasardeure und Spielernaturen, kurz, nutzlose Blutsauger der Wirtschaft, die ohne Leistung Gewinne einstreichen und damit anderen schaden", wie sich die FAZ selber einzugestehen scheint?
Mitnichten! Das ist ja nur die landläufige Meinung unwissender Neider, die Wirklichkeit (die natürlich nirgendwo sonst als auf FAZ.net steht) sieht gänzlich anders aus.


Teil III


Spekulanten, das sind die netten Herren (und nicht Damen, denn die verdienen ja nicht so viel um es an der Börse zu verjubeln, wie wir gesehen haben), die mit ihrem sauer erarbeiteten, ehrlich verdienten Geld losziehen und mit "allem", mit "Wertpapieren, Devisen, Grundstücken oder Rohstoffen" zu handeln: "Bei fallenden Kursen kauft der Spekulant eine Aktie oder Devise in der Annahme, daß ihr Kurs in Zukunft steigen wird - und er sie dann mit Profit veräußern kann." Ein Spekulant ist also offenbar eine Art Händler, mit dem kleinen Unterschied, dass Händler zumindest nützliche (sofern bezahlbare) Dinge verkaufen. Der Spekulant dagegen "geht keine blinde Wette ein, vielmehr kalkuliert er sein Risiko genau. Er beschafft sich die besten Informationen, die zu haben sind, und beobachtet die Märkte gewissenhaft, um die künftige Preisentwicklung möglichst präzise vorhersehen zu können. Für seine Mühe fordert der Spekulant einen Preis, den Gewinn." Gewinn ist also Preis, und unser Spekulant hat mühevolle Risikokalkulationsarbeit zu leisten und gewissenhaft die Märkte zu beobachten, wenn er jenen Gewinn einstreichen will.

Nachdem FAZ.net nun das große Geheimnis der Bereicherung der Spekulanten gelüftet hat, ist wohl anzunehmen, dass ab jetzt alle Aktienbesitzer dieselbe Strategie anwenden werden. Sie stürzen sich also auf die Beschaffung der besten Informationen, die zu haben sind, beobachten gewissenhaft die Märkte und werden demnach die künftige Preisentwicklung möglichst präzise vorhersehen können. Für diese Mühe werden sie natürlich alle einen Preis, den Gewinn einfordern - aber von wem eigentlich?
Wenn der ganze Absatz überhaupt irgendeinen Sinn ergeben soll, dann den, dass die Spekulanten plötzlich alle ökonomischen Entwicklungen prophetisch voraussehen, was allerdings nur zu dem Dilemma führt, dass ein Besitzer unrentabler Aktien aufgrund der Allwissenheit aller anderen auf seinen Aktien sitzenbleiben wird. Konsequent weitergedacht heißt das, dass verlustbringende Aktien auf einen Schlag komplett entwertet sein werden und niemand jemals wieder Aktien weiterverkaufen wird, die ganze Börse also gleich dichtmachen kann. Erfolgreiche Spekulanten führen also zum Ende der Spekulation. Und überhaupt, wenn die Spekulanten so vorausschauend sind, wieso nennt man sie dann Spekulanten und nicht Wirtschaftspropheten oder meinetwegen Profitorakel? Wobei, nebenbei bemerkt, diese Wirtschaftsorakel, wie zum Beispiel "die fünf Weisen", in der Regel ähnlich treffsicher sind wie Lottospieler, die sich über den jährlichen Vierer freuen. Wir gehen also lieber weiterhin davon aus, dass die Spekulanten im Großen und Ganzen im Dunkeln tappen und nur das erkennen können, wo sie direkt mit dem Kopf gegenstoßen und was sie mit ihren Händen betasten können.

Dem Spekulanten, berichtet FAZ.net, geht es allerdings nur ums Geld; er will weder Autos bauen, noch Container transportieren, noch Wolkenkratzer besitzen oder sonstwas. Ja, er sträubt sich offenbar regelrecht gegen jede Art produktiver Anteilnahme am gesellschaftlichen Leben. Und was soll daran nun nützlich sein?

Ein Beispiel soll's richten. Das Erdöl ist bekanntlich ziemlich teuer geworden in der letzten Zeit, und wird auch weiterhin im Preis steigen. Was macht nun der gewiefte Spekulant? Er kauft Erdöl in rauhen Mengen auf, um es irgendwann wieder zu verkaufen, wenn es noch teurer ist. Er treibt also den Preis künstlich in die Höhe, nur um sich persönlich zu bereichern (wogegen z.B. die Ölkonzerne oder deutsche Monopole wie e.on quasi selbstlose Verteilungseinrichtungen sind). Allerdings liegt daran gerade der von der FAZ, und wohl bisher ausschließlich von der FAZ, entdeckte Nutzen, denn "die Spekulanten signalisieren, dass der Rohstoff auf lange Sicht teuer bleiben wird". Wodurch es dann "attraktiv" wird, auf alternative Energien umzusteigen. Dass in jenen Branchen alternativer Energien, sobald sie rentabel werden, weitere üppige Spekulation diese Attraktivität stark einschränken wird, bleibt allerdings unerwähnt. Die ganze Nützlichkeit liegt also darin, dass durch Aktienschwindelspekulation Geldkapital zusammenkommt und umfangreiche, neuartige Unternehmungen ermöglicht. Also Fortschrittsförderung, oder wie die FAZ schreibt: "Der Anstieg der Vermögenspreise", (eine Phrase, wobei sich der Leser denken kann, was er will, und wobei er am sichersten geht, wenn er sich gar nichts dabei denkt - um es mit Engels' Worten auszudrücken), ", der regelmäßig mit einer Spekulation einhergeht, lenkt Kapital dorthin, wo sich neue Möglichkeiten ergeben." Wenn dadurch, dass Waren durch Spekulation verknappen und äußerst teuer werden, die Entwicklung von Alternativen angekurbelt wird, so könnte man einwenden, wäre es doch viel sinnvoller, wenn die Spekulanten ihr Geld gleich in die Entwicklung und Forschung stecken würden. Es bliebe den Konsumenten dann unnötige Teuerung erspart und man hätte wesentlich mehr Ressourcen für die Entwicklung und Forschung über. Da sieht man also, was bei raus kommt, wenn die Geldgier über die Vernunft siegt, wenn die ganze Wirtschaft sich nur durch chaotische Preisschwankungen zum technischen Fortschritt zwingt.

Der Anteil der Spekulation an dieser Entwicklung wird indes noch weit übertrieben dargestellt; realistisch betrachtet gibt es in der BRD nach seriösen Berechnungen derzeit ca. 100 Milliarden Euro Vermögenswerte in sogenannten Finanzderivaten, also hochspekulativen und oftmals kurzfristigen Papieren, die Ertrag bei bestimmten Kursentwicklungen ermöglichen. Dies entspricht etwa 1% der Vermögenswerte (des Gesamtkapitals) in der BRD. Hiervon wird ein relevanter Teil nachgewiesenermaßen zur Absicherung langfristig orientierter Wertpapiere von Banken, Versicherungen usw. verwendet, dient sozusagen in einer quasi dialektischen Umkehrung sogar der Reduktion der Spekulation. Die gemeinhin als Spekulation bezeichnete Summe macht somit weniger als 1% dieses Betrags aus.

Nebenbei: Betreibt nicht jeder Kapitalist, ob nun mit fiktivem oder wirklichem Kapital, gewissermaßen Spekulation? Spekuliert nicht ein Unternehmer bei der Erweiterung seines Betriebs mit neuen Maschinen auf deren Rentabilität, auf höhere Profite? Der Immobilienbesitzer, spekuliert er nicht bei jedem seiner Häuser auf gewinnbringende Mieter? Woher will er die Sicherheit nehmen, dass diese wirklich zu ihm kommen? Und schließlich: Wenn man in Staatspapiere investiert, erwartet man dann nicht auch im Rahmen seiner Anlagefrist, dass der Staat politisch stabil bleibt, also das angelegte Geld durch Steuereinnahmen mitsamt Zinsen zurückgezahlt werden kann? Bricht der Staat zusammen, ist genau wie beim Börsenspekulant das ganze Geld weg, gewissermaßen "aufgegessen", denn man bekommt nicht einmal einen Besitzschein beispielsweise des Meters Straße bei Lübeck, der durch die eigene Anlage beim Staat finanziert wurde. Der Unterschied zwischen Spekulant und Investor, Händler mit virtuellen Werten und Händler mit "Dingen zum Anfassen", ist also rein formell, beide vertrauen mehr oder weniger blind auf eine für sie optimistische Entwicklung in der Zukunft, der sie sich jedoch nie absolut sicher sein können.
Die ganze, offensichtlich künstliche, Unterteilung in gute Kapitalisten - Fabrikbesitzer, die Arbeitsplätze und "Werte" schaffen - und schlechte Kapitalisten - Spekulanten, Zocker, die sich nur bereichern wollen - erinnert nicht zuletzt an die Nazipropaganda von "raffendem und schaffendem" Kapital. Die einzig wissenschaftliche und sinnvolle Unterscheidung ist und bleibt die von Marx vorgenommene, rein ökonomische Trennung in fiktives Kapital, sobald Geldkapital nicht in den produktiven Kapitalkreislauf (Geld - Ware1...Produktion...Ware2 - mehr Geld etc.) eingeht.

Nun betrachten wir die Börsenschwindeleispekulation in einer ihrer entwickeltsten Formen, den Hedge-Fonds, hierzulande bekannt geworden als die berüchtigten "Heuschrecken" des Herrn Müntefering. Laut FAZ.net sind diese Hedge-Fonds der "Inbegriff des gefährlichen Spekulanten", der "Schrecken vieler Notenbanker", sie benutzen "undurchsichtige Methoden" und könnten eines Tages die "Weltwirtschaft und Börsen aus den Angeln heben". Sie sind also zugegebenermaßen schon ziemlich böse, gefährlich, und - "nützlich", in dem speziellen Sinn, den die FAZ von dem Begriff hegt. Einer dieser Hedge-Fonds, LTCM, soll 1998 die Weltwirtschaft an den Rand des Zusammenbruchs gebracht haben; ja, im schlimmsten Fall wären sogar "Kreditrisiken entstanden, auf die niemand", auch nicht die Spekulanten mit den besten Informationen, die zu haben sind, "vorbereitet war"! Wenn nun, nach der These von FAZ.net, die Spekulation ein Antrieb zur Weiterentwicklung ist, indem sie die bisherigen Missstände auf die Spitze treibt und den weiteren Betrieb unrentabel macht, und, wie gezeigt, die Spekulation das globale kapitalistische System beinahe ruiniert haben soll (übrigens eine maßlose Übertreibung im gegebenen Beispiel), wäre es durchaus zulässig, daraus sehr radikale Schlüsse betreffs der globalen Ablösung des Kapitalismus zu ziehen - ob die FAZ das gerochen hat?

Wir dürfen es bezweifeln. Die weitere Schilderung zeigt uns noch, wie Herr Soros das englische Pfund aus dem europäischen Wechselkursverband herauskatapultierte, was wieder als Musterbeispiel ökonomischer Nützlichkeit präsentiert wird, da das Pfund ja sowieso völlig überbewertet gewesen sein soll. Und warum war es überbewertet? Irgendwelche Verquickungen mit den Interessen der deutschen Bundesbank, die im Hinblick auf den Euro einen lästigen Konkurrenten loswerden wollte und nicht zuletzt gut an der Spekulation mitverdiente, werden schön verheimlicht. Also tatsächlich nützlich - aber für die deutschen Monopole, denn eigentlich war die Bundesbank durch europäische Abkommen zu Stützungskäufen verpflichtet, die das Pfund wieder aufgewertet hätten. War das Pfund erstmal aus dem EWS rausgehauen, hatte Deutschland die führende Rolle bei der Bildung einer gesamteuropäischen Währung - dem Euro - sicher. Was hier ein deutlicher, offensiver Schritt der deutschen Politik ist, wird von der FAZ als Glücksgriff eines gewieften Spekulanten dargestellt - verklär mir die Welt!
Und zum Schluss gibt's noch drei Portraits der bekanntesten Spekulanten, in denen ein wenig ihre wirtschaftliche Laufbahn dargestellt und nicht zuletzt darauf hingewiesen wird, dass diese Leute "privat" mit ihrem so sauer erworbenen Geld "viel Gutes" täten.

Was wissen wir nun über die Nützlichkeit der Spekulanten? Dass sie die Form sind, in denen sich ökonomische Gesetzmäßigkeiten durchsetzen, nämlich Kapitalkonzentration und in einem gewissen Sinn auch Vergesellschaftung von Kapital, wenn allerdings auch nur innerhalb der herrschenden Klasse. Sonst sind Spekulanten eigentlich nur gewöhnliche Händler, welche Waren kaufen, um sie teurer zu verkaufen und von der Differenz leben; mit dem Unterschied, dass sie nicht im Geringsten mit Gebrauchswerten, mit materiellen Produkten, sondern allein mit deren Besitztiteln, mit fiktivem Kapital, handeln. Ob das der Gesellschaft konkret von Nutzen ist, ob in Zeiten der Überproduktion von Waren und des Überangebots von Arbeitskräften die ganze anarchische Marktwirtschaft sich nicht überflüssig, nein sogar hinderlich macht, darf jeder für sich selbst entscheiden.


der nächste Artikel der elfteiligen Serie "Verklär' mir die Welt - von Dummies für Dummies: die FAZ erklärt die Wirtschaft" erscheint am Samstag, den 09.09.2006, auf www.secarts.org.


 
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  Kommentar zum Artikel von 127712:
Samstag, 09.09.2006 - 19:18

Ganz besonderer Dank an dieser Stelle nochmal an Secarts und Lars, die mir mit Kritik und Faktenwissen bei der Erstellung des Artikels große Hilfe geleistet haben!