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BERLIN/TÜBINGEN/MÜNCHEN (19.07.2010) - Die Bundeswehr verstĂ€rkt ihre Einflussnahme auf die akademische Lehre. JĂŒngster Ausdruck dieser Entwicklung ist die Vergabe eines Lehrauftrags an eine Ethnologin durch die UniversitĂ€t TĂŒbingen. Die Wissenschaftlerin, die im Sold der deutschen StreitkrĂ€fte steht, befasst sich in ihrem Hauptseminar mit der AufstandsbekĂ€mpfungsstrategie der NATO in Afghanistan. DarĂŒber hinaus referiert sie regelmĂ€ĂŸig an deutschen Hochschulen ĂŒber die verschiedenen "Berufsfelder", die das deutsche MilitĂ€r fĂŒr Ethnologen vorhĂ€lt. Offiziell arbeitet sie fĂŒr das "Amt fĂŒr Geoinformationswesen" der Bundeswehr; zuvor fungierte sie als "Interkulturelle Einsatzberaterin" des 2007 aufgelösten "Zentrums fĂŒr Nachrichtenwesen" der deutschen StreitkrĂ€fte. Die geheimdienstlich operierende Einrichtung hatte die Aufgabe, "rechtzeitig vor Beginn einer Krise" der militĂ€rischen FĂŒhrung "Einsatzunterlagen" fĂŒr die "Planung und DurchfĂŒhrung Schnell Ablaufender Operationen" zur VerfĂŒgung zu stellen.

Zivilklausel

Wie die UniversitĂ€t TĂŒbingen (Baden-WĂŒrttemberg) bestĂ€tigt, hat die Bundeswehrangehörige Monika Lanik in diesem Sommersemester ein Hauptseminar zum Thema "Angewandte Ethnologie und MilitĂ€r" durchgefĂŒhrt.1 Die Vergabe von LehrauftrĂ€gen an Mitarbeiter der deutschen StreitkrĂ€fte ist kein Einzelfall. An der UniversitĂ€t Potsdam (Brandenburg) organisieren diese einen eigens fĂŒr "militĂ€rische Studien" ("Military Studies") eingerichteten Studiengang (german-foreign-policy.com berichtete2). Trotz teilweise massiver Proteste halten die Hochschulleitungen an ihrer umstrittenen Vorgehensweise fest, was im Fall der UniversitĂ€t TĂŒbingen nicht einer gewissen Pikanterie entbehrt: Die Hochschule hat sich auf eine "Zivilklausel" verpflichtet, die vorschreibt, Forschung und Lehre ausschließlich "friedlichen Zwecken" zu widmen.3

Wie in Vietnam

Dem Vorlesungsverzeichnis der UniversitĂ€t TĂŒbingen zufolge befasste sich Lanik in ihrem Seminar mit der "Counterinsurgency-Strategie der NATO" in Afghanistan.4 Diese firmiert unter der Bezeichnung "Human Terrain System" (HTS) und wurde von den USA erstmals wĂ€hrend des Vietnamkrieges erprobt. Wie Presseberichten zu entnehmen ist, spionierten seinerzeit US-Geheimdienste die vietnamesische Bevölkerung aus und "lieferten tausende Zivilisten als 'Mitglieder der Vietkong-Infrastruktur' ans Messer".5 ErklĂ€rtes Ziel von HTS ist es bis heute, das Wissen von Ethnologen, Kultur- und Sozialwissenschaftlern ĂŒber die in den Operationsgebieten des MilitĂ€rs lebenden Menschen in die KriegfĂŒhrung einzubeziehen. Bei der Bundeswehr wird diese Aufgabe von sogenannten Interkulturellen Einsatzberatern (IEB) wahrgenommen, zu denen auch Lanik zĂ€hlt (german-foreign-policy.com berichtete6).

Karrierechancen

ZusĂ€tzlich zu ihrem Lehrauftrag referiert Lanik regelmĂ€ĂŸig an deutschen Hochschulen ĂŒber die Karrieremöglichkeiten, die die deutschen StreitkrĂ€fte fĂŒr Ethnologen bereithalten. Zuletzt war die MilitĂ€rangehörige im Rahmen eines sogenannten Praxisabends bei der Ludwig-Maximilians-UniversitĂ€t MĂŒnchen zu Gast; ihr Thema waren die "neuen ethnologischen BetĂ€tigungsfelder, die sich im Zuge der AuslandseinsĂ€tze der Bundeswehr auftun".7 Dabei handele es sich insbesondere um die Bereiche "Landeskunde", "Interkulturelle Beratung" und "Lagebearbeitung", erklĂ€rte Lanik. Wie Teilnehmer der Veranstaltung berichten, nannte sie im Anschluss mehrere Einrichtungen der Bundeswehr, die sich fĂŒr die Mitarbeit von Ethnologen auf diesen Gebieten interessierten - darunter das mit psychologischer KriegfĂŒhrung befasste "Zentrum fĂŒr Operative Information" im rheinland-pfĂ€lzischen Mayen und die fĂŒr die Gestaltung der militĂ€rpolitischen Propaganda zustĂ€ndige "Akademie fĂŒr Information und Kommunikation" (AIK) in Strausberg bei Berlin, die vormalige "Schule fĂŒr Psychologische Verteidigung".8

UnwÀgbare LoyalitÀten

Lanik selbst arbeitet im Rang einer OberregierungsrĂ€tin fĂŒr das in Euskirchen (Nordrhein-Westfalen) beheimatete "Amt fĂŒr Geoinformationswesen" der Bundeswehr. Die aus dem "MilitĂ€rgeographischen Dienst" der deutschen StreitkrĂ€fte hervorgegangene Einrichtung erhebt mittels Spionagesatelliten ("SAR-Lupe") alle fĂŒr die KriegfĂŒhrung notwendigen meteorologischen und geographischen Daten. Gleichzeitig wird das ĂŒber die Operationsgebiete des deutschen MilitĂ€rs vorhandene ethnologische und historisch-landeskundliche Wissen systematisch gesammelt und ausgewertet. Man sei sowohl fĂŒr die "vernetzte OperationsfĂŒhrung" von Heer, Luftwaffe und Marine als auch fĂŒr die "Ziel- und Wirkungsanalyse" der eingesetzten Waffen eine "unverzichtbare Basis", erklĂ€rt das Amt selbstbewusst.9 Ziel sei der "Schutz von Leib und Leben der eigenen KrĂ€fte" und die "Begrenzung von KollateralschĂ€den".10 Zu diesem Zweck empfiehlt Lanik den deutschen Besatzungstruppen in Afghanistan unter anderem, bei allen Entscheidungen die "unwĂ€gbaren LoyalitĂ€ten" der lokalen Bevölkerung zu berĂŒcksichtigen und stets die "gebotene Distanz zu rituellen Orten" zu wahren.11

Einsatzunterlagen

Ihre Bundeswehr-Karriere begann Lanik 2003 beim geheimdienstlich operierenden "Zentrum fĂŒr Nachrichtenwesen" des deutschen MilitĂ€rs. Aufgabe der 2007 aufgelösten Einrichtung war es nach eigenen Angaben, der politisch-militĂ€rischen FĂŒhrung "rechtzeitig vor Beginn einer Krise (...) Einsatzunterlagen (...) zur Planung und DurchfĂŒhrung von 'Schnell Ablaufenden Operationen' zur VerfĂŒgung (zu) stellen"12 - "Interkulturelle Einsatzberater" inklusive.


Anmerkungen:
1 Eberhard-Karls-UniversitĂ€t TĂŒbingen/Asien-Orient-Institut: Kommentiertes Vorlesungsverzeichnis Ethnologie. Sommersemester 2010
2 s. dazu Military Studies
3 Senat beschloss PrÀambel zur Grundordnung; www.tagblatt.de 13.01.2010
4 Eberhard-Karls-UniversitĂ€t TĂŒbingen/Asien-Orient-Institut: Kommentiertes Vorlesungsverzeichnis Ethnologie. Sommersemester 2010
5 Anthropologen an die Front? Die Presse 01.07.2010
6 s. dazu Interkulturelle Einsatzberater
7 Ludwig-Maximilians-UniversitĂ€t MĂŒnchen/Institut fĂŒr Ethnologie: Praxisabende im Sommersemester 2010. Ethnologinnen und Ethnologen berichten von ihrer beruflichen TĂ€tigkeit. Die Bundeswehr als neues Berufsfeld der Ethnologie? 06.07.2010
8 Entsprechende Protokolle liegen der Redaktion vor.
9 Amt fĂŒr Geoinformationswesen der Bundeswehr; www.streitkraefteunterstuetzungskommando.bundeswehr.de
10 Der Geoinformationsdienst der Bundeswehr; www.streitkraeftebasis.de
11 Monika Lanik: Sicherheit fĂŒr Menschen in Afghanistan und die Sicherheit der Bundeswehr: Hier gilt die StVO. In: Horst Schuh/Siegfried Schwan (Hg.): Afghanistan - Land ohne Hoffnung? Kriegsfolgen und Perspektiven in einem verwundeten Land. BrĂŒhl (Rheinland) 2007. Herausgeber Schuh zĂ€hlt zu den Protagonisten der "Psychologischen KampffĂŒhrung/Verteidigung" in der BRD; das Buch ist den "Helfern und Soldaten gewidmet, die ihr Leben zur Befriedung und fĂŒr den Wiederaufbau Afghanistans einsetzen".
12 Das Zitat entstammt einem PortrĂ€t des "Zentrums fĂŒr Nachrichtenwesen", das ursprĂŒnglich unter www.streitkraeftebasis.de zu finden war, dort aber nicht mehr zur VerfĂŒgung steht.



 
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  Kommentar zum Artikel von retmarut:
Sonntag, 24.10.2010 - 20:42

@ U.Kaiser:

>so hat man das GefĂƒÂŒhl, in ein Paralleluniversum von Geistesgestörten geraten zu sein, die seit Jahrzehnten den Kontakt zur Wirklichkeit verloren zu haben scheinen


  Kommentar zum Artikel von Rainer:
Samstag, 23.10.2010 - 15:12

Und wenn man dein DummtĂƒÂŒch ließt, dass nix weiter ist als ein Haufen VersatzstĂƒÂŒcke herrschender Ideologie, hat man das GefĂƒÂŒhl, dass "U. Kaiser" nur ein Spambot ist, der irgendwelchen Content aus Stern, Spiegel und Bild umrĂƒÂŒhrt und vervielfÀltigt (und das auch noch, ohne dafĂƒÂŒr bezahlt zu werden... schön blöd !) - und dabei wahrscheinlich noch glaubt, er sei "gut informiert" und "kritisch"...

...Tibet? Klar, muss befreit werden. Bundeswehr ? Logo, die bohren nur Brunnen. BRD ? Das beste Land der Welt, und am deutschen Wesen... kennen wir alles.

Typen wie du sind nur Charaktermasken, die zigtausendfach rumlaufen und sich alle fĂƒÂŒr wer-weiß-was-wie individuell halten und dabei so dermaßen beliebig sind, dass es einen vor Langeweile schon wieder ins Mitleid treiben könnte...


  Kommentar zum Artikel von U.Kaiser:
Samstag, 23.10.2010 - 13:44

Liest man sich hier einmal die Überschriften durch, die etwas von "Faschismus" in der Bundesrepublik, von 2. Anlauf zu einem deutschen "Platz an der Sonne" schwurbeln und im selben Augenblick die verbrecherische Politik der Volksrepublik China hochjubeln, so hat man das GefĂƒÂŒhl, in ein Paralleluniversum von Geistesgestörten geraten zu sein, die seit Jahrzehnten den Kontakt zur Wirklichkeit verloren zu haben scheinen.