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NEUES THEMA12.05.2020, 20:12 Uhr
EDIT: arktika
12.05.2020, 20:24 Uhr
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arktika

• Kämpferinnen gegen Faschismus, mit und ohne Uniform! Z. B. Maria Fortus, die am 10. Juli ihren 120. Geburtstag feiern würde ...

Heldin der Sowjetunion
Codewort »Alba Regia«
Die sowjetische Kundschafterin Maria Fortus (1900–1981) kämpfte in drei Kriegen, zuletzt im Großen Vaterländischen. In diesem Jahr wird ihr 120. Geburtstag begangen


Im russischsprachigen Raum gilt sie als eine der größten Heldinnen des 20. Jahrhunderts, doch hierzulande kennt kaum jemand den Namen Maria Fortus. Dass sich bisher noch niemand an eine Biographie dieser ungewöhnlichen Frau gewagt hat, liegt daran, dass sich die Akten, die detailliert über ihr spektakuläres Leben Aufschluss geben können, zum größten Teil in russischen Geheimdienstarchiven unter Verschluss befinden. So beruht nahezu alles, was man über sie weiß, auf Hörensagen, Erinnerungen von Zeitzeugen und zum Teil auch auf ihren eigenen Berichten und Veröffentlichungen. Es ist bis heute schwer, sogar unmöglich, in jedem Fall Wahrheit und Erfindung voneinander zu trennen.

Das änderte allerdings nichts an ihrem frühen Ruhm. Im Gegensatz zu Agentinnen sowjetischer Geheimdienste wie Ursula Beurton geb. Kuczynski (alias Ruth Werner), Rachel Dübendorfer oder die Schweizerin Anna Müller, die lange im konspirativen Dunkel verborgen blieben, trat Maria Fortus erstaunlich rasch ans Licht der breiten Öffentlichkeit.

So kam bereits 1961 der Spielfilm »Alba Regia« des ungarischen Regisseurs Mihalyi Szemes in die Kinos, der die Heldentaten einer sowjetischen Kundschafterin – in der Hauptrolle Tatjana Samoilowa – in Ungarn Ende des Zweiten Weltkriegs schildert. Er beruhte auf Berichten von Maria Fortus. Der Film wurde beim Filmfestival in Moskau mit der Silbermedaille ausgezeichnet; er war international erfolgreich und wurde auch in der DDR gezeigt, zunächst im Kino und später, zuletzt in den 80er Jahren, im Fernsehen. (Die deutsche Synchronregie hatte übrigens keine andere als Lisa »Lizzy« Honigmann geführt, die geheimnisumwobene Exfrau von Kim Philby. Zufälle gibt’s!)

1970 wurde Maria Fortus durch den Spielfilm »Salut, Maria!« des bekannten Regisseurs Jossif Chejfiz der Sowjetunion endgültig zum Star. Siebzehn Millionen Kinobesucher sahen dort den über zwei Stunden langen Streifen, der auf Episoden ihres Lebens zwischen 1919 und 1939 beruhte, und zu dem die Komponistin Nadeshda Simonjan die Filmmusik geschrieben hatte. Die Hauptdarstellerin Ada Rogowzewa erhielt beim Filmfestival von Moskau für ihre Leistung den Preis als Beste Schauspielerin. Der männliche Hauptdarsteller, Angel Gutiérrez, war 1937 mit fünf Jahren selbst als Flüchtlingskind aus Spanien in die Sowjetunion gekommen.

Doch abgesehen davon, dass die wahre Maria Fortus keine Leinwandschönheit war, sondern eine derbe, oft mürrisch oder finster dreinblickende, früh zur Fülle neigende Frau, wurde in diesen Filmen großzügig mit den biographischen und historischen Fakten umgegangen. Wenig erstaunlich ist daher, dass es heute Zeitgenossen gibt, die den Wahrheitsgehalt verschiedener Details dieser Biographie anzweifeln, ohne allerdings mit viel mehr als Gerüchten und Mutmaßungen aufwarten zu können – und die dadurch weitere Verwirrung stiften.¹ Dabei spielen antikommunistische und antirussische Einstellungen keine geringe Rolle.

Im folgenden soll nun versucht werden, die wichtigsten Puzzleteile dieses Lebens zu einem sinnvollen Ganzen zusammenzusetzen. Dabei muss bedauerlicherweise manches fragmentarisch, anderes fragwürdig und unklar bleiben.

Turbulente Jugend

Maria (eigentlich Miriam oder Mira) Fortus war am 10. Juli 1900 in einer jüdischen Familie in dem Ort Bolschaja Alexandrowka in der Nähe der ukrainischen Hafenstadt Cherson zur Welt gekommen. Ihr Vater, Abram Samuilowitsch Fortus, soll Bankdirektor und Schiffseigner gewesen sein, sie selbst gab seinen Beruf in den Komintern-Unterlagen lieber mit »Apotheker« an. Bereits 1913 soll er die Familie verlassen haben, zu der noch der ein Jahr jüngere Sohn Michail und die jüngere Tochter Adelaida gehörten. Über die Mutter ist lediglich bekannt, dass sie später in Moskau lebte und ein enges Verhältnis zu ihren Kindern und Enkeln, die sie zum Teil allein aufzog, hatte. Maria schrieb noch im Alter sehr liebevoll über sie.

Aus Geldmangel konnten die Geschwister nur die Mittelschule besuchen; offenbar musste Mascha, wie ihre Freunde sie nannten, schon mit 14 oder 15 Jahren zum Unterhalt der Familie beitragen. Sie soll Stickerin in einem Konfektionsbetrieb gewesen sein. Doch sie war hochintelligent und wissbegierig, erlernte im Laufe ihres Lebens mehrere Fremdsprachen.

Mit sechzehn Jahren schloss sie sich dem Arbeiterjugendverband der Partei der Sozialrevolutionäre (SR) an und beteiligte sich an der Befreiung politischer Gefangener. Nach der Oktoberrevolution wurde sie Mitglied der Bolschewiki und der Roten Garden. Als sie nach dem Ersten Weltkrieg im Hafen von Cherson unter französischen Interventionssoldaten und Matrosen agitierte, soll sie auf ihren späteren Mann, den spanischen Anarchisten Ramon Casanellas Lluch getroffen sein, der auf einem französischen Kriegsschiff als Mechaniker diente. Ob sie sich wirklich schon damals kennenlernten, ist umstritten. Ebenso die Frage, ob Maria 1919 einen Sohn von ihm zur Welt brachte. (Casanellas Sohn soll in Wirklichkeit aus einer früheren Verbindung ihres Mannes stammen und von Maria später adoptiert worden sein.²) Das war der Auftakt eines an bedeutenden Aktivitäten und unglaublichen Abenteuern reichen Lebens, dessen Fülle nur in einer mehrere hundert Seiten langen Biographie zu fassen wäre.

1919 übernahm sie eine Funktion bei der Tscheka (»Außerordentliche Kommission zur Bekämpfung von Konterrevolution, Spekulation und Sabotage«) des Gouvernements. Ihre erste spektakuläre Aktion im Bürgerkrieg soll darin bestanden haben, einen umfangreichen Gold- und Brillantenschatz von Cherson nach Kiew zu transportieren. Dafür band sie sich den Schatz in einem Beutel vor den Bauch, um wie eine Schwangere auszusehen, und gelangte – so wird erzählt – mit ihrem Begleiter völlig erschöpft und halb verhungert und verdurstet, aber unbeschadet ans Ziel, obwohl beide unterwegs von Banditen angehalten worden waren. Danach war sie in Melitopol tätig, das von den Truppen des Anarchisten Nestor Machno besetzt war, die damals die Ukraine beherrschten und in Rivalität zur Roten Armee standen; aus unbekannten Gründen soll sie dort zweieinhalb Monate im Gefängnis verbracht haben.

Um 1920 arbeitete sie für die Tscheka in Jelisawetgrad (heute Kropywnyzkyj) und Charkow (heute Charkiw). Sie wurde in die Armee von Machno eingeschleust. Nach einiger Zeit flog sie jedoch auf und wurde (angeblich von Machnos Gefährtin Galina Kusmenko persönlich) zum Tode verurteilt. Maria soll an die Wand gestellt worden sein, doch ihre Hinrichtung schwerverletzt überlebt haben – ein großer Mantelknopf aus Metall habe die tödliche Kugel abgebremst.³

Bald darauf habe sich das Szenario in Odessa wiederholt: Während sie heimlich das Zimmer eines weißgardistischen Offiziers durchsuchte, soll der plötzlich heimgekehrt sein und zweimal auf sie geschossen haben. Anschließend habe er sie ins Krankenhaus gebracht, da er überzeugt war, dass sie im Sterben lag. Heute heißt es, diese Geschichte sei nur erfunden worden, um Maria Fortus unauffällig aus dem Verkehr zu ziehen; sie sei damals sogar für tot erklärt worden. In ihrer Komintern-Akte werden für die Jahre zwischen 1920 und 1922 Aufenthalte in Cherson, Nikolajew und Odessa, aber auch in Frankreich (Frühjahr bis Sommer 1922) angegeben.

Ab Herbst 1922 studierte sie fünf Jahre lang am Institut für Ostkunde der Kommunistischen Universität der Werktätigen in Moskau. Dort traf sie erneut (oder erstmals?) auf den Spanier Ramon Casanellas Lluch, der inzwischen ein überzeugter Kommunist geworden war, und heiratete ihn. Nebenbei war sie Leiterin der geheimen Sachbearbeitung einer Abteilung des Obersten Volkswirtschaftsrats.

Laut Kominternakte war sie anschließend bei der Roten Gewerkschaftsinternationale und im Außenhandel tätig; nach anderen Angaben wurde sie 1930 mit ihrem Mann nach Mexiko geschickt, wo er als Instrukteur für die KP im Einsatz war. (Das Kind blieb in Moskau zurück.) 1932 ging sie mit ihm zur illegalen Parteiarbeit nach Spanien, er arbeitete als Parteisekretär in Katalonien. Doch schon im Oktober 1933 starb er auf der Fahrt nach Madrid bei einem Motorradunfall, der möglicherweise von Faschisten inszeniert worden war. Maria wurde nach der Beerdigung festgenommen, im Sommer 1934 aus Spanien ausgewiesen und gehörte dann zwei Jahre als Referentin dem Exekutivkomitee der Komintern an. Zeitweilig fungierte sie auch als Redakteurin der spanischen Ausgabe der Zeitschrift Kommunistische Internationale.


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NEUER BEITRAG12.05.2020, 20:18 Uhr
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12.05.2020, 20:22 Uhr
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Im Spanienkrieg

Nach Beginn des Spanischen Krieges wurde Maria Fortus 1936 unter dem Decknamen Julia Jiménez Cardenas – gemeinsam mit ihrem neuen Lebensgefährten Ruben Awakow – wieder nach Spanien geschickt. Offiziell Dolmetscherin des sowjetischen Militärberaters beim Generalstab der Republikanischen Armee, General Petrowitsch (d. i. K. A. Merezkow), war sie vor allem für den sowjetischen Geheimdienst tätig und erfüllte Spezialaufgaben, zu denen eventuell auch die Bekämpfung von Anarchisten und Trotzkisten gehörte. Ab Ende 1937 soll sie Verbindungsoffizier von General Manfred (Moses) Stern (1896–1954) gewesen sein. Sie hielt zudem Kontakt zur Kommunistischen Partei Spaniens und freundete sich u.a. mit der Revolutionärin und Kommunistin Dolores Ibárruri an, die im Spanienkrieg die Losung ¡No pasarán! (dt. »Sie werden nicht durchkommen!«) prägte und mit ihren Reden die Massen begeisterte. Maria soll selbst an Kämpfen teilgenommen und sich einmal panisch flüchtenden republikanischen Kämpfern in den Weg gestellt, sie durch empörte Worte zur Umkehr bewegt haben, wie Merezkow erzählte.

Als Kundschafterin bereitete sie durch präzise Informationen unter anderem die Bombardierung eines spanischen Militärflugplatzes in der Nähe der Stadt León vor, bei der vierzig feindliche Flugzeuge vernichtet werden konnten. Ihr Sohn oder Adoptivsohn Ramón war in Spanien als Pilot für die Republik im Einsatz und kam 1937 bei Zaragoza ums Leben.

Maria Fortus kehrte im Februar 1939 nach Moskau zurück, wo sie als Redakteurin und Übersetzerin im Verlag für fremdsprachige Literatur angestellt war. Daneben besuchte sie als eine von wenigen Frauen die Militärakademie M. W. Frunse, die sie 1941 mit Auszeichnung absolvierte. Inzwischen bekleidete sie den militärischen Rang eines Hauptmanns.

Nach dem Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 wurde sie zunächst in die Leitung des 46. Garde-Nachtbombenfliegerregiments von Marina Raskowa berufen, das ausschließlich aus Frauen bestand, den von den Deutschen gefürchteten sogenannten Nachthexen. Doch Maria wollte unbedingt zu den Partisanen und wurde schließlich der neu entstandenen Sondergruppe »Pobeditjeli« (»Sieger«) des Volkskommissariats für innere Angelegenheiten (NKWD) von Oberst Dmitri Medwedjew in der Ukraine zugeteilt, der auch mindestens ein Dutzend ehemalige Spanienkämpfer angehörten. Ihre Arbeit begann im Juni 1942, Maria war stellvertretende Leiterin der Aufklärungsabteilung. Die Gruppe organisierte den Partisanenkampf im großen Maßstab, sie soll Tausende gegnerischer Soldaten getötet, eine Reihe hoher faschistischer Funktionäre und Offiziere liquidiert und jüdische Verfolgte gerettet haben. Ein großer Teil dieser Heldentaten werden dem legendären Kundschafter Nikolai Kusnezow (1911–1944) zugeschrieben.

Maria Fortus soll als Parteisekretärin in dieser Einheit auf Schwierigkeiten und Mobbing gestoßen sein, die sie schließlich zur Flucht gezwungen haben sollen. Ihre veröffentlichten Tagebücher aus dieser Zeit vermitteln allerdings ein harmonisches Bild des Zusammenlebens. Der offiziellen Version zufolge wurde sie bei einem der Kämpfe verletzt und dann evakuiert. Nach ihrer Genesung wurde sie in die Aufklärungsabteilung beim Stab der 3. Ukrainischen Front geschickt, wo sie erneut Aktionen im Rücken des Gegners plante und durchführte. Diese Tätigkeit als Kundschafterin setzte sie dann auch in Rumänien und Ungarn fort.

Berühmt wurde ihre Operation »Alba Regia« in der ungarischen Kleinstadt Szekesfehervar unweit von Budapest, die den obenerwähnten gleichnamigen Spielfilm von 1961 anregte. Die Rote Armee hatte die Stadt 1944 bereits befreit, musste sie aber wieder räumen. Maria plazierte eine Undercoveragentin, die Funkerin Lidia Martyschtschenko, als angebliches tschechisches Dienstmädchen in der Privatpraxis eines mit der Sowjetunion sympathisierenden ungarischen Arztes. Diese informierte sodann über Funk (Codewort »Alba Regia«) regelmäßig die Rote Armee über die militärische Lage vor Ort und über das, was deutsche Offiziere in der Arztpraxis an Neuigkeiten ausplauderten.

Maria Fortus selbst soll in deutscher Uniform in das noch von den Nazis besetzte Budapest vorgedrungen sein, um dort im Königsschloss Geheimdokumente zu requirieren. Auf dem Rückweg setzte ein alliierter Luftangriff ein, sie und ihr Begleiter wurden in einem Keller verschüttet. Wie es ihnen dennoch gelang, wohlbehalten mit den Unterlagen zurückzukehren, darüber gibt es die unwahrscheinlichsten Gerüchte. Angeblich halfen ahnungslose deutsche Soldaten ihren »Landsleuten« aus der misslichen Lage...

Bei Kriegsende befand sich Maria Fortus bei der Zentralen Militärverwaltung der Roten Armee in Wien. Es heißt, sie habe den Auftrag gehabt, deutsche Kriegsverbrecher aufzuspüren und für die Sowjetunion wissenschaftlich-technische Informationen zu beschaffen. So habe sie in Österreich ein unterirdisches Werk ausfindig gemacht, in dem Geheimwaffen hergestellt worden waren (es könnte sich um einen Betrieb des Außenlagers Gusen II des KZ Mauthausen gehandelt haben). An anderer Stelle wird berichtet, sie habe derartige technische Anlagen bei Leitmeritz (heute Litomerice) erkundet, wo zwischen März 1944 und Mai 1945 ein Außenlager des Konzentrationslagers Flossenbürg mit unterirdischer Rüstungsproduktion betrieben worden war.

Der ehemalige Kommandant der sowjetischen Garnison in Budapest, General I. T. Samerzew, erklärte: »Nur wenige wussten, welchen schweren Weg diese kluge und tapfere Frau gegangen war, wie viele Heldentaten sie in ihrem Leben vollbracht hat. Maria Fortus sprach nicht gern über sich.« Für ihre Verdienste erhielt sie insgesamt 34 Auszeichnungen verschiedener Länder, darunter zweimal den Rotbannerorden und zweimal die höchste sowjetische Auszeichnung überhaupt, den Leninorden. Auch zum »Helden der Sowjetunion« sollte sie angeblich ernannt werden, was daran gescheitert sei, dass ihr ein Jahr jüngerer Bruder Michail Fortus (»Mif«), ein angesehener Wissenschaftler, der Leiter der Fernostabteilung des Exekutivkomitees der Komintern gewesen war, 1938 auf der Grundlage falscher Tatsachen als »Volksfeind« erschossen worden war. Durch den Zweiten Weltkrieg hatte Maria ihren zweiten Lebensgefährten verloren: Ruben Awakow war 1943 gefallen.

Kein Ruhestand

Nach dem Krieg heiratete sie den Militäraufklärer Gennadi Saizew, mit dem sie zusammen für den Militärgeheimdienst GRU in Moskau arbeitete. 1955 nahm sie aus gesundheitlichen Gründen ihren Abschied im Rang eines Oberstleutnants.

Doch wer glaubt, dass sie sich nach einem derart ereignisreichen und aufreibenden Leben zur Ruhe setzte, irrt. Die energiegeladene Mittfünfzigerin schrieb noch eine Doktorarbeit im Fach Soziologie, die sie mit Erfolg verteidigte, und begann im Institut für Konkrete Sozialforschung der Akademie der Wissenschaften der UdSSR zu arbeiten.

Nebenbei publizierte sie Bücher über ihre Erlebnisse während des Krieges, darunter »Duell mit der Gestapo« (1965, zusammen mit W. Trawinski). Sie berichtete auch wiederholt in Zeitungen und im Radio über die Operation »Alba Regia«, die ihr und führenden Partei- und Staatsfunktionären als vorbildliche Reminiszenz an die sowjetisch-ungarische Freundschaft, die durch die Ereignisse von 1956 gelitten hatte, erschienen sein muss. Dafür machte sie ihre inzwischen verheiratete, als Krankenschwester tätige ehemalige Funkerin Lidia ausfindig.

In der Folge wurde die Geschichte, wie erwähnt, verfilmt; das beteiligte ungarische Arztehepaar erhielt eine sowjetische Kriegsauszeichnung und die Kundschafterin die Ehrenbürgerschaft von Szekesfehervar (und später, in einem anderen Zusammenhang, die der tschechischen Stadt Litomerice).

Über die letzten Lebensjahre von Maria Fortus heißt es: »In ihre Moskauer Wohnung bringt der Postbote häufig Stapel von Briefen, denn sie hat Freunde in vielen Ländern. Sie ist Mitglied des Vorstandes der Gesellschaften UdSSR–Frankreich und UdSSR–Ungarn und arbeitet aktiv im sowjetischen Kriegsveteranenkomitee mit.«

1978 erschienen ihre von ihr überarbeiteten Tagebücher aus der Partisanenzeit in der Literaturzeitschrift Baikal (Ulan-Ude), dem Organ des Schriftstellerverbandes der Burjatischen ASSR. Sie fanden großes Interesse bei den Lesern. Aus diesem Grund bat die Redaktion sie im Vorfeld des 35. Jahrestages des Sieges über den Faschismus um weitere Berichte aus dieser Zeit. »Ihre Nachricht über die Resonanz auf meine Tagebücher hat mich sehr gefreut«, antwortete sie, »mir scheint, das Geheimnis (ihres Erfolgs, C. F.) besteht darin, dass es sich um wahrheitsgemäße, authentische Aufzeichnungen von Ereignissen handelt, die am selben Tag geschehen waren.«¹² Die »Seiten aus einem Partisanen-Tagebuch« im Umfang von mehr als 100 Seiten wurden wie geplant 1980 im Mai/Juni-Heft der Zeitschrift abgedruckt. Vermutlich war es ihre letzte größere Veröffentlichung. Ende Februar 1981 starb Maria Fortus-Saizewa im Alter von 80 Jahren in Moskau.

Künftige, dokumentarisch fundierte Publikationen werden vielleicht einige der über sie kursierenden Geschichten ins Reich der Legende verweisen, hoffentlich aber ein detaillierteres, unzensiertes Bild dieser Frau und der riskanten Aktionen, an denen sie beteiligt war, zeichnen. Darauf darf man gespannt sein!


Von Cristina Fischer in der jW vom 08.05.
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NEUER BEITRAG12.05.2020, 20:30 Uhr
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arktika

Kämpferinnen gegen Faschismus, mit und ohne Uniform! Und eine Buchvorstellung von Christiana Puschak, auch in der jW vom 8. Mai:

Zeugnis von Zivilcourage
»Mit Mut und List«: Florence Hervés Sammelband über europäische Frauen im Widerstand gegen Faschismus und Krieg


In diesem Mai 2020 jährt sich zum 75. Mal die Befreiung von der Terrorherrschaft des deutschen Faschismus. Zu ihr trug der Widerstand von Menschen in ganz Europa bei, darunter zahlreiche Frauen. »Ohne Anspruch auf Repräsentativität und Vollständigkeit« hat die Germanistin Florence Hervé nun einen Sammelband herausgegeben, der belegt, dass politischer Widerstand gegen die Naziherrschaft zwischen 1933 und 1945 keineswegs in erster Linie männlich war, wie noch Wolfgang Benz und Walter H. Pehle im »Lexikon des deutschen Widerstands« vermittelt haben. Ein Team von Wissenschaftlerinnen und Journalistinnen stellt 75 Frauen aus 20 europäischen Ländern vor, deren Biographien das in beeindruckender Form belegen und die große Bandbreite des damaligen weiblichen Widerstands aufzeigen. Gegliedert nach Herkunftsländern werden die Kapitel mit einer Skizze zur Situation des jeweiligen Landes eingeleitet.

Unterschiedlich war bei den Frauen der Weg in den Widerstand. Auffällig viele von ihnen waren bereits in jungen Jahren in Schüler- oder Jugendorganisationen tätig. So war Johanna Kirchner mit 14 in der Arbeiterjugend aktiv, Doris Maase mit 18 in der »Roten Studentengruppe« und Marianne Baum leitete mit 18 Kindergruppen bei den »Roten Falken«. Die Italienerin Teresa Noce war als 20jährige Mitgründerin eines sozialistischen Jugendkreises, die Jugoslawin Neda Bozinovic in der Studenten- und Frauenbewegung tätig und Lisa Fittko bei den Pfadfindern. Die meisten konnten schon als junge Frauen Missstände nicht »untätig ansehen und Unrecht erdulden«, wie es die Österreicherin Rosa Jochmann ausdrückte. Sie sahen die Möglichkeit, selbst etwas zu bewirken. Manche strebten einen Beruf im medizinischen Bereich an, wie die Griechin Maria Beikou oder die Französin Adélaïde Hautval, andere fanden Wege eines sozialen Engagements, wie die Schweizerin Gertrude Duby-Blom, die Polin Irena Sendler oder die Deutsche Greta Kuckhoff.

Den Weg zum aktiven Widerstand fanden die Frauen durch Kontakte, Freundschaften, Suche nach Gleichgesinnten, manchmal durch ihre Partner und Ehemänner. Häufig waren einschneidende Erlebnisse für ihre Haltung und ihr Handeln ausschlaggebend.

Ebenso vielfältig wie die Wege in den Widerstand waren die Aktivitäten gegen die Nazidiktatur in ihren Formen, in ihrer Motivation sowie praktischen Durchführung.

In den besetzten Ländern ging es um die Befreiung vom äußeren Feind, in den nicht besetzten Ländern um die Unterstützung Verfolgter. Politisch organisierte Frauen engagierten sich ebenso wie christlich und humanistisch gesinnte. Sie durchbrachen traditionelle Geschlechterrollen und gingen selbstbestimmte Wege. Manche tarnten sich: die Belgierin Sarah Goldberg war abends als Funkerin der »Roten Kapelle« aktiv und arbeitete tagsüber als Modistin. Die Französin Lucie Aubrac war für ihre Genossen die Verbindungsagentin Catherine und für die Außenwelt Mutter und Gymnasiallehrerin. Die Norwegerin Astrid Løken stellte als Insektenforscherin in der Dunkelkammer der Universität heimlich Mikrofilme her und leitete sie weiter.

Viele Frauen setzten sich zur Wehr, ohne sich tarnen zu können. Ursula Goetze sammelte mit anderen für politisch Verfolgte und hörte verbotene Sender ab, die Belgierin Yvonne Jospa suchte Verstecke für Kinder verfolgter Eltern. Manche führten politische Schulungen durch, andere verteilten illegale Flugblätter und viele verhalfen Verfolgten des Naziregime zur Flucht: »Es war das Selbstverständliche.«

Auch Frauen aus nicht besetzten Ländern leisteten Widerstand. Die Schwedin Amelie Posse war Mitgründerin eines geheimen Debattierklubs, in der Schweiz betätigte sich die Schriftstellerin Mentona Moser in der »Roten Hilfe«, ihre Landsfrau Regina Kägi-Fuchsmann organisierte Ferien für Kinder von Arbeitern und Geflüchteten.

Der unbändige Wunsch nach Freiheit und einer gerechten Welt zieht sich wie ein roter Faden durch das Leben dieser Frauen. Dafür traten sie, »sich der Gefährlichkeit ihres Tuns bewusst«, häufig unter Einsatz ihres Lebens ein.

Diejenigen, die die faschistische Terrorherrschaft überlebten, engagierten sich weiterhin, manche sogar bis ins hohe Alter. In politischen oder sozialen Bereichen setzten sie sich für Frauenrechte und Frieden ein. Gegen Rassismus, Krieg und Diskriminierung erhoben sie ihre Stimme.

Lebendig und anschaulich schreiben die Autorinnen. Sie erzählen knapp und informativ über Leben und Wirken dieser Widerstandskämpferinnen, wie sie ihr Unbehagen an gesellschaftlichen Entwicklungen in mutiges Handeln umsetzten. Die individuellen Wege der Emanzipation machen nachdenklich, aber auch zuversichtlich. Hier liegt ein beeindruckendes Zeugnis von Zivilcourage und Mut in repressiver Zeit vor. Das Buch liefert eine hoch zu schätzende Erweiterung unserer Kenntnis über Widerstandskämpferinnen und Anregungen zur Weiterarbeit.

Florence Hervé (Hg.), Mit Mut und List, Europäische Frauen im Widerstand gegen Faschismus und Krieg, Papyrossa, Köln 2020, 294 Seiten mit 32 s/w-Abb., 17,90 Euro


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