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NEUES THEMA31.01.2020, 14:52 Uhr
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FPeregrin

• 100 Jahre Kapp-Putsch u. Rote Ruhr-Armee Aus der jW von gestern:

»Terror demoralisiert«

Vorabdruck. Der Kampf der Arbeiter gegen den Kapp-Putsch vom März 1920 eröffnete Chancen zu wirklichen gesellschaftlichen Veränderungen. Die SPD-Führung, mit der Mordsoldateska der Freikorps verbunden, hintertrieb das

Von Klaus Gietinger

In Kürze erscheint im Stuttgarter Schmetterling-Verlag von Klaus Gietinger das Buch »Kapp-Putsch. 1920 – Abwehrkämpfe – Rote Ruhrarmee«. Wir veröffentlichen daraus mit freundlicher Genehmigung von Verlag und Autor das – redaktionell bearbeitete – Schlusskapitel. (jW)

Klaus Gietinger: Kapp-Putsch. 1920 – Abwehrkämpfe – Rote Ruhrarmee. Schmetterling-Verlag, Stuttgart 2020, 325 Seiten, 19,80 Euro/ Klaus Gietinger ist Autor, Regisseur und ­Sozialwissenschaftler.

»Es war dies ein Gegner, der leider allzu bescheiden war.« Ein Gegner, der »vor allem etwas nicht wollte, nämlich den Krieg«. Das schrieb einer der geistigen Wegbereiter des Faschismus über die Revolutionäre des Jahres 1919 in Berlin. Erst an den »späteren Formationen des Kommunismus ist ein positiver und kriegerischer Wille zur Macht nicht zu verkennen«. Womit Ernst Jünger, neun Jahre nach dem Kapp-Putsch in seinem in Essen herausgegebenen Buch »Der Kampf um das Reich« – das den Hitlerputsch von 1923 verherrlichte –, die Rote Ruhrarmee meinte. Ihm schienen die »Spartakisten« des Januars und März 1919 in Berlin, aber auch die in Mitteldeutschland und im Ruhrgebiet viel zu human, um sich – wir versuchen uns in seiner Sprache – »durchzutanken«. Ihnen habe anders als 1920 der »kriegerische Wille zur Macht« gefehlt.

Das in scheinbarer Anlehnung an Nietzsche vorgebrachte Kompliment für die Rote Ruhrarmee, geht gleichwohl fehl, hauptsächlich fehl. Zwar mangelte es den radikaleren Kämpfern vor der Festung Wesel am Niederrhein, angefeuert von Polizeispitzeln wie Gottfried Karusseit, nicht an Entschlossenheit – es waren »linke Militaristen«, so Wilhem Pieck, die letztlich allein mit militärischen Mitteln den Sieg erringen wollten. Der Rest, und das war die übergroße Mehrheit der Roten Ruhrarmee, hatte indes nicht den Willen zur Macht, sondern wollte den preußischen Militarismus in Form der »Noskiden«, also in Form der Freikorps, zerschlagen. Dabei benutzte sie die Guerillamethode, wie sie Friedrich Engels schon 1848 als Mitglied und Kämpfer der pfälzischen Befreiungsarmee vorgeschlagen hatte. Vor den militärisch überlegenen und besser ausgerüsteten Blöcken der Freikorps wandte sie die Schwarmeinkreisung an, so dass diese ihre schweren Waffen oft nicht einsetzen konnten, gleichzeitig wichen die Rotgardisten taktisch immer wieder zurück, um die schwerfälligen, immer noch in der offenen Feldschlacht geschulten Soldaten des Ersten Weltkriegs ins Leere laufen zu lassen.

Diese Erfahrung sowie die antidemokratische Stoßrichtung der »Regierungstruppen«, die reaktionäre Gesinnung der Offiziere und Unteroffiziere, führte bei den Mannschaften zu Auflösungserscheinungen. Desertion war angesagt. Das »Gift des Bolschewismus«, wie dies die Putschisten und nicht nur die nannten, erfasste die weißen Garden. Es war aber nicht das Gift aus dem »Reich des Bösen«, sondern das Gegengift der Vision einer herrschaftsfreien Gesellschaft.

Gigantischer Streik

In den Vororten von Berlin, in Mecklenburg, Sachsen, Thüringen und im rheinisch-westfälischen Industriegebiet, im Kohlenpott, hatten Arbeiter spontan zu den Waffen gegriffen. Vorausgegangen war ein gigantischer Generalstreik. Auch der entwickelte sich zuerst aus spontanen lokalen Aktionen, wuchs dann durch die Unterschrift der SPD-Führung, durch die Aufrufe des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB), des Allgemeinen freien Angestelltenbundes (AfA), der christlichen Gewerkschaften, der SPD, der USPD und der KPD, aber auch durch Unterstützung der liberalen Deutschen Demokratischen Partei (DDP). Es kam zu einer letzten fragilen Einheit der Arbeiterklasse, die von Teilen des Bürgertums unterstützt wurde (DDP, Zentrum).

Vorderhand belegten die Reaktionen auf den Kapp-Putsch, dass breite Volksschichten zu den erreichten demokratisch-revolutionären Errungenschaften standen, sie sogar mit einem Generalstreik verteidigten oder sich wie die Verwaltung der Diktatur gegenüber zumindest passiv verhielten. Generalstreik und Volksbewaffnung gingen jedoch über die Abwehr des Putsches hinaus, die Massen verlangten jetzt eine grundsätzliche Demokratisierung aller gesellschaftlichen Bereiche. Ein schier unüberwindliches Problem war dabei der Pakt der Führung der SPD und der Führung von DDP und Zentrum mit den alten und den sich entwickelnden neuen militärischen Mächten, der schon im Winter 1918 geschlossen und im Januar bis Mai 1919 mit dem Blut von Tausenden ermordeter Menschen, dem »Gründungsmassaker der Weimarer Republik« (so der irische Historiker Mark Jones), besiegelt worden war.

Die Weimarer Koalition hatte sich nicht nur bedingungslos dem militärischen Apparat ausgeliefert, sondern sich auch mit ihm gemein gemacht. Den preußisch-deutschen Militarismus zu zerschlagen und eine demokratische Milizarmee aufzubauen – wie vom Reichsrätekongress (der zu zwei Dritteln aus SPD-Mitgliedern bestand) beschlossen und zuvor bereits im Erfurter Programm der SPD von 1891 gefordert –, verhinderte unter dem Druck der Obersten Heeresleitung (OHL) erst eine Notgemeinschaft aus SPD und USPD (Dezember 1918), dann eine reine SPD-Regierung (Weihnachten 1918 bis Ende Januar 1919) und schließlich eine preußennahe Regierungskoalition aus SPD, DDP und Zentrum. Der Terror der Freikorps, von der SPD-Führung bzw. von ihrem Volksbeauftragten für Heer und Marine, Gustav Noske, mit Unterstützung der OHL gegen die aufbegehrenden und das Parteiprogramm einfordernden Massen aufgebaut, wurde von der Regierung, dem Reichspräsidenten und der Fraktion der SPD gebilligt.

Dem Pabst/Noskeschen Terrorbefehl vom März 1919 kommt dabei entscheidende Bedeutung zu. Mit ihm wurden die Panzer, die Artillerie, die Flugzeuge, die Flammenwerfer, die MGs gegen die Bevölkerung eingesetzt. Nach dem Kampf setzte grenzenloser Terror ein – durch die Exekutionen, »Standgerichte«, durch »Fangschuss«. Es war ein Befehl zum Massenmord, ein Meilenstein auf dem Weg zum Faschismus. Ein Befehl, den die deutschen Militärs schon 1907 erwogen und gegen den Noske 1911 noch im Reichstag protestiert hatte. Im März starben in Berlin mindestens 1.200 Menschen, im Mai gab es in München etwa 1.000 Tote.

Die Ausführung des Terrorbefehls wurde von Noske und Friedrich Ebert sanktioniert und von ersterem bis zuletzt auch als Zeuge vor Gericht verteidigt. Major von Lützow, Kommandant des gleichnamigen Freikorps, das 1920 auch im Ruhrgebiet mordete, drückte dies 1921 so aus: »Dass Noske in Berlin nach Niederschlagen der Unruhen vom März 1919 in einer Besprechung der Kommandeure uns seinen Dank ausgesprochen und dabei hinzugesetzt hat, er wäre der letzte, der hinter einem kleinen Leutnant wegen einer vielleicht nicht ganz gerechtfertigten Erschießung herlaufen und ihm den Prozess machen würde.« In einer seiner letzten Amtshandlungen gewährte Noske General Watter genau diese Straffreiheit im Ruhrgebiet.

Gleichzeitig unterstützten Noske, die Weimarer Koalition und die preußische Regierung den maßgeblich vom Ersten Generalstabsoffizier der Garde-Kavallerie-Schützen-Division (GKSD), Waldemar Pabst und den Generälen angestrebten Wiederaufbau einer durchmilitarisierten Gesellschaft mit Freikorps, Zeitfreiwilligen, Einwohnerwehren, Sicherheitspolizei (Sipo), Technischer Nothilfe, ja Wehrbauern. Erst die Alliierten und der Versailler Vertrag machten ihnen einen Strich durch die Rechnung. Militärischer Widerstand, auch ein Rückzug östlich der Oder mit Überfall auf Polen, wie es Kriegsminister Walther Reinhardt vorgeschlagen hatte, erschien, das wusste General Groener, aussichtslos. Nachdem Pabsts Garde-Kavallerie-Schützen-Division aufgelöst, ein Putsch Pabsts verhindert und im Oktober 1919 mit Unterstützung des ehemaligen OHL-Chefs Erich Ludendorff die antirepublikanische »Nationale Vereinigung« gegründet worden war, pfiffen es die Spatzen von den Dächern, dass ein Staatsstreich bevorstand. Oder wie es General Ernst von Oven vor dem Reichsgericht ausdrückte: »Dass wegen eines Putsches Abmachungen zwischen Kapp, Lüttwitz, Bauer, Pabst und Ehrhardt bestanden, war damals Tagesgespräch.«


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NEUER BEITRAG31.01.2020, 14:56 Uhr
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Rote Flut

Nur Noske hatte angeblich davon nichts mitbekommen. In seiner Furcht vor dem Bolschewismus versprach er den Militärs den Fortbestand der Freikorps. Weder er noch Ebert hatten in ihrer Verblendung begriffen, dass die sich auch gegen sie wenden würden. Dass Figuren wie General Seeckt oder auch die Sicherheitspolizei sie nun im Stich ließen, war ihnen unbegreiflich. In allergrößter Not unterschrieben bzw. billigten Ebert und Noske den Aufruf zum Generalstreik, jenen Massenstreik also, den sie innerhalb der SPD gegen Rosa Luxemburg immer bekämpft hatten. Das war in den Augen des Reichspräsidenten und seines Reichswehrministers eine notwendige Sünde, die begangen zu haben sie, aus Berlin vertrieben, schon in Dresden leugneten und in Stuttgart nochmals abstritten.

Den Militärs – ob deren Kommandeure nun beim Putsch mitmachten, ihn billigten, mit ihm sympathisierten oder sich auf den Standpunkt von Ruhe und Ordnung zurückzogen – und natürlich nicht zuletzt den Freikorps erschien der Generalstreik gleichsam als eine rote Flut, die ihre militärische Macht angriff: Die geschlagenen Hunde fingen an, ihre Herren effektiv zu beißen, und nutzten dabei das, was sie im Weltkrieg auch von denen, die sie dahin getrieben, gelernt hatten: den Umgang mit Waffen. Und plötzlich, nicht wie 1919, verloren die Freikorps und Sipos und mussten die Waffen strecken, in Ostdeutschland, in Mitteldeutschland und im Westen. Sie standen vor der Auflösung, gerieten in Panik, schworen Rache. Während es ihnen 1919 im geschurigelten Bayern noch gelungen war, an der Macht zu bleiben, in Württemberg und Baden, in Hessen und Norddeutschland der bewaffnete Widerstand weitgehend ausblieb und im Osten, in Sachsen und Thüringen die Kraft der Arbeiterbewegung nicht ausreichte, die wahllos in die Menge schießenden Militärs gefangen zu nehmen, einige Obere zur Rechenschaft zu ziehen, gelang es im Westen, in Westfalen, im Ruhrgebiet, einen großen Landstrich unter die Kontrolle der Roten Armee und der Vollzugsausschüsse zu bringen.

Parallel zum Sieg im Ruhrgebiet brach aufgrund des Generalstreiks der Militärputsch in Berlin in sich zusammen. Kapp, Lüttwitz, Pabst und Konsorten flohen. Die Regierung saß jedoch noch in Stuttgart. Dies wäre jetzt die Stunde der Gewerkschaften gewesen und die Stunde der USPD, die in Berlin eine große Mehrheit hinter sich hatte. Es wäre auch die Stunde der sich neu formierenden Rätebewegung gewesen, ja auch die Stunde der KPD.

Carl Legien, der Burgfriedensapostel, der Gewerkschafter, der mit dem Kapital im November 1918 einen Friedensvertrag geschlossen hatte, das »Stinnes-Legien-Abkommen«, lief ein letztes Mal zu Hochform auf und forderte eine Arbeiterregierung, eine Verfassungsänderung und wesentlichen Einfluss der Gewerkschaften.

Hätte die USPD unter Arthur Crispien nicht erst nein gesagt und dann verspätet ja, hätten die Räte, die USPD, Legien, der ADGB, die AfA den Streik fortgesetzt und vor allen Dingen nicht zugelassen, dass sich die Reichswehr neu formiert, hätten sich die Chancen auf eine basisdemokratische Veränderung der alten Machtstrukturen stark erhöht. Dazu hätte Reichsjustizminister Eugen Schiffer das Handwerk gelegt und Seeckt in den Ruhestand geschickt werden, ein USPD-Mann (z.B. Ernst Däumig) zum Reichswehrminister und ein republikanischer Offizier (z. B. Hans Paasche oder Hans-Georg von Beerfelde) zum Reichswehrkommandanten ernannt werden müssen. Die bewaffneten Arbeiter rund um Berlin hätten eine neue Regierung sicherlich geschützt, Sipo und die Brigade Ehrhardt mit der moralischen Autorität einer neuen Arbeiterregierung entwaffnet werden können.

Statt dessen durfte Schiffer sich Seeckt als neuen Exekutor aussuchen und zusammen mit ihm den verschärften Ausnahmezustand ausrufen. Als dann die Regierung aus Stuttgart zurück war, war es schon zu spät. Die Front der Teilnehmer am Generalstreik bröckelte, der Massenausstand wurde schließlich um den 25. März 1920 abgebrochen. Der Abzug der Putschisten aus Berlin wirkte sich schließlich auch auf das Ruhrgebiet aus. Die Bürgerlichen stiegen aus den Kampfleitungen und auch aus den Ausschüssen weitgehend aus. Die Spontanität der Massen, die unabhängig von SPD, USPD und KPD den Generalstreik und vor allem den Kampf aufgenommen hatten, erlahmte mit der vermeintlichen Eroberung der Macht.

Die Ausschüsse, die Räte kontrollierten zwar die Verwaltungen und Gemeinderegierungen, es kam aber mit wenigen Ausnahmen weder zur Ausrufung einer Arbeiterdemokratie, einer Diktatur des Proletariats, noch übernahmen die Betriebsräte die Leitung der Betriebe. Dass aber die proletarischen Massen grundsätzlich nicht bereit gewesen seien, auch ökonomisch und politisch Revolution zu machen, also nicht nur die Armee zu demokratisieren, sondern auch Betriebe und Verwaltung, lässt sich nicht ernsthaft behaupten, denn sie hatten nur 14 Tage Zeit. Solche Vorwürfe dienen letztlich nur dazu, die SPD-Führung zu entlasten.


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Severings Stunde

Die Rote Armee biss sich schließlich um den 23. März 1920 herum knapp nördlich der Lippe und vor allen Dingen vor Wesel fest und musste dort in den für sie äußerst ungünstigen Stellungskrieg übergehen. Auch Teile der SPD-Basis wollten nun, nachdem der Putsch abgewendet schien, ihren Frieden machen. Dies war die Stunde Carl Severings, der im Gegensatz zu Legien sich seiner Sache absolut sicher war und auch im Unterschied zu Noske in seinen Handlungen geschickter. Severing wollte von Anfang an die Arbeiterschaft spalten bzw. deren ja schon vorhandene und jetzt überdeckte Uneinigkeit nutzen. Erst wenn sie gespalten war, konnten sie von den »Regierungstruppen«, der zu 80 bis 90 Prozent aus Putschisten bzw. Freikorps bestehenden Armee und der ebenfalls putschistischen Sipo geschlagen werden. Die katastrophale Militärpolitik der SPD-Führung und der Weimarer Koalition, die Severing mitgetragen hatte, setzte ihn gleichzeitig extrem unter Druck. General Watter und seine rechtsdrehenden Befehlshaber entzogen sich Severing, der eine faule Kompromisspolitik betrieb, mehrfach und waren nach wie vor eine Bedrohung für ihn. Das galt auch als er preußischer Innenminister wurde und somit die Weisungsbefugnis über Watter hatte.

Man stelle sich nur kurz vor, Severing wäre kein rechter Sozialdemokrat gewesen, sondern einer, der Watter abgesetzt, die Freikorps aufgelöst und der Roten Armee, die ja nun beileibe keine bolschewistische war, die Hand gereicht hätte. Und in Berlin wäre eine Arbeiterregierung aus SPD, USPD und KPD zustande gekommen. Vermutlich hätte es dann mit den Freikorps etc. noch Kämpfe gegeben, aber die wären politisch, moralisch und militärisch zu gewinnen gewesen.

Ein dritter Faktor waren die Alliierten, die einen Bolschewismus nach russischem Vorbild sicherlich nicht akzeptiert hätten, die aber eine demokratische Armee und die Sozialisierung des Bergbaus nicht als Einmarschgrund gesehen hätten. Da war der Respekt vor dem preußischen Militarismus durchaus größer.

Dadurch, dass die bewaffneten Arbeiter im Osten des Landes letztlich nicht gegen die Reichstruppen durchdrangen, diese Kräfte mithin frei wurden, dadurch dass die Putschisten weg waren, die Arbeiterregierung in Berlin aber nicht zustande kam und die alte Regierung zurückkehrte, letztlich USPD und die Räte versagten, gerieten die Arbeiter im Ruhrgebiet in eine politisch wie militärisch ausweglose Situation. Sie sahen keine andere Möglichkeit, als sich auf das von Severing vermittelte »Bielefelder Abkommen« einzulassen und glaubten, der SPD-Rechtsaußen werde nicht mit falschen Karten spielen, obwohl der immer eine militärische Lösung in Betracht gezogen hatte. Die Rote Armee tat das, was Severing kalkuliert hatte: Sie zerfiel. Viele hielten die Vereinbarung nach vier Jahren Krieg und zwei Jahren Klassenkampf für annehmbar.

Doch mit dem »Bielefelder Abkommen« wurden die Arbeiter vorgeführt, angelogen und schließlich an die Wand gestellt. Die Kampfverbände und Räte, die die Übereinkunft erst gar nicht anerkannt hatten, waren zu schwach und dazu borniert, und die, die ihre Waffen wieder aufnahmen, als die Freikorps mordend einfielen, waren nun ebenso zu schwach und zu wenige. Der erneut aufgerufene Generalstreik erfasste mehr als 300.000 Menschen, konnte indes nicht lange aufrecht erhalten werden. Ob ein Rückzug in die Städte von Erfolg gekrönt gewesen wäre, sei dahingestellt. Aber weder die Regierung in Berlin noch die Freikorps-/Reichswehrführung wollte sich je an das »Abkommen« halten. Die Freikorps wollten Rache und sie bekamen dafür von der durch Arbeiter geretteten Regierung alle Macht in die Hand, auch illegale Standgerichtserlasse und faktische Mordbefehle. Die Weimarer Koalition, die nur ein paar Köpfe ausgetauscht hatte, ließ nun die, welche gegen sie geputscht hatten, gegen ihre Retter los und ihnen freie Hand. Das funktionierte auch ohne Noske.

Fanal des Faschismus

Es waren dies profaschistische Verbände, die wie Epp, Oberland, die Tübinger Studenten und Loewenfeld das Hakenkreuz auf Waffen und Stahlhelmen trugen. Die Thule-Gesellschaft in München hatte es von völkisch-antisemitischen Ideologen aus Österreich (Guido von List, Jörg Lanz von Liebenfels) übernommen und es zu einem faschistischen Symbol gemacht, das Antisemitismus und Antibolschewismus verband. In diesem Sinne wurde es von der Brigade Ehrhardt und den anderen im Ruhrgebiet verwendet.

Spätestens der Einsatz dieser Truppen ist die Geburtsstunde des deutschen Faschismus. »Terror demoralisiert«, hatte Rosa Luxemburg geschrieben. Die Arbeiterbewegung wurde dadurch nicht nur endgültig gespalten, sondern nachhaltig traumatisiert. Die Zahl der Todesopfer des Kapp-Putsches (etwa 2.600–3.000) und die der infolge der Zerschlagung der Novemberrevolution Getöteten sind im Vergleich zum Ersten Weltkrieg und anderen Bürgerkriegen ziemlich gering, aber die demoralisierende Wirkung des »Pardon wird nicht gegeben« und »Wir machen Matsch aus euch« war erheblich.


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NEUER BEITRAG26.03.2020, 12:04 Uhr
EDIT: FPeregrin
26.03.2020, 12:24 Uhr
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FPeregrin

100 Jahre Kapp-Putsch u. Rote Ruhr-Armee Da nun der jW-Dreiteiler von Leo Schwarz vollständig erschienen ist, stelle ihn jetzt hier mal ein. jW vom 13. März:

Kolossaler Brandherd

Kapp-Putsch. Vor 100 Jahren putschte die protofaschistische Rechte gegen die Republik. Teil 1: Der Staatsstreich und die bürgerlichen Parteien

Von Leo Schwarz

Am 11. März 1920 brachte das Zen­tralorgan der KPD unter der Überschrift »Pogromübungen« eine Einschätzung der politischen Lage. Nach dem Massaker vor dem Reichstag im Januar (siehe jW-Thema in der Ausgabe vom 11./12. Januar 2020) war – mit Ausnahme Süddeutschlands und Sachsens – der Ausnahmezustand verhängt und nicht mehr aufgehoben worden; eine neue Welle scharfer Repression hatte sich gegen den linken Flügel der Arbeiterbewegung und seine Presse gerichtet. Nationalistische Ausschreitungen und Attentate häuften sich. Das, so die Rote Fahne, seien die »Schatten, die das Ludendorffregiment vorauswirft«. Das konterrevolutionäre Bündnis von 1918/19, das die SPD-Führung mit dem liberalen Bürgertum und der äußersten Rechten gegen die radikale Linke eingegangen war, werde, zum Nachteil der »Scheidemannschaft«, von rechts aufgekündigt. Eine Diktatur, deren Haupt der 1918 vor der Revolution nach Schweden geflohene, im Vorjahr aber wieder zurückgekehrte General Erich Ludendorff sein werde, bereite sich vor: »Die Flämmchen, die hier eine nach der andern aus dem Boden dringen, zeigen an, dass ein kolossaler Brandherd nationalistischer Pogromhetze nahe am Ausbruch ist. Mögen die deutschen Arbeiter auf der Hut sein, dass sie nicht überrascht werden.«

»Schädlinge vernichten«

Schon Anfang März hatte das Blatt in einem Leitartikel auf die »passive Verfaulung des Ebert-Regimes« und die sich »in aller Gemächlichkeit« anbahnende »Thronbesteigung« des »Ludendorfflagers« hingewiesen. Am 13. März war der Putsch da. Eine ultrareaktionäre Gruppe bürgerlicher Politiker und hoher Offiziere, an ihrer Spitze – mit Ludendorff im Hintergrund – der ehemalige Vorsitzende der protofaschistischen, Ende 1918 aufgelösten Deutschen Vaterlandspartei, Wolfgang Kapp, und der Befehlshaber des Reichswehr-Gruppenkommandos 1 in Berlin, Walther von Lüttwitz, unternahm den Versuch, die von dem Sozialdemokraten Gustav Bauer geführte Koalitionsregierung zu stürzen. Ihr Ziel, ausgesprochen schon im Herbst 1919 in einem internen Dokument zur Selbstverständigung, war die Außerkraftsetzung aller »seit dem 9. November 1918« erlassenen Gesetze, ein grundsätzliches Streikverbot, die Beseitigung des Achtstundentages und die Errichtung eines autoritären Regimes auf monarchisch-föderativer Grundlage. Mit den »radikalen Elementen« auf der Linken sollte dabei kurzer Prozess gemacht werden. »Diese Schädlinge müssen rücksichtslos vernichtet werden. Kampf bis aufs Messer gilt es diesen staatsfeindlichen Elementen gegenüber«, hatte Lüttwitz am 1. September 1919 geschrieben – und zwar in einer Denkschrift für den sozialdemokratischen Reichswehrminister Gustav Noske.

Der Kapp-Lüttwitz-Putsch löste einen in der deutschen Geschichte beispiellosen direkten Zusammenstoß von Revolution und Konterrevolution aus. Ein von den Gewerkschaften und allen Arbeiterparteien getragener politischer Generalstreik, der mit etwa zwölf Millionen Teilnehmern bis zum 15. März das ganze Land erfasste, dazu bewaffnete Aktionen von Arbeitermilizen, die vielerorts selbständig gegen putschende oder »neutrale« Verbände der Reichswehr und bürgerliche Einwohnerwehren vorgingen, führten in nicht einmal fünf Tagen zum völligen Zusammenbruch des Putsches. Unmittelbar danach wandte sich die so gerettete Reichsregierung gemeinsam mit den Putschtruppen gegen jene Massenbewegung, die in Teilen – vor allem im Ruhrgebiet und in Mitteldeutschland – revolutionären Charakter angenommen hatte. Eine Reihe von lokalen und regionalen »Bürgerkriegen« wurde geführt, um die revolutionäre Massenbewegung – die sich im März 1920 zum letzten Mal in dieser Form regte – niederzuwerfen. Der rechte Putsch löste also tatsächlich den von den Putschisten konzipierten Krieg gegen die politische Linke aus – nur wurde dieser nicht von Kapp, sondern, wie schon 1919, von einer sozialdemokratisch-liberalen Reichsregierung geführt.

Lange geplant

Die konkreten Vorbereitungen für den Putsch hatten etwa im September 1919 begonnen. Schon im Juli – in der Nationalversammlung in Weimar wurde noch über die neue Reichsverfassung debattiert – hatte eine Gruppe von Offizieren um Hauptmann Waldemar Pabst einen Staatsstreich in Szene setzen wollen, dessen unmittelbares Ziel es war, die Nationalversammlung auseinanderzujagen und die Streikbewegung zu unterdrücken. Der Plan war, einen für den 21. Juli angekündigten eintägigen Proteststreik der USPD in Berlin in inzwischen bewährter Manier als »spartakistischen Putsch« hinzustellen, um die erneute – seit Januar 1919 dritte – militärische Besetzung der Reichshauptstadt zu rechtfertigen. Pabst hatte die Absicht, ein diktatorisches Direktorium einzusetzen, in das er auch rechte Sozialdemokraten wie Gustav Noske und den preußischen Innenminister Wolfgang Heine aufnehmen wollte. Auch Reichspräsident Friedrich Ebert sollte – unter der Voraussetzung, dass er bereit war, mitzuspielen – im Amt belassen werden. Das bereits angelaufene Unternehmen wurde allerdings in letzter Minute durch das Eingreifen von Lüttwitz, der die Aktion zu diesem Zeitpunkt für vollkommen aussichtslos hielt, abgebrochen.

Die Sache wurde vertuscht, Pabst erhielt den Abschied und konnte sich so – als Geschäftsführer der sogenannten Nationalen Vereinigung – um so intensiver der Vorbereitung auf den nächsten Versuch widmen. Im Herbst 1919 fanden unter anderem im Berliner Nationalklub und in Kapps Wohnung laufend Gespräche statt, die von der politischen Polizei durchaus bemerkt wurden. In einem Überwachungsbericht heißt es: »Seine [Kapps] Wohnung wird sehr oft von Generalstabsoffizieren betreten, und dann finden nach Aussage des Portiers heftige Debatten statt.« Kapp war mit zahlreichen Industriellen und Bankiers, die ihn auch großzügig mit Geldmitteln versorgten, persönlich bekannt. Mit dem einflussreichen Industriellen Hugo Stinnes korrespondierte er regelmäßig.

Um das Risiko einer Abwehraktion von links zu minimieren, dachten die Verschwörer anfänglich an einen »verschleierten Staatsstreich«. Der Hebel dafür sollte eine Kandidatur Paul von Hindenburgs bei der 1920 anstehenden »Volkswahl« des Reichspräsidenten sein (Ebert war im Februar 1919 von der Nationalversammlung zunächst nur zum »provisorischen« Staatsoberhaupt gewählt worden; die im August in Kraft getretene Verfassung sah die »Volkswahl« vor). Hindenburg erklärte sich im November 1919 dazu bereit, als rechter Sammelkandidat anzutreten. Seine Aufgabe im Erfolgsfall wäre gewesen, von der Staatsspitze aus eine formal legale Änderung der Verfassung hin zu einer autoritären Staatsform einzuleiten. Die dazu nötige Unterstützung sollte von einer rechten Mehrheit im Reichstag kommen, mit der die »nationalen« Kräfte rechneten. Die Forderung nach einer Auflösung der Nationalversammlung und raschen Reichstagswahlen wurde seit Ende 1919 unermüdlich in fast allen bürgerlichen Zeitungen erhoben.


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Gewaltlösung

Die Ultras um Kapp versprachen sich – zumal, wie gesehen, seit dem Januar bereits der Ausnahmezustand in weiten Teilen des Landes galt – allerdings schnellere und klarere Ergebnisse von einer Gewaltlösung. Zu der neigten die antirepublikanischen Offiziere ohnehin. Die bewaffnete Macht, auf die sich die Putschisten potentiell stützen konnten, war erheblich – auch wenn sie damit rechnen mussten, dass ein nennenswerter Teil dieser Truppen sie in den ersten Tagen der Aktion zwar nicht bekämpfen, aber doch zunächst passiv abwarten würde, wie die Lage sich entwickelte. Zur Reichswehr und den paramilitärischen Freikorps (von denen viele inzwischen in die Reichswehr überführt worden waren) kam die preußische Sicherheitspolizei (Sipo), deren Offizierskorps in einem für Kapp bestimmten Bericht als – in seinem Sinne – »beinahe gänzlich einwandfrei« bezeichnet wurde. Im Hintergrund stand das gerne übersehene »bewaffnete Bürgertum« – die 1919 binnen weniger Monate aufgestellten und bewaffneten Einwohnerwehren, die zur Jahreswende 1919/20 knapp eine Million Mann aufbieten konnten. Die Wehren verfügten zumindest in größeren Städten auch über Maschinengewehre und gepanzerte Fahrzeuge. Sie wurden ergänzt durch vor allem von Studenten und Oberschülern gebildete Zeitfreiwilligenverbände, die im Bedarfsfall schnell zu mobilisieren waren. Verlass war auch auf die eng mit den Freikorps verzahnte Technische Nothilfe (der direkte Vorläufer des heutigen Technischen Hilfswerks), die seit Anfang 1919 systematisch als staatliche Streikbrecherorganisation aufgebaut worden war und im Falle von Streiks zumindest die Elektrizitäts-, Gas- und Wasserversorgung sicherstellen sollte.

Als Stoßtruppe hatten Kapp und Lüttwitz die Marinebrigade Ehrhardt auserkoren, die seit Herbst 1919 auf dem Truppenübungsplatz Döberitz im Westen von Berlin lag. In ihr hatten sich ehemalige Angehörige der Kaiserlichen Marine – meistens Offiziere und Unteroffiziere – zusammengefunden, deren bürgerlicher Klassenhass auf das in der Revolution angeblich »zur Herrschaft« gelangte Proletariat zusätzlich durch den 1918 erlittenen einschneidenden Statusverlust brutalisiert wurde. Kennzeichnend für diesen Verband war ein eliminatorischer, antisemitisch akzentuierter Furor gegen alle »Roten«, der sich auch gegen jene bürgerlichen Politiker richtete, denen ihrer innen- oder außenpolitischen Kompromissbereitschaft wegen »Schlappheit« und »Verrat« vorgeworfen wurde. Viele Angehörige der Marinebrigade hatten das Hakenkreuz als politisches Symbol angenommen.

Der Putsch

Am 5. März hatte das Kabinett Bauer sich darauf verständigt, die von den rechten Parteien beantragte Auflösung der Nationalversammlung spätestens zum 1. Mai zunächst nicht vorzunehmen und auch von einer zeitnahen »Volkswahl« des Reichspräsidenten abzusehen. Das gab, wie die Rote Fahne noch am 12. März kommentierte, den Rechtsparteien unverhofft den Trumpf in die Hand, »den demokratischen Gedanken« zu vertreten. Andererseits war damit die Option des »legalen Staatsstreichs« auf unbestimmte Zeit vertagt; die Verschwörer mussten eine mittelfristige Stabilisierung der Republik zumindest einkalkulieren. Gleichzeitig wurde nun der von den Siegermächten des Weltkrieges durchgesetzte drastische Truppenabbau akut: Bis Anfang April sollte die immer noch etwa 500.000 Mann starke Reichswehr auf zunächst 200.000 Mann reduziert werden. Die geforderte Auflösung der Einwohnerwehren und der Zeitfreiwilligenverbände konnte ebenfalls nicht endlos verschleppt werden. Ende Februar ordnete Noske die Auflösung der Brigade Ehrhardt an. Lüttwitz verweigerte das rundheraus und konfrontierte die Regierung am 10. März mit der Forderung, die Truppenreduzierung zu stoppen, das Kabinett umzubilden sowie unverzüglich die Neuwahl des Reichstages und des Reichspräsidenten zu veranlassen.

Auf diese offene Rebellion reagierte Noske erst am Folgetag mit der »Beurlaubung« von Lüttwitz. Gegen einige der Hauptverschwörer, darunter Pabst und Max Bauer, wurden hastig Haftbefehle erlassen, von denen die Betroffenen dank ihrer ausgezeichneten Verbindungen ins Berliner Polizeipräsidium überwiegend rechtzeitig genug Kenntnis erhielten. Pabst durfte nach Hinterlegung einer Kaution wieder gehen. Gegen die offensichtlich als Hauptstreitmacht der Konterrevolution fungierende Brigade Ehrhardt in Döberitz unternahm Noske gar nichts.

In der Nacht vom 12. zum 13. März marschierte Ehrhardt über die Heerstraße in Berlin ein und stand mit seiner Truppe gegen sechs Uhr auf der Höhe des Tiergartens. Die Wilhelmstraße, wo die meisten Ministerien und die Reichskanzlei lagen, war in unmittelbarer Reichweite. Bis kurz nach fünf Uhr hatte hier das Kabinett in einer eilig zusammengetretenen Sitzung über die Lage beraten. Der Chef des Truppenamtes, General Hans von Seeckt, lehnte mit der Begründung, »eine Schlacht vor dem Brandenburger Tor« nicht dulden zu wollen, jeden militärischen Widerstand gegen die Putschisten ab. Daraufhin entschloss sich das Kabinett zur Flucht. Der Weg zu einem Bahnhof schien bereits zu riskant zu sein; so verfiel man auf die Idee, mit den eigentlich nur für den städtischen Verkehr geeigneten offenen Kraftfahrzeugen der Reichskanzlei nach Dresden zu fahren. Nur Ulrich Rauscher, der Pressereferent der Regierung, dachte daran, einen – unabgesprochenen – Aufruf zum Widerstand und zum Generalstreik zu verfassen und dessen Verbreitung zu veranlassen. Vizekanzler Eugen Schiffer blieb mit dem Auftrag, Kontakt zu den Putschisten aufzunehmen, in Berlin. Kurz vor sieben Uhr zogen Ehrhardt, Kapp und die anderen Verschwörer in die Wilhelmstraße ein.


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Reaktionen der bürgerlichen Parteien

Die deutsche Bourgeoisie wurde im Frühjahr 1920 in der Hauptsache von vier Parteien vertreten: die konservativ-reaktionäre Deutschnationale Volkspartei (DNVP), in der eine starke protofaschistische Strömung existierte (Kapp war Mitglied des Hauptvorstandes dieser Partei), die nationalliberale, mehrheitlich antirepublikanische Deutsche Volkspartei (DVP), die sozialliberale, zu diesem Zeitpunkt schon am Anfang ihres Niedergangs stehende Deutsche Demokratische Partei (DDP), hinter der sich jene Teile des Bürgertums sammelten, die langfristig auf eine Einbindung der reformistischen Arbeiterbewegung und eine enge Kooperation mit der rechten SPD-Führung setzten, und das Zentrum (mit seinem bayerischen Ableger, der Bayerischen Volkspartei, BVP), das als konfessionelle Partei einen bedeutenden Teil des konservativen katholischen Bürgertums vertrat, gegenüber der preußisch-protestantischen Reaktion, für die Kapp und die Generäle standen, allerdings erhebliche Vorbehalte hegte und eine reaktionäre Desperadopolitik eindeutig ablehnte. Die DDP und das Zentrum waren die bürgerlichen Parteien, die sich bereits am 13. März zu einer klaren Verurteilung des Putsches durchringen konnten.

Anders sah es bei den beiden Parteien aus, hinter denen im Frühjahr 1920 ohne Zweifel die Mehrheit des deutschen Bürgertums stand – bei DNVP und DVP. Die DNVP war die bürgerliche Partei, die ganz offen die »Parlamentsherrschaft« bekämpfte. Ihre Führung hatte 1919 allerdings taktisch durchaus flexibel agiert. Sie hatte – trotz einer wütenden Kampagne gegen das »Diktat« – die Annahme des Versailler Vertrages durch eine Mehrheit der Nationalversammlung mit ermöglicht und die Weimarer Reichsverfassung zwar grundsätzlich abgelehnt, aber als Wiederkehr von »Gesetz und Ordnung« vorläufig hingenommen, die hemmungslose Agitation gegen die »Novemberrepublik« indes fortgesetzt.

Der überwiegende Teil des Führungspersonals der DNVP war zumindest indirekt über den Fortgang der Putschvorbereitungen im Bilde. Vertreter des ultrarechten Flügels wie Karl Helfferich und Kuno von Westarp, der sich mehrfach mit Kapp beriet, beobachteten sie wohlwollend. Eine andere Gruppe um den Parteichef Oskar Hergt und den Fraktionschef in der Nationalversammlung, Arthur von Posadowsky-Wehner, war skeptisch: Sie schätzte die Kräfteverhältnisse vergleichsweise nüchtern ein und warnte vor Abenteuern, die zu einem Generalstreik mit unkontrollierbaren Folgen führen müssten. Sie war sich zudem darüber klar, dass ein unter monarchistischer Flagge durchgeführter Putsch zwar bei den ostelbischen Gutsbesitzern, nicht aber bei der kleinbürgerlichen und agrarischen Massenbasis der DNVP auf vorbehaltlose Zustimmung rechnen durfte.

Der Putschregierung vom 13. März gehörten neben Kapp noch weitere Mitglieder der DNVP an (Traugott von Jagow als Innen-, Gottfried Traub als Kultusminister). Westarp agierte als Mittelsmann zwischen der Reichskanzlei und der Parteiführung. Diese legte die deutschnationale Presse darauf fest, die »Legitimität« der Kapp-Regierung zu betonen, vermied aber wegen der erwähnten Bedenken eine eindeutige und offene Stellungnahme zugunsten des Putsches. Solche allerdings erfolgten von wichtigen Regionalorganisationen der DNVP, etwa denen in Schlesien und Ostpreußen.

In mancher Hinsicht noch eindeutiger positionierte sich die DVP. Wenige Stunden nach dem Einzug Kapps in die Reichskanzlei sprach am Nachmittag des 13. März eine dreiköpfige Delegation der Partei bei ihm vor, die sich mit der Bemerkung einführte, die Partei »begrüße« den Sturz der Regierung Bauer. Die DVPler erkundigten sich nach der Zusammensetzung der neuen Regierung, der geplanten Finanz- und Steuerpolitik und nach eventuellen Neuwahlen. Kapp erklärte, »Fachminister« statt »Parteiminister« ernennen zu wollen, aber »großen Wert auf ein gutes Einvernehmen mit den rechtsstehenden Parteien« zu legen. An der direkt anschließenden Beratung der Führungsspitze der DVP nahm auch der Parteivorsitzende Gustav Stresemann teil. Diese Aussprache ging bezeichnenderweise von der Befürchtung aus, dass »die Ereignisse die beiden Flügel der Sozialdemokratie« wieder »zusammenschweißen« würden. Aus diesem einen Grund sei eine »Regierung der allerschärfsten Tonart«, für die Kapp offenbar stehe, »geradezu verbrecherisch«. Gleichzeitig überwog hier eindeutig das Bestreben, zu einem Arrangement mit der Regierung Kapp zu gelangen. Man nahm (mit Recht) an, dass das auch die Mehrheitsmeinung des nationalliberalen Bürgertums sei: »Wenn wir jetzt eine Erklärung gegen Kapp herausgeben, dann verstehen das unsere Leute nicht.« Der Putsch sei »nun einmal da«. Nun müsse die Partei »diese Regierung stützen und sie auf einen Weg bringen, den wir für richtig halten«. Vorläufig müsse das Ziel sein, die Kapp-Regierung gemeinsam mit den Deutschnationalen auf eine »breite Basis« zu stellen und »das Zentrum herüberzubringen«.

Stresemann plädierte für eine abwartende Haltung, die der Partei Optionen nach allen Seiten offenließ: Man müsse eine Linie suchen, »die auf der einen Seite der neuen Regierung keine Schwierigkeiten macht, die uns aber den Weg lässt, eventuell Mittler zu sein zwischen Dresden und Berlin«. Grundsätzlich, so der von einer verlogenen Geschichtsschreibung bis heute als »größter Staatsmann der Republik« gepriesene nachmalige Reichskanzler und Außenminister, solle die Partei die »neuen Tatsachen« anerkennen, aber darauf drängen, dass das Ergebnis des Putsches so schnell wie möglich »auf eine gesetzmäßige Grundlage« gestellt werde. Diese Haltung kam auch in dem sodann beschlossenen Aufruf der DVP zum Ausdruck. Er begann mit Vorwürfen an die Adresse der Regierung Bauer, die es nicht verstanden habe, »das Vertrauen der Mehrheit des Volkes sich zu erwerben«. Sie trage die Verantwortung für die eingetretene Entwicklung. Nun habe sich »eine neue Regierung gebildet«, von der zu fordern sei, dass sie »Bürgschaft gibt für die Sicherung der Ordnung, des Eigentums und der Freiheit der Arbeit«. Jeglicher weiterer »innerer Kampf« – damit war der Kampf gegen die »neue Regierung« gemeint – sei zu vermeiden.

Die panische Angst vor dem »inneren Kampf« bestimmte allerdings auch das Handeln solcher bürgerlicher Politiker, die sich öffentlich gegen den Putsch gestellt hatten. Die Proklamierung des Generalstreiks »unsererseits« bezeichnete Innenminister Erich Koch (DDP) am 14. März in einem auf der Flucht in Dresden geschriebenen Privatbrief als »Dummheit«. Er äußerte die Befürchtung, dass die Aussichten für den »Erfolg eines Gegenstoßes von links« deutlich bessere seien als jene »dieses Putsches«. Sehr aufschlussreich ist auch, dass er bedauerte, auf Versuche General Georg Maerckers, zwischen der Regierung und den Putschisten zu vermitteln, nicht eingehen zu können – dann laufe man nämlich Gefahr, »selbst mit fortgerissen zu werden«. Ein paar Stunden Fahrt im offenen Auto später, in Freiberg – »Chemnitz soll kommunistisch sein, deshalb Vorsicht!« –, notierte er: »Es gibt eine ernste Gefahr: Die Vereinigung aller Arbeiter und die Räterepublik. Das heißt es, geschickt zu verhindern.«


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ebd. 18. März:

Bestürzende Einsicht

Kapp-Putsch. Vor 100 Jahren putschte die protofaschistische Rechte gegen die Republik. Teil 2: Ende der Kapp-Regierung und Formierung der bürgerlichen »Einheitsfront«

Von Leo Schwarz

Am 18. März 1920 konfrontierten die Spitzen des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB), der Arbeitsgemeinschaft freier Angestelltenverbände (AfA) und des Deutschen Beamtenbundes das unterdessen nach Stuttgart geflohene Kabinett Bauer mit einem neun Punkte umfassenden Forderungskatalog. Sein wesentlicher Inhalt war dieser: »entscheidender Einfluss« der Gewerkschaften auf die personelle Umgestaltung der Regierungen im Reich und in den Ländern und auf die »Neuregelung der wirtschafts- und sozialpolitischen Gesetzgebung«, Bestrafung aller am Putsch beteiligten Personen, sofortige Entfernung der kompromittierten Minister Gustav Noske (SPD, Reichswehrminister), Wolfgang Heine (SPD, preußischer Innenminister) und Rudolf Oeser (DDP, preußischer Minister für öffentliche Arbeiten) aus ihren Ämtern, Reinigung der Verwaltungen von »allen reaktionären Persönlichkeiten«, Demokratisierung der Verwaltungen, sofortige Sozialisierung des Bergbaus und der Energieerzeugung, Auflösung aller konterrevolutionären Formationen, »Übernahme des Sicherheitsdienstes durch die organisierte Arbeiterschaft«.

Diese Forderungen belegen zunächst, dass es im Zuge der bewaffneten Abwehraktionen der Arbeiterklasse gegen den Kapp-Lüttwitz-Putsch und durch den Generalstreik, der das Verkehrswesen, die Nachrichtenverbindungen und das Wirtschaftsleben vollkommen lahmgelegt hatte, beinahe über Nacht zu einer Verschiebung der Machtverhältnisse gekommen war. Offensichtlich war: Die Kapp-Aktion hatte den 1919 mühsam stabilisierten und modifizierten bürgerlichen Herrschaftsapparat ganz gegen ihre Intention nicht zementiert, sondern in den Grundfesten erschüttert. Unter dem Druck der Mitglieder ihrer Organisationen und vieler Funktionäre machten sich an diesem 18. März ausgerechnet die reformistischen Gewerkschaftsführer, die seit 1914 die wesentliche Stütze der Politik des »Burgfriedens« und der »Arbeitsgemeinschaft« gewesen waren, zu Sprechern einer Massenbewegung, die überwiegend mehr wollte als das, was in dem Neunpunkteprogramm formuliert wurde. Dennoch war dieses Programm für die bürgerliche Rechte, für die liberalen Koalitionspartner der SPD und für deren rechte Führungsgruppe unannehmbar; es dokumentiert eine beispiellose, binnen weniger Tage eingetretene Mobilisierung und Radikalisierung der deutschen Arbeiterklasse, deren Druck auch die sozialdemokratische Rechte in den Gewerkschaften hatte nachgeben müssen: Carl Legien, der Vorsitzende des ADGB, hatte sich schon am 17. März die Forderung nach einer »Arbeiterregierung«, der nur Vertreter der SPD, der USPD und der Gewerkschaften angehören sollten, zu eigen gemacht.

Pläne durchkreuzt

Als Kapp am Morgen des 13. März, einem Samstag, die Amtsgeschäfte übernommen hatte, war diese Dynamik nicht absehbar gewesen. Die »Regierung der Ordnung, der Freiheit und der Tat« hatte zunächst den Ausnahmezustand über das gesamte Reichsgebiet verhängt, die Auflösung der Nationalversammlung und der preußischen Landesversammlung verfügt sowie das Amt des Reichskanzlers mit dem des preußischen Ministerpräsidenten zusammengelegt. General Walther von Lüttwitz übernahm das Reichswehrministerium und den militärischen Oberbefehl. Vor allem in den preußischen Ostgebieten, in Mecklenburg und Schleswig-Holstein hatten sich Reichswehrkommandeure und hohe Verwaltungsbeamte – in Ostpreußen auch der sozialdemokratische Oberpräsident der Provinz, August Winnig – offen auf die Seite Kapps gestellt. Auch der Chef der Admiralität, Admiral Adolf von Trotha, stellte sich und die Marine am 13. März der neuen Regierung »zur Verfügung«. Westlich der Elbe agierten die Kommandeure und sonstigen Sympathisanten vorsichtiger: Überwiegend vermieden sie offene Stellungnahmen oder eindeutige Handlungen zugunsten der Putschisten, versuchten aber, die Bestimmungen des Ausnahmezustandes durchzusetzen, also Kundgebungen, Streiks und jede Form organisierter Gegenwehr von links zu unterdrücken. Das war eine Form passiver Begünstigung, die durchaus hätte dazu führen können, dass die Putschregierung sich festigte.

Durchkreuzt wurde diese Kalkulation von Abwehraktionen, die von allen Strömungen der Arbeiterbewegung getragen wurden und oft schon am Vormittag des 13. März nach dem Einlaufen der ersten Nachrichten über die Berliner Ereignisse einsetzten. In diesem Zusammenhang spielten die oft überbewerteten zentralen Streikaufrufe – SPD, ADGB, USPD am 13. März, die KPD folgte am 14. März, nachdem die in Berlin anwesenden Vertreter der Zentrale es zunächst abgelehnt hatten, zum Streik aufzurufen – keine sehr wesentliche Rolle.

In allen industriellen Zentren, aber auch in vielen Kleinstädten und auf dem Land – etwa in Mecklenburg, Pommern und der Lausitz –, bildeten sich Aktionsausschüsse, Vollzugsräte und ähnliche Gremien, die häufig paritätisch von Mitgliedern aller vor Ort relevanten Richtungen der Arbeiterbewegung besetzt waren. Sie übernahmen die Leitung der Streikaktionen und koordinierten vielerorts die Beschaffung von Waffen und die Aufstellung von Arbeiterwehren.

In Berlin, wo die militärische Übermacht der Gegenrevolution keinen direkten bewaffneten Widerstand zuließ und die Gegensätze zwischen den Arbeiterparteien vor dem Hintergrund der Auseinandersetzungen von 1918/19 sehr ausgeprägt waren, bildeten sich zwei Streikleitungen: Eine von ADGB, AfA und dem SPD-Parteivorstand, die vor allem auf dem Papier bestand, und eine zweite, die von der USPD, der KPD, der Berliner Gewerkschaftskommission und Vertretern der Betriebsräte gebildet wurde. Der Generalstreik wurde fast geschlossen durchgeführt. In einigen Vororten wurden auch bewaffnete Arbeiterformationen aufgestellt. Die waren zwar zu schwach, um gegen die 5.000 Mann der Brigade Ehrhardt, die Einwohnerwehren und die Sipo vorzugehen, beflügelten aber die Phantasie der Putschisten, die in einem ihrer Flugblätter erklärten, dass in den Vororten der Hauptstadt »die Heere der roten Armee« zum »Entscheidungskampf aufgestellt« seien.

Ein bedeutendes Zentrum des Widerstandes gegen den Putsch war der mitteldeutsche Raum. Im Kraftwerk Zschornewitz bei Bitterfeld, das für die Fernstromversorgung Berlins zuständig war, wurde auf Initiative des Betriebsrates noch am 13. März die Arbeit niedergelegt. In Chemnitz, damals bereits eine Hochburg der in vielen anderen industriellen Zentren noch vergleichsweise schwachen KPD, traten mehrere große Betriebe schon am Vormittag des 13. März in den Streik. Etwa 3.000 Arbeiter wurden bewaffnet, politische Gefangene aus dem Gefängnis befreit. Ein Aktionsausschuss erklärte noch in der Nacht zum Sonntag, in Chemnitz und Umgebung die vollziehende Gewalt übernommen zu haben. Am 15. März wurde ein Arbeiterrat gewählt. Auch in Leipzig formierte sich ein Aktionsausschuss, der für den Sonntag zu Kundgebungen aufrief. Diese führten sofort zur Konfrontation mit der Reichswehr und Zeitfreiwilligenverbänden, die mehrere Gebäude in der Innenstadt besetzt hatten. Dabei wurden etwa 40 Menschen getötet. Auch in vielen Orten Thüringens bildeten sich sofort Aktionsausschüsse; im Freistaat Gotha rief die Landesregierung, die hier von der USPD gestellt wurde, zum Widerstand gegen die Putschisten auf. In Halle, wo eine bedeutende Reichswehrgarnison lag und Einwohnerwehr bzw. Zeitfreiwilligenverbände etwa 3.000 Bewaffnete aufbieten konnten, bildete sich ein Aktionsausschuss der drei Arbeiterparteien und der Gewerkschaften sowie eine gemeinsame Streikleitung. Auch hier versuchten die Arbeiter, sich zu bewaffnen.


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In Baden, Württemberg und Bayern war die SPD an den Landesregierungen beteiligt. Diese Landesverbände standen allerdings durchweg weit rechts; für Bayern lehnte es der sozialdemokratische Ministerpräsident Johannes Hoffmann sogar ab, zum Streik, für den hier »kein Anlass« bestehe, aufzurufen. In den Morgenstunden des 14. März wurde Hoffmann vom Befehlshaber des Reichswehrgruppenkommandos 4, Arnold von Möhl, mit der Drohung, nur so sei die »Ausrufung der Räterepublik« zu verhindern, zum Rückzug und zur formalen Übertragung der vollziehenden Gewalt gezwungen. Der Regierungspräsident von Oberbayern, Gustav von Kahr, wurde als Zivilkommissar eingesetzt und bildete anschließend eine neue Regierung ohne die SPD. Auch nach dem Zusammenbruch des Kapp-Putsches wurde das nicht revidiert. In Bayern, das nun systematisch zur rechten »Ordnungszelle« ausgebaut wurde, war der Putsch also in gewisser Weise erfolgreich. Dass gegen Kapp etwa in Hof und Nürnberg gestreikt wurde, änderte daran nichts.

In Norddeutschland waren Hamburg, Kiel, Bremen, Braunschweig und Hannover die Schwerpunkte des Generalstreiks. Fast überall kam es zu bewaffneten Auseinandersetzungen. Auch in Frankfurt am Main wurde gestreikt. Hier stürmten Arbeiter noch am Samstag Polizeireviere; die in der Nacht darauf zunächst in die Stadt eingezogene Reichswehr sah sich zum Rückzug gezwungen.

Die weitaus bedeutendsten Aktionen gegen den Kapp-Lüttwitz-Putsch entwickelten sich im Ruhrgebiet. Hier dominierte der linke Flügel der USPD die Arbeiterbewegung. Auch die KPD war ein Faktor; dazu kamen anarchistische und syndikalistische Strömungen. Arbeiter bildeten überall paritätisch oder nach den lokalen Stärkeverhältnissen besetzte Aktionsausschüsse und Vollzugsräte. Bereits in der Nacht zum 14. März kam es in vielen Städten zu kleineren Scharmützeln. In Bochum wurden Einwohnerwehr und Sipo von Arbeitern entwaffnet; eine Lieferung von 2.000 Gewehren für die Einwohnerwehr fiel den Arbeitern hier in die Hände, die rasch dazu übergingen, bewaffnete Formationen aufzustellen. Zentrale Leitungen, die kriegserfahrene Anführer einsetzten, wurden gebildet. Der hier zuständige General Oskar von Watter, der es abgelehnt hatte, sich eindeutig für die Regierung Bauer zu erklären, ordnete am Sonntag die militärische Besetzung des Industriegebietes an.

Die Selbstbewaffnung im Ruhrgebiet war am Anfang eine elementare Bewegung zur Selbstverteidigung – den Arbeitern war nach den Erfahrungen aus den Massenstreiks des Jahres 1919 klar, welches Schreckensregiment ihnen drohte, wenn sich die Reichswehr mit ihrem Freikorpsanhang des Industriegebietes bemächtigte und sich in Berlin die Putschisten durchsetzten. Ein gemeinsamer Aufruf der Bezirksleitungen von USPD, SPD und KPD, noch am 13. März in Elberfeld beschlossen, erleichterte das Zusammengehen der verschiedenen Strömungen der Arbeiterbewegung. Eine Zentralstreikleitung bildete sich, die mehr und mehr wie ein politischer Ausschuss agierte. Schnell begriffen sich die lokalen bewaffneten Abteilungen als Teile einer »Roten Armee«. Die war hier, im Gegensatz zu den meisten anderen Gebieten des Reiches, kein Hirngespinst der Reaktion. Seit dem 15. März fanden größere bewaffnete Auseinandersetzungen statt, die überwiegend damit endeten, dass die Reichswehrverbände, die mit einer derartig entschlossenen und koordinierten Gegenwehr noch nie konfrontiert worden waren, sich zurückzogen. Am 17. März griffen etwa 10.000 bewaffnete Arbeiter Dortmund an und besetzten die Stadt. In Remscheid wurde eine Abteilung der Reichswehr eingeschlossen; die Stadt fiel am 18. März nach heftigen Kämpfen in die Hände der Arbeiter, einen Tag später folgte Essen.

Kapp muss gehen

Schon am 16. März ließen die in Berlin einlaufenden Meldungen aus dem mitteldeutschen Raum und aus dem rheinisch-westfälischen Industriegebiet keinen anderen Schluss mehr zu als den, dass hier die militärische Überwältigung der Reichswehr und der Einwohnerwehren durch bewaffnete Arbeitermilizen unmittelbar bevorstand. Der Generalstreik war allgemein. Mehrere bürgerliche Politiker versuchten auf Kapp einzuwirken, um ihn zum Rückzug zu bewegen. Als gegen sechs Uhr früh am 17. März ein hoher Offizier der Sicherheitspolizei bei Kapp vorsprach und ihm »völlig gebrochen« mitteilte, dass die Sipo die Aktion nicht mehr mittrage, lenkte dieser ein: Am Vormittag ließ er eine Erklärung verbreiten, in der er seinen Rücktritt verkündete. »Seine Mission« sei erfüllt, er übergebe die vollziehende Gewalt an Lüttwitz. Nun verlange »die äußerste Not des Vaterlandes den einheitlichen Zusammenschluss aller gegen die vernichtende Gefahr des Bolschewismus«. Lüttwitz, der noch nicht abdanken wollte und sich durch die umgehende Aufhebung eines Kappschen Erlasses, der die Todesstrafe für Streikposten vorsah, einen »gemäßigten« Anstrich zu geben suchte, wurde am Abend von Offizieren, die die entstandene Lage nüchtern bewertet hatten, zur Aufgabe gezwungen. Vizekanzler Eugen Schiffer bewilligte ihm in aller Form den »Abschied« und ließ ihn anschließend in einem Auto mit falschen Papieren davonfahren.

Das Kapp-Unternehmen war auf der ganzen Linie gescheitert. Lüttwitz, Hermann Ehrhardt, Max Bauer und Kapps engster Mitarbeiter Georg Schiele setzten sich nach Ungarn ab, Kapps Landwirtschaftsminister Conrad von Wangenheim nach Polen. Waldemar Pabst und Gottfried Traub entkamen nach Österreich. Ehrhardt kehrte bald nach Bayern zurück, wo er von den Behörden gedeckt wurde (und die rechtsterroristische »Organisation Consul« aufbaute). Kapp hielt sich verborgen und floh am 10. April in einem Flugzeug nach Schweden; die Reichsregierung ließ gegen ihn lediglich ein Disziplinarverfahren laufen und verzichtete darauf, seine Auslieferung zu verlangen. Auch Traugott von Jagow, der Innenminister der Putschisten, wäre ungeschoren geblieben, beging aber den Fehler, sich den Behörden zu stellen. 1921 musste er von einem widerstrebenden Gericht wegen »Beihilfe« zum Hochverrat zu einer Haftstrafe verurteilt werden; 1924 wurde er vorzeitig entlassen.


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NEUER BEITRAG26.03.2020, 12:15 Uhr
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»Gegen den Bolschewismus«

Dass die Sache derart glimpflich für sie ausgehen würde, konnte in den letzten Stunden der Kapp-Regierung keiner ihrer Akteure und kein offener oder verdeckter Unterstützer ahnen – zumal es nun zu heftigen Absetzbewegungen auch im bürgerlichen Lager kam. Schon vor Kapps Rücktritt hatten sich die Deutsche Volkspartei (DVP) und die Deutschnationale Volkspartei (DNVP) zu der Einsicht durchringen müssen, dass das Unternehmen aussichtslos war. Ihre anfänglich wohlwollend-abwartende Haltung, die darin zum Ausdruck kam, die Putschregierung faktisch anzuerkennen und vor jedem Widerstand (»inneren Kämpfen«) zu warnen, war der für sie bestürzenden Einsicht gewichen, dass die Putschisten eine Gegenbewegung ausgelöst hatten, die zur Bildung einer »Arbeiter-« oder »Gewerkschaftsregierung« ohne Beteiligung bürgerlicher Parteien führen, ja unter Umständen sogar den Bestand der bürgerlichen Ordnung selbst gefährden konnte.

Am 16. März lehnte die Parteispitze der DVP endgültig das Angebot ab, in die Kapp-Regierung einzutreten. Zwei Tage später veröffentlichte sie einen Aufruf, in dem sie alle Kräfte der »Ordnung« dazu aufrief, die »Einheitsfront gegen den herandrängenden Bolschewismus herzustellen«. Die DNVP, deren Führung noch am 14. März erklärt hatte, sie sei bereit, »mitzuarbeiten«, legte ebenfalls seit dem 16. März das Steuer herum. Zwei Tage nach dem Rücktritt Kapps veröffentlichte sie eine Erklärung, in der sie erneut die »Machtgelüste einer unfähigen Parteiregierung« für die eingetretene »schwere Krisis« verantwortlich machte und den Kapp-Leuten zubilligte, »aus schwerer Sorge um Volk und Vaterland den Weg der verfassungsmäßigen Entwicklung verlassen« zu haben, gleichzeitig aber versicherte: »Unser Weg war das nicht.« In den Putschtagen habe die Partei allein darum gekämpft, dass »gegen den sein Haupt erhebenden Bolschewismus die Einheitsfront hergestellt und dass die Wahl zum Reichstage und die Wahl des Reichspräsidenten alsbald vollzogen würden«. In den folgenden Tagen und Wochen unternahm die Parteiführung mehrere ostentative Versuche, sich von der durchaus auch bei großen Teilen der Massenbasis der DNVP vollkommen kompromittierten Gruppe um Kapp abzusetzen; noch im März ließ sie in der Presse verkünden, dass Kapp und einige andere Parteimitglieder, die sich in den Putschtagen zu sehr exponiert hatten, aus der DNVP ausgetreten seien. Diese Haltung, versicherte Parteichef Oskar Hergt Kapps Kultusminister Traub in einem persönlichen Schreiben, sei ihm »furchtbar schwer geworden«; er müsse ihn aber bitten, »die Schwierigkeiten für die Partei« nicht zu unterschätzen.

Als die eben zitierte Erklärung der DNVP veröffentlicht wurde, wurde bereits fieberhaft an der Herstellung der »Einheitsfront« zwischen den Kräften, die die alte Reichsregierung getragen hatten, und jenen, die sie gerade hatten stürzen wollen, gegen die einmal mehr als »bolschewistisch« oder »spartakistisch« denunzierte Massenbewegung gearbeitet. Das Feindbild war ohne Schwierigkeiten abzurufen. Am 18. März hatte das nunmehr von Seeckt geführte Reichswehr-Gruppenkommando 1 alle unterstellten Verbände darauf hingewiesen, dass »wir vor einem Versuch größten Stils zur Einführung der Räterepublik stehen«. Der preußische Innenminister Heine stellte sich in einem Schreiben an alle unterstellten Behörden vom 19. März hinter die Einwohnerwehren, deren Reichszentrale sich am 13. März offen für Kapp erklärt hatte. Die Einwohnerwehren ständen »nach wie vor hinter der verfassungsmäßigen Ordnung«. Bedauerlicherweise hätten »radikale Elemente« einzelne Einwohnerwehren entwaffnet, zum Teil »sollen derartige Entwaffnungen sogar durch Gemeindebehörden und Landräte angeordnet worden sein«. Er wies alle Behörden an, derlei zu unterbinden, denn »die Einwohnerwehren sind in Verbindung mit der Reichswehr und Sicherheitspolizei das einzige Mittel zur Verhütung des Bolschewismus«. Ebenfalls am 19. März baute Seeckt in einem Fernschreiben, das an alle Gruppenkommandos der Reichswehr und die Reichsregierung ging, jenen Kommandeuren, die aktiv geputscht oder sich für »neutral« erklärt hatten, eine goldene Brücke: »Führung und Mannschaften« seien ohne Prüfung nur Befehlen gefolgt; sogar Lüttwitz gestand er zu, von Kapp »verleitet« worden zu sein. Nun gehe er davon aus, die gesamte Truppe »zum Schutz der verfassungsmäßigen Gewalt« einsetzen zu können.

Seeckt, der sich sechs Tage zuvor geweigert hatte, auf die putschende Brigade Ehrhardt schießen zu lassen, verhängte an diesem Tag den verschärften Ausnahmezustand über Berlin und die Mark Brandenburg. »Schärfste Waffenanwendung« gegen »unbotmäßige Menschenmassen« wurde »Truppe oder Polizei« zur Pflicht gemacht. Die »gefährdete Staatsautorität« sollte in der Reichshauptstadt vordringlich »wiederhergestellt« werden: »Stößt die Truppe dabei auf Widerstand, so ist dieser zu brechen, nötigenfalls Waffengewalt anzuwenden.«

Generalstreik abgebrochen

Die Reichsregierung rief an diesem Tag erneut zum Abbruch des Generalstreiks auf. Sie behauptete wahrheitswidrig, dass bereits ein Hochverratsverfahren gegen die rechten Verschwörer eingeleitet sei. Die Arbeiter hätten sich durch ihren »siegreichen Kampf für die Demokratie« einen »untilgbaren Anspruch auf Sicherstellung und Erweiterung ihrer wirtschaftlichen und politischen Rechte erworben«. Nach Verhandlungen von führenden Gewerkschaftsfunktionären mit Vertretern von SPD, DDP und Zentrum über das Neunpunkteprogramm, die in der Nacht zum 20. März damit endeten, dass die drei Parteien zusagten, »bei ihren Fraktionen« für eine Umsetzung der in den Verhandlungen stark abgeschwächten Gewerkschaftsforderungen »eintreten« zu wollen, taten ADGB und AfA das, was von ihnen erwartet wurde: Sie erklärten »den Generalstreik mit dem heutigen Tage als beendet«.

Damit nahmen sie – man wird sagen müssen: wissentlich und in voller Absicht – das einzige Druckmittel aus dem Spiel, das die Umsetzung auch nur des aufgeweichten Neunpunkteprogramms hätte verbürgen können. Und sie kehrten zur Politik der Spaltung der Arbeiterbewegung zurück. Denn KPD und USPD hatten am 18. bzw. am 19. März dazu aufgerufen, den Generalstreik fortzusetzen. Legien spielte das Spiel konsequent zu Ende. Als er – die USPD hatte den Vorschlag zunächst abgelehnt und dann zugestimmt – Reichskanzler Bauer am 20. März die Forderung nach der »Arbeiterregierung« offiziell unterbreitete, sagte der eine Prüfung zu, machte aber zur Bedingung, dass auch DDP und Zentrum diese Regierung stützen müssten. Damit war der von der außerparlamentarischen Massenaktion erzwungene Vorstoß unmöglich gemacht oder doch zumindest auf die Ebene der parlamentarischen Koalitionspolitik herabgezogen, also wesentlich entschärft worden. Legien gab sich damit zufrieden. Die Regierung konnte sich nun der Niederwerfung der Massenbewegung zuwenden.


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EDIT: FPeregrin
26.03.2020, 12:17 Uhr
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Ebd. 26. März:

Hakenkreuze an der Wand

Kapp-Putsch. Vor 100 Jahren putschte die protofaschistische Rechte gegen die Republik. Teil 3 (und Schluss): Der weiße Terror

Von Leo Schwarz

Fünf Szenen des weißen Terrors.

18. März 1920. Zwischen Dassow und Grevesmühlen, in der Nordwestecke Mecklenburgs, werden zwei Landarbeiter beim Passieren des Gutes Schmachthagen »von Militärpersonen sowie auf dem Gute zusammengekommenen Gutsbesitzern, Inspektoren und Pastoren« festgesetzt. Die Herren sind wütend; am Vortag hat die Putschregierung Kapp, die sie nach Kräften unterstützt haben, abgedankt. Die zwei kriegsbeschädigten Arbeiter, auf dem Heimweg von der Fürsorgestelle, müssen nun dafür büßen. Sie werden in einen Keller gesperrt. Aus Angst um ihr Leben unternehmen sie am nächsten Morgen einen Fluchtversuch. Ein Gutsbesitzersohn schießt einen der beiden nieder. Der Mann erliegt seinen Verletzungen. Der andere wird mit Gewehrkolben schwer misshandelt und dabei als »Schweinehund, Sauhund, Kommunist, Spartakist« beschimpft. Er überlebt mit knapper Not.

Am 24. März nähert sich ein Bataillon der Reichswehr der kleinen Industriestadt Sömmerda nordöstlich von Erfurt. Hier haben die Arbeiter, wie in vielen anderen Orten Thüringens, fast geschlossen gegen den rechten Putsch gestreikt; einige haben sich bewaffnet. Der Vorsitzende der Ortsgruppe der USPD, der Tierarzt Kurt Neubert, geht der Reichswehr im Auftrag der Streikleitung als Parlamentär entgegen, um über eine geordnete Übergabe der Stadt zu verhandeln. Er wird sofort festgesetzt. Die Truppe zieht, ohne auf Widerstand zu stoßen, unter dem Jubel des Besitzbürgertums in die Stadt ein. Was danach geschieht, hat ein Bericht an die USPD-Fraktion in der Nationalversammlung festgehalten: »Genosse Neubert wurde, von den Reichswehrtruppen und dem bürgerlichen Pöbel auf das schrecklichste und grausamste misshandelt, mit hochgehobenen Händen nach dem Marktplatz getrieben. Dort musste er den Hut abnehmen und die bürgerliche Meute und Mörderbande begrüßen, welche ihn mit dem höhnischen Gebrüll ›Hurra, jetzt haben wir den Richtigen, Karl Liebknecht den Zweiten, schlagt ihn tot, den Lump‹ empfing.« Ein vom Bürgermeister eingesetztes »Volksgericht« verurteilt Neubert zum Tode. Er wird unter ständigen Schlägen aus der Stadt getrieben und schließlich erschossen.

Am frühen Morgen des 25. März ist ein aus der Marburger Studentenschaft rekrutiertes Zeitfreiwilligen-Bataillon von Westen her auf der Landstraße Richtung Gotha unterwegs. Die durchweg nationalistischen und antirepublikanischen Studenten hat die »demokratische« Reichsregierung aufgeboten, um in Thüringen die »Ordnung« wiederherzustellen. Am Vortag haben sie in dem kleinen Ort Thal südöstlich von Eisenach 15 Arbeiter, die von Bauern als »Spartakisten« denunziert worden waren, festgenommen. Die marschieren nun am Ende des Zuges, »die Hände dauernd über dem Kopfe zusammengenommen«, wie ein Zeuge später aussagte. Die Männer hatten in den Tagen des Putsches einer kleinen und unterdessen wieder aufgelösten Arbeiterwehr angehört; Mitglieder der USPD, der KPD, aber auch der sozialliberalen DDP sind darunter. Auf der Höhe des Ortes Mechterstädt, dichter Nebel liegt über den Feldern, wird ein Gefangener nach dem anderen von den Studenten erschossen und anschließend mit Bajonetten »bearbeitet«. »Unsere Anatomie braucht Leichen«, sagt einer der Schützen einem Zeitfreiwilligen, der herbeigeeilt war, um sich nach den Gründen für die Schießerei zu erkundigen. Ein Arbeiter, der die Leichen gesehen hat, schreibt in einem Brief: »Sie liegen so da, wie sie von ihren Arbeiten im Hof, Garten usw. weg verhaftet worden sind, in Strümpfen und Holzpantinen in den einfachen Holzsärgen, bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt. Alle sind mit Explosivgeschossen niedergemacht, alle buchstäblich zerschmettert.«

Am Mittag des 1. April ziehen sich die Arbeiterwehren, die hier eine »Rote Armee« gebildet haben, aus der Ruhrgebietsstadt Recklinghausen zurück. Angehörige der bürgerlichen Einwohnerwehr, die in den Tagen der »roten Herrschaft« abgetaucht waren, suchen nach dem Einmarsch der Regierungstruppen in den Straßen nach bekannten Mitgliedern der Arbeiterparteien, um mit ihnen »abzurechnen«. Der Vorsitzende der Recklinghäuser KPD – überliefert ist nur sein Nachname: Marcuse – fällt ihnen in die Hände. Ein Kaufmann und ein Offizier misshandeln ihn und schneiden ihm schließlich die Kehle durch. Soldaten verscharren den Leichnam »in einem schnell geschaufelten Loch beim Rathaus«. Zur gleichen Zeit werden sieben Recklinghäuser Arbeiter gezwungen, auf dem Friedhof unter dem Gesang von »Üb immer Treu und Redlichkeit« ihr eigenes Grab zu schaufeln. Dann werden sie erschossen.

In Pelkum bei Hamm werden ebenfalls am 1. ­April etwa 300 Angehörige der Roten Armee von der aus Bayern herangeführten Schützenbrigade 21 – bei dieser handelt es sich um das ehemalige, im Vorjahr an der Niederschlagung der Münchner Räterepublik beteiligte Freikorps Epp – eingeschlossen. Bis heute ist nicht völlig geklärt, was dann passiert. Die Brigade gibt ihre eigenen Verluste nach dem »Gefecht« mit zwei Mann an, die »feindlichen Toten« aber schätzt sie im Kriegstagebuch »auf 300«. Ein großer Teil der Rotarmisten wurde offensichtlich nach der Waffenstreckung auf dem Pelkumer Friedhof massakriert. Ein Angehöriger der Brigade schreibt am 2. April in einem Brief: »Pardon gibt es überhaupt nicht. Selbst die Verwundeten erschießen wir noch. Die Begeisterung ist großartig, fast unglaublich.«


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EDIT: FPeregrin
26.03.2020, 12:21 Uhr
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Vergessene Bürgerkriege

Bis auf den Fall Mechterstädt sind die hier exemplarisch genannten Morde und Massaker heute vergessen; ausnahmslos alle sind ungesühnt geblieben. Die Zerschlagung der Massenbewegung gegen den Kapp-Lüttwitz-Putsch, zu der diese und viele ähnliche Szenen gehören, war mit weitaus heftigeren Kämpfen verbunden und forderte deutlich mehr Opfer als der Putsch selbst. In den Tagen und Wochen nach dem 17. März wurden zahlreiche lokale und regionale Bürgerkriege geführt, um die erneute politische Mobilisierung der Arbeiterklasse, die der eilig liquidierte Putsch bewirkt hatte, abzubiegen und unter Kontrolle zu bringen.

Vorbereitet wurden diese Bürgerkriege von einem eingespielten, in den Auseinandersetzungen des Jahres 1919 geschulten Propaganda­apparat. Über Nacht wurden in der regierungsamtlichen Propaganda aus den Arbeitern, die gegen Kapp gestreikt hatten, »Spartakisten«, »Aufständische«, eine »Minderheit«, die mit »Gewalt« die »Räterepublik« erzwingen wollte. Am 18. März verbreitete die damals größte deutsche Nachrichtenagentur, das eng an amtliche Stellen angebundene Wolffsche Telegraphische Bureau, eine der für die Konstruktion dieses Narrativs wichtigen Meldungen, die am nächsten Tag auch in der Presse der SPD ohne jede Relativierung abgedruckt wurde. Darin war die Rede davon, dass von Halle aus Stoßtrupps der Reichswehr mit Panzer- und Lastkraftwagen nach Eisleben entsandt worden seien, »wo sich rote Banden gebildet hatten«. Bei Schkeuditz, hieß es weiter, würden von Merseburg aus vorgerückte Truppen »mit Aufrührern« kämpfen; auch im benachbarten Braunkohlengebiet hätten sich »bewaffnete Banden« gebildet. In ähnlicher Weise wurde über die anderen Städte und Regionen berichtet, in denen der Generalstreik nach dem 17. März nicht sofort abgebrochen worden war.

Keine »Märzrevolution«

Kämpften im März 1920 Arbeiter für die »Räterepublik«? Diese radikale Strömung gab es ohne Zweifel. Dennoch geht die Vorstellung von einer »Märzrevolution«, die in den 1970er Jahren im Gefolge der Arbeiten von Erhard Lucas über den »bewaffneten Arbeiteraufstand« im Ruhrgebiet aufkam und bis heute lebendig ist, an dem aus den Quellen rekonstruierbaren politischen Inhalt der Massenbewegung in den Märzwochen vorbei. Die Mehrheit der Arbeiter, die versuchte, den Generalstreik fortzusetzen und sich dort, wo sie sich Waffen hatte beschaffen können, weigerte, diese wieder aus der Hand zu geben, vertrat unter dem Strich eine im Kern defensive Linie, die etwa in dem am 20. März 1920 verbreiteten Aufruf des Soldatenrats der auf dem Truppenübungsplatz Ohrdruf bei Gotha in Aufstellung begriffenen »Volkswehr­armee« recht gut zusammengefasst ist: »Kapp, Lüttwitz und Noske sind zwar zurückgetreten, aber das System Noske-Lüttwitz besteht weiter. Jetzt muss weitergekämpft werden, bis die Reichswehr, Einwohnerwehr, Zeitfreiwilligen und grünen Sicherheitspolizisten entwaffnet sind und die werktätige Bevölkerung bewaffnet ist. Dieser Kampf muss durchgekämpft werden, wenn die werktätige Bevölkerung nicht wieder von dem Bürgertum durch die weißen Garden brutal ausgebeutet und blutig unterdrückt werden will.«
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Der klar identifizierte Gegner dieser Arbeiter war der 1919 geschaffene übermächtige Gewaltapparat der bürgerlichen Gegenrevolution, gegen dessen Anschläge man sich nun endgültig sichern wollte. Zu der fast flächendeckend erhobenen Forderung nach der Auflösung und Entwaffnung der Reichswehr, der Sicherheitspolizei, der Einwohnerwehren und der Zeitfreiwilligen-Verbände traten fast ebenso häufig die nach der Abschaffung des verhassten Betriebsrätegesetzes, der Aufhebung des Ausnahmezustandes, der Freilassung der politischen Gefangenen und der Schaffung bewaffneter Arbeiterwehren.

Das war viel und tatsächlich nur durch Kampf zu erreichen. Aber es war keine »Revolution« – auch wenn dieser Kampf durchaus bewusst als Vorstufe oder Voraussetzung eines Kampfes um den Sozialismus begriffen wurde. Wer diese Begriffe verwischt, reproduziert unfreiwillig eine auf den Kopf gestellte Variante der bürgerlichen und rechtssozialdemokratischen Propaganda, von der unermüdlich gegen den angeblichen »spartakistischen Putsch« bzw. den »kommunistischen Aufstand« getrommelt wurde. Vielen Arbeitern war die Verlogenheit dieses Manövers, das im März 1920 ja nicht zum ersten Mal angewandt wurde, klar. In einer Versammlung im Volkshaus Jena am 20. März etwa wies ein Redner darauf hin, dass die alte Regierung, die »kaum erst ihre Nase wieder aus dem Mauseloch zu stecken wagt«, ganz offensichtlich dabei sei, sich mit den Putschisten zu arrangieren: »Die Massen versucht man, durch einen neuen Spartakusschrecken von diesem schmählichen Verrat abzulenken.«

Aufmarsch gegen das Ruhrgebiet

Mit der Parole »Gegen Spartakus« ging die Regierung in den Hochburgen des Generalstreiks seit dem 18. März gegen die Arbeiter vor – vor allem in Sachsen und Thüringen und schließlich im Ruhrrevier. Einen »Spartakusschrecken« gab es auch hier nicht. Die in Köln erscheinende Rheinische Zeitung, ein SPD-Blatt, stellte am 22. März fest: »Es ist unrichtig, dass im Industriegebiet die Rätediktatur ausgerufen ist oder ausgerufen werden soll. Die bürgerlichen Behörden und Beamten sind so gut wie überall im Dienst und arbeiten ungehindert.« Die Aktionsausschüsse und Vollzugsräte, die sich hier gebildet hatten, taten das, was die große Mehrheit der Arbeiterräte schon 1918/19 getan hatte: Sie »überwachten« die alte Verwaltung, die einfach weiterarbeitete. Im größten deutschen Industriegebiet hatten sich allerdings – und darauf zielte die Lüge von der Rätediktatur – seit dem 13. März zwischen 50.000 und 100.000 Arbeiter bewaffnet und in Arbeiterwehren organisiert. Sie hatten das Ruhrgebiet bis zum 20./21. März von Reichswehrverbänden, den Freikorps, der Sicherheitspolizei und den Einwohnerwehren gesäubert, im Norden die Lippe erreicht und zum Teil überschritten. Vor Wesel fanden heftige Kämpfe statt. Am 23. März stieß eine Abteilung bis in die Nähe von Münster vor, wo das Wehrkreiskommando VI des Generals Oskar von Watter seinen Sitz hatte.

Bei einer Beratung der preußischen und der Reichsregierung am 21. März vertrat der seit 1919 als Regierungs- und Staatskommissar für das rheinisch-westfälische Gebiet amtierende Sozialdemokrat Carl Severing die Ansicht, dass »militärisch der Aufruhr nicht niederzuwerfen« sei. Zunächst gehe es deshalb darum, die Arbeiter »durch Aufklärung auseinanderzubringen: Zeitungen, Flugblätter müssen hier wirken«. Außerdem werde binnen kurzer Zeit die Lebensmittelversorgung »den kommunistischen Machthabern« unüberwindliche Schwierigkeiten bereiten. Offen empfahl er die Aushungerung der Bevölkerung des Industriegebietes. Versuche von dort, Lebensmittellieferungen aus den Niederlanden zu organisieren, wurden in der Folge von Berlin unterbunden. Noch am 27. März hieß es in der Kabinettssitzung, dass die Lieferung von Lebensmitteln »natürlich erst erfolgen« könne, »wenn die Rote Armee die Waffen gestreckt hat«. Am 21. März verständigte man sich darauf, Truppen »in größerer Stärke« am Rande des Industriegebiets zu versammeln, aber vorläufig nicht anzugreifen. Der unterdessen zum Oberkommandierenden der Reichswehr berufene General Hans von Seeckt bereitete den Vorstoß in den folgenden Tagen mit großer Energie vor. Bayerische und württembergische Truppen wurden herangezogen; aus Schlesien rückten die Marinebrigade Loewenfeld und die Freikorps Aulock, Kühme und Faupel an – durchweg Verbände, die gerade noch geputscht hatten. Das Freikorps Roßbach, das den Kapp-Lüttwitz-Putsch in Mecklenburg mitgemacht hatte, durfte sich ebenfalls »bewähren«. Seeckt wagte es schließlich sogar, die Brigade Ehrhardt nach Westen in Marsch zu setzen.


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Arbeitereinheit gesprengt

Die politische Seite der Vorbereitung übernahm die Regierung Bauer. Am 22. März begann sie damit, die Arbeiter »auseinanderzubringen«. Die beiden am stärksten diskreditierten rechten Sozialdemokraten, Reichswehrminister Gustav Noske und der preußische Innenminister Wolfgang Heine, mussten – gegen den hartnäckigen Widerstand von Reichspräsident Friedrich Ebert – gehen. Die Regierung sicherte zu, die Tätigkeit der Standgerichte zunächst in Berlin einzustellen und keine Truppen gegen die Arbeiter insbesondere im Ruhrgebiet einzusetzen. Daraufhin stimmte am 22. März auch die Mehrheit der USPD-Führung gegen den Widerstand der Vertreter des linken Parteiflügels dem Abbruch des Generalstreiks zu.

Am 23. März trat in Bielefeld eine Konferenz zusammen, zu der Severing hohe Beamte, Bürgermeister und Vertreter der Arbeiterparteien – auch der KPD – aus dem Ruhrgebiet eingeladen hatte. Hier wurde ein Waffenstillstand verabredet, der die Rote Armee, deren Vertreter nicht zugelassen worden waren, dazu verpflichtete, sich auf Stellungen südlich der Lippe zurückzuziehen. Im »Bielefelder Abkommen« vom 24. März machte Severing eine Reihe von allgemeinen Zugeständnissen, die an das Neunpunkteprogramm des ADGB vom 18. März angelehnt waren. Außerdem wurde zugesichert, dass der verschärfte Ausnahmezustand aufgehoben werden würde, wenn die Arbeiter, die zudem dazu verpflichtet wurden, ihre Waffen abzugeben, so sie nicht einer lokalen Ortswehr, die aus organisierten Arbeitern gebildet werden sollte, angehörten, den Streik beendeten. Bei »loyaler Einhaltung dieser Vereinbarungen« sollte »ein Einmarsch der Reichswehr in das rheinisch-westfälische Industriegebiet nicht erfolgen«; alle Arbeiter, die an den Kämpfen seit dem 13. März teilgenommen hatten, sollten deswegen nicht belangt werden können.

Das Bielefelder Abkommen habe in der Roten Armee »wie Sprengpulver« gewirkt, brüstete sich Severing später. Und das war nicht falsch. Die militärische Oberleitung der Roten Armee in Mülheim lehnte das Abkommen strikt ab und erklärte, lieber »untergehen« zu wollen, als den Kampf einzustellen. Dagegen ließ die von rechten USPD-Politikern dominierte politische Zentrale in Hagen, die auch für den östlichen Frontabschnitt verantwortlich war, Siegesglocken läuten und feierte die Abmachungen von Bielefeld als »vollständige Niederlage der Reaktion«. Mit kaum glaublicher Naivität ordnete sie sogar die Abrüstung der Arbeiterwehren im östlichen Teil des Ruhrgebiets bzw. deren Rückzug von der Front an. Jetzt erst wurde von den Vollzugsräten der Versuch gemacht, eine zentrale Leitung zu etablieren. Am 25. März wählten 200 Delegierte aus 70 Gemeinden des Industriegebietes in Essen einen Zentralrat, dem zehn USPD-, sieben KPD- und ein SPD-Vertreter angehörten. Der Zentralrat wandte sich sowohl gegen die »Abenteurerpolitik« der Mülheimer als auch gegen den Kapitulationskurs der Hagener Richtung und suchte vor allen Dingen, die militärische Leitung der politischen zu unterstellen.

Geplantes Blutbad

In diesen Streit hinein platzte am 28. März – am Vortag hatte Hermann Müller, einer der beiden Vorsitzenden der SPD, Gustav Bauer als Reichskanzler abgelöst – ein Ultimatum der Reichsregierung. Bis zum 30. März seien die Rote Armee aufzulösen und die »staatlichen Verwaltungs- und Sicherheitsorgane« wieder einzusetzen. Auf diese Provokation, die Watter noch mit der Forderung zuspitzte, einen bedeutenden Teil der Waffen bis zum 31. März bei den Polizeiverwaltungen abzuliefern, reagierte der Zentralrat am 29. März mit einem weiteren Aufruf zum Generalstreik, erkannte aber am 1. April die Abmachungen von Bielefeld noch einmal ausdrücklich an und sagte die Auflösung der Roten Armee bis zum Mittag des 2. April zu. Severing und Watter hätten nun einfach abwarten können. Beide hielten aber die militärische Niederwerfung der Ruhrarbeiter nicht zuletzt als »Demonstration« für unverzichtbar. Reichskanzler Müller billigte das am 1. April im Kabinett mit der Feststellung, dass man im Ruhrrevier »ohne Anwendung von Waffengewalt« nicht auskommen werde.

Am 1. und 2. April zogen sich die Formationen der Roten Armee wie angekündigt aus ihren Stellungen zurück. Die Reichswehr und die Freikorps folgten ihnen auf dem Fuße und griffen sie rücksichtslos an. Severing rechtfertigte das in einer Proklamation »an die Bevölkerung des Industriegebiets« mit der Lüge, in den Städten an der Ruhr nähmen »Raub und Plünderungen« überhand; die Auflösung der Roten Armee sei nicht erfolgt. Vielfach wurden deren Rückzugsstraßen mit Sperrfeuer belegt, um die Arbeitermilizen zu zwingen, sich den drückend überlegenen Regierungstruppen zu stellen. Den Resten der Roten Armee fehlte nun jegliche Koordination. Nur vereinzelt konnten sich die Arbeiterwehren noch einmal zu organisierter Gegenwehr sammeln, etwa in Bottrop, das gegen die Marinebrigade Loewenfeld bis zum 4. April hartnäckig verteidigt wurde. Bis zum 7. April fielen Mülheim, Dortmund und Essen.

Ein Blutbad kündigte sich an. Das Ziel von Severing und Watter war offensichtlich, die Arbeiterbewegung an der Ruhr für lange Zeit zu zerschlagen. Um das zu verhindern, rief der Zen­tralrat nicht zum Widerstand auf, sondern wies die Aktionsausschüsse und Vollzugsräte an, die Rotarmisten nach Solingen, das von britischen Truppen besetzt war, zu beordern. Der Zentralrat bekämpfte auch entschlossen die hier und da aufkommenden Sabotagelosungen, etwa die insbesondere von Anarchosyndikalisten verbreitete Parole, vor dem Einmarsch der Regierungstruppen die Bergwerke zu sprengen.

Vielleicht hat diese Besonnenheit wirklich das Schlimmste verhindert. Das geplante Massaker fand dennoch statt. Erschießungen erfolgten völlig willkürlich oder nach Urteilen durch groteske »Standgerichte«. Selbst Sanitäterinnen der Roten Armee wurden erschossen und davor häufig vergewaltigt. Auch Funktionäre der SPD waren ihres Lebens nicht mehr sicher. In Werne wurde im Rausch des Ausnahmezustands sogar der Vorsitzende der örtlichen DDP exekutiert. Im Sennelager bei Paderborn, wo etwa 1.200 Arbeiter festgehalten wurden, wurde vorübergehend eine Art Konzentrationslager betrieben. Die Toten an der Ruhr sind nie genau gezählt worden. Mindestens 2.500 sind es gewesen. In jedem Fall war die Niederwerfung der Massenbewegung im Ruhrgebiet eine schwere Niederlage für die gesamte deutsche Arbeiterbewegung. Mit ihr endete die revolutionäre Krise, die im Herbst 1918 begonnen hatte.

»Ordnung« hergestellt

Nun herrschte wieder »Ordnung« in Deutschland. Einem im Nachlass von Severing überlieferten Bericht eines unbekannten Verfassers über die Zustände in Dortmund ist zu entnehmen, wer die Träger dieser Ordnung waren. Sofort nach dem Einmarsch in die Stadt, heißt es darin, habe eine »heftige antisemitische Agitation« eingesetzt: »Die Wände der Häuser bedeckten sich mit Hakenkreuzen, was vorher hier ganz unbekannt war.« Ganz offen bekannten sich die Offiziere »als Monarchisten und Gegner der Verfassung« und prahlten bereits »mit einem nächsten, aber erfolgreicheren Putsch«. Zu Pfingsten wurden auf dem Ostfriedhof »die jüdischen Grabsteine massenhaft mit Rotstift durch Hakenkreuze besudelt«.

Der Kapp-Lüttwitz-Putsch und die Niederschlagung der Gegenbewegung, die er hervorgerufen hatte, waren, das zeigt sich nicht nur hier, ein Menetekel. Im März und April 1920 wurde in Deutschland erstmals – gedeckt von einer »demokratischen« Regierung – eine im Kern faschistische Massengewalt gegen die Arbeiterbewegung und die radikale Linke gerichtet, für die der Antisemitismus die ideologischen Korsettstangen lieferte.

Die für die Rechte wesentliche Schlussfolgerung aus dem Generalstreik und dem dadurch erzwungenen Abbruch des faschistischen Vorstoßes war die Wiederaufnahme der Idee, diese Gewalt durch einen politisch-ideologischen Einbruch in die Arbeiterklasse abzustützen. Im September 1920 erhielt Kapp in Schweden einen Brief aus München. Geschrieben hatte ihn jener Hauptmann Karl Mayr, der Adolf Hitler 1919 »entdeckt« und ihn in den Putschtagen zusammen mit dem antisemitischen Schriftsteller Dietrich Eckart in einem Flugzeug nach Berlin geschickt hatte. Nun schrieb Mayr: »Die nationale Arbeiterpartei muss die Basis geben für den starken Stoßtrupp, den wir erhoffen. Das Programm ist gewiss noch etwas unbeholfen und vielleicht auch lückenhaft. Wir werden es ergänzen.« Beigelegt hatte Mayr einen Auszug aus dem 25-Punke-Programm der NSDAP, der sich im Nachlass Kapps erhalten hat. Ein Zufall war das nicht. 1920 scheiterte in Deutschland der erste Vorstoß der faschistischen Reaktion. Aber sie hat aus den dabei gemachten Erfahrungen gelernt.


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