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NEUES THEMA11.12.2019, 22:36 Uhr
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FPeregrin

• Italien 1969: Strategie der Spannung In der jW von morgen steht ein sehr interessanter Artikel von Gerhard Feldbauer zur Geschichte der "Strategie der Spannung" des Klassenfeinds. Dergleichen dürfte auch heute - erst recht - immer wieder zum Arsenal dieses Dreckspacks gehören. Wir sollten uns darauf einstellen.

Komplott der Faschisten

Vor 50 Jahren wurde das Attentat auf der Mailänder Piazza Fontana verübt. Dies war der Beginn der Spannungsstrategie in Italien, die einem Putsch den Weg ebnen sollte

Von Gerhard Feldbauer

Am 12. Dezember 1969, einem Freitag, herrschten am späten Nachmittag in der Industriemetropole Mailand Vorweihnachtsstimmung und die vor einem Wochenende übliche Hektik. In der Schalterhalle der Landwirtschaftsbank an der Piazza Fontana drängen sich die Menschen, als um 16.37 Uhr eine Bombe explodiert. 14 Menschen sind sofort tot, zwei weitere sterben im Krankenhaus, fast 100 werden verletzt.

Eine weitere Bombe wird um 16.25 Uhr in einer Aktentasche an einem Fahrstuhl gefunden. Ein Maresciallo vergräbt sie zunächst im Hof der Bank und sperrt ihn ab. Fast zur gleichen Zeit detonieren in Rom vier Bomben bzw. Sprengsätze. Zwischen 16.40 und 16.55 Uhr eine in der Prachtstraße Via Veneto in der Banca Nazionale del Lavoro, durch die 14 Angestellte verletzt werden. Danach um 17.20 Uhr eine weitere am »Altar des Vaterlandes« auf der Piazza Venezia und zehn Minuten später zwei Sprengsätze mit geringerer Kraft, die einen Carabiniere und drei Passanten verletzen.

Den Linken in die Schuhe geschoben

Mit den Anschlägen begann die unter Beteiligung der CIA seit Mitte der 60er Jahre ausgearbeitete »Strategie der Spannung«. Ihr Ziel war es, mit forciertem Terror die öffentliche Ordnung zu untergraben und so das Klima für einen Militärputsch zu schaffen, eine Situation, in der die Armee als »Ordnungsfaktor« auf den Plan treten sollte. Konkret sollte einem Staatsstreich der Weg geebnet werden, den der aus einem alten Adelsgeschlecht stammende, »schwarzer Fürst« genannte Junio Valerio Borghese mit der von ihm gegründeten faschistischen Avanguardia Nazionale dann im Dezember 1970 auslösen wollte. Er war unter Mussolini Kommandeur der Decima MAS (10. Torpedobootflotille) gewesen und wegen wenigstens 800fachen Mordes an Partisanen 1949 zu lediglich zwölf Jahren Haft verurteilt, auf Betreiben der USA aber begnadigt worden.

Für die Spannungsstrategie nutzte die CIA das linksradikale Spektrum. Sie begann, mit den italienischen Geheimdiensten linksradikale Organisationen mit ihren Agenten zu unterwandern, um diese zu Gewaltakten zu provozieren und sie als die Verantwortlichen für den rechten Terror hinzustellen. Die Weichen dafür hatte der Geheimdienstausschuss des US-Repräsentantenhauses 1968 mit seiner Orientierung für alle Geheimdienstorgane gestellt, bei ihren Operationen stärker linksradikale Kräfte zu instrumentalisieren. Dieser Linie entsprechend wurden jedoch nicht nur in großer Zahl V-Leute und neofaschistische Agenten in linksradikale Gruppen eingeschleust, um diese zu gewaltsamen Aktionen anzustacheln, sondern schwarzer Terror auch pseudorevolutionär getarnt, durch Agenten selbst »linksextreme« Gruppen gebildet oder bestehende neofaschistische Terrorbanden einfach auf »linksradikale« Namen umgetauft.

Die Anschläge in Mailand und Rom wurden von Tätern aus dem Umfeld der faschistischen Terrororganisation »Ordine Nuovo« heraus ausgeführt. Rädelsführer waren die beiden bekannten Faschisten Franco Freda und Giovanni Ventura. Zu ihnen gesellten sich aus der Leitung der Avanguardia Nazionale Stefano Delle Chiaie und ein Mario Merlino, der unter Mailänder Anarchisten aktiv war und versuchte, diese zu Terrorakten anzustiften, damit die Polizei sie dann als Täter präsentieren konnte. Den Anschlag in Mailand leitete der Ordine-Führer Pino Rauti (Jahrgang 1926), ein Altfaschist aus Mussolinis Sàlo-Republik, der als Freiwilliger bei den Schwarzhemden (das italienische Pendant zur SS) an der Seite der Hitlerwehrmacht gekämpft hatte.

Die Ordine Nuovo hatte sich 1954 in Mailand konstituiert. Schon der Name sollte der Gruppe ein »linkes Image« verleihen. Denn unter gleichen Namen hatte Antonio Gramsci 1920 eine Wochenzeitung gegründet. Aus der dem Blatt nahestehenden Gruppe ging im Januar 1921 die Kommunistische Partei hervor. Rauti jedenfalls war in dem im Dezember 1946 als Nachfolgeorganisation der Mussolini-Partei wiedergegründeten Movimento Sociale Italiano (MSI) die Nummer zwei und Chef ihrer Terrorbanden. Wegen mehrerer Anschläge war er bereits 1951 zu einer zehnmonatigen Haftstrafe verurteilt worden. Die rund 700 Teilnehmer des Gründungskongresses hatten den »Sturz des Systems« verkündet, sich zum Programm der 1943 von Mussolini gebildeten Salò-Republik und zum »Dritten Reich« bekannt, als Wahlspruch das Motto der deutschen SS – »unsere Ehre heißt Treue« – gewählt und zu ihrem Symbol eine Doppelaxt auf rotem Grund im weißen Kreis, die später durch das keltische Kreuz ersetzt wurde.

Der Spannungsstrategie entsprechend sollten Indizien des Attentats in der Landwirtschaftsbank direkt auf die Anarchisten hinweisen. Die Ermittlungen folgten »einem bereits fertigen Drehbuch«, schrieb der Mailänder Journalist und Anarchist Luciano Lanza.¹ Gleichzeitig wurden Spuren, die zu den neofaschistischen Attentätern führen konnten, beseitigt. So wurde die in der Handelsbank sichergestellte nicht detonierte Bombe auf Weisung des Polizeipräsidiums am Abend des 12. Dezember mit einer Sprengladung zur Explosion gebracht. Der die Ermittlungen leitende Kommissar Luigi Calabresi überzeugte sich, dass der Befehl ausgeführt wurde. Der Munitionstechniker Guido Bizzarri, ein Mann mit vierzigjähriger Berufserfahrung, äußerte gegenüber Journalisten, das sei absolut unüblich. »Ich hätte sie entschärft. Sie zu sprengen war viel gefährlicher.« Sichergestellt wurde dagegen ein Stück Buntglas, das sich zusammen mit der Bombe in der Aktentasche befand. Es wurde in Mailand keiner kriminaltechnischen Analyse unterzogen, sondern zur Untersuchung nach Rom geschickt. Dort stellte man erstaunlich schnell fest, dass es sich um Buntglas handelte, das in der Werkstatt von Pietro Valpreda zur Herstellung von Jugendstillampen verwendet wurde. Valpreda, ein Mailänder Anarchist und Ballettänzer ohne Engagement, betrieb in Rom einen Kunstgewerbeladen für Lampen und Schmuck. Am 12. Dezember war er am Morgen nach Mailand zu einer polizeilichen Vernehmung vorgeladen worden. Bereits drei Stunden nach dem Attentat – das Buntglas war noch nicht analysiert – wurde er im Mailänder Polizeipräsidium als einer der Attentäter genannt.


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NEUER BEITRAG11.12.2019, 22:38 Uhr
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Das »Drehbuch«

Schon zu diesem Zeitpunkt hatte der Polizeipräfekt Libero Mazza Ministerpräsident Mariano Rumor über »die Linie des Vorgehens« informiert: »Annahme zuverlässig, dass Lenkung der Ermittlungen auf anarchoide Gruppen oder jedenfalls auf ex­tremistische Ausläufer erfolgen muss. Hat bereits begonnen, vorherige Absprachen mit oberster Justizbehörde, energische Aktion, gerichtet auf Identifikation und Festnahme Verantwortlicher.« Während der Polizeipräfekt seinen »Bericht« nach Rom absetzte, der ganz dem »Drehbuch«, das Lanza erwähnt, entsprach, versuchte Calabresi bereits, von den ersten verhafteten Anarchisten Geständnisse zu erpressen. Der Kommissar benötigte dazu nicht erst die Befehle seines Präfekten. Er erhielt seine Weisungen direkt von der CIA, die ihn während eines mehrmonatigen »Fortbildungskurses« in den USA 1966 angeworben hatte.² Calabresi ging denn auch exakt nach den Instruktionen des US-amerikanischen Geheimdienstes vor und suchte die Attentäter unter den Linken. Die Anschläge zeigten deutlich »die Handschrift der Anarchisten«, setzte Calabresi die Inhaftierten unter Druck und verlangte von ihnen Auskünfte »über diesen irren kriminellen Valpreda« und dessen »Anhang von Halbstarken«. Dann das vorgefasste Urteil: »Das ist das Werk von Anarchisten, daran gibt es nicht den geringsten Zweifel.« Dass es »die Faschisten gewesen sind«, schloss der Kommissar kategorisch aus. Die Turiner Stampa zitierte ihn am nächsten Tag mit dem Urteil, dass es sich »ohne Zweifel um die Tat von Linksextremisten« handele. Das neofaschistische Secolo d’Italia schrieb: »Die Kommunisten sind die Mörder! Schluss mit dem kommunistischen Terror«. Drei Tage später forderte das MSI-Parteiblatt ganz im Sinne der Vorbereitung auf den geplanten Borghese-Putsch, »mit aller Schärfe gegen die Verbrechen wider die öffentliche Ordnung« vorzugehen.

Nach dem Attentat wurden mehr als 300 Personen aus Kreisen der Anarchisten und der außerparlamentarischen Linken verhaftet, darunter einer der bekanntesten Anarchisten Mailands, der Eisenbahner Giuseppe Pinelli, der noch am Abend des 12. Dezember festgenommen wurde, drei Tage später erfolgte die Inhaftierung Valpredas. Pinelli hatte für die Tatzeit allerdings ein Alibi. Vier Zeugen belegten, dass er in einer Bar Karten gespielt hatte. Ein Polizist der Questura behauptete jedoch, das stimme nicht, er sei sich »beinahe sicher, dass Pinelli nicht gespielt hat«. Das genügte Kommissar Calabresi, den anarchistischen Aktivisten weiter festzuhalten und zu beschuldigen. Obwohl Pinelli nach 48 Stunden hätte freigelassen oder ein Haftbefehl ausgestellt werden müssen, wurde er weiter verhört und ihm der Kontakt zu einem Rechtsanwalt verweigert. Dann, in der Nacht vom 15. zum 16. Dezember, stürzte Pinelli aus dem Büro Calabresis im fünften Stock des Polizeipräsidiums. Polizeipräsident Marcello Guida persönlich berief daraufhin unverzüglich eine Pressekonferenz ein und behauptete, es sei Selbstmord gewesen. »Sein Alibi hat den Nachprüfungen nicht standgehalten«, behauptete Guida. »Er sah sich verloren (…) Es war eine Geste der Verzweiflung, alles in allem eine Art Selbstanklage.«³ Der Polizeipräsident war ein offen neofaschistisch eingestellter Offizier, der unter Mussolini eines der berüchtigten Straflager für politische Gefangene geleitet hatte. Die Anarchisten des Mailänder Viertels an der Ponte della Ghisolfa klagten bereits am 17. Dezember den Innenminister und den Polizeipräfekten auf einer Pressekonferenz an, die neofaschistischen Täter zu decken.

»Zufälliger Tod eines Anarchisten«

Die Anarchisten wurden vor allem von der außerparlamentarischen Gruppe »Lotta Continua« unterstützt. Die Organisation zählte damals etwa 20.000 Mitglieder, gab eine gleichnamige Tageszeitung mit derselben Auflage sowie die Zeitschrift Contre-Informazione heraus, in der die Ziele der Spannungsstrategie enthüllt wurden. Starken Auftrieb erhielten die Proteste durch das solidarische Engagement des Schriftstellers Dario Fo, der das Verbrechen und seine Hintergründe in seinem Theaterstück »Zufälliger Tod eines Anarchisten« auf die Bühne brachte, was vom hohen persönlichen Mut des Autors zeugte. Denn im Griechenland der Obristen und im Chile Pinochets wurden Künstler und Schauspieler, die sich wie Fo engagierten, in die Kerker geworfen oder kamen ums Leben.

Vor allem vier Fakten widerlegten die von Polizeipräsident Guida und Kommissar Calabresi aufgestellte Behauptung, Pinelli habe Selbstmord begangen. Die Erklärung, ein Polizeibeamter habe Pinelli von seinem Sturz aus dem Fenster zurückhalten wollen, ihn an den Füßen gepackt, aber nur einen Schuh zu fassen bekommen, stimmte nicht. Der Eisenbahner wurde im Hof mit beiden Schuhen an den Füßen gefunden. Bereits vor dem Sturz war in einem Krankenhaus ein Anruf eingegangen und ein Krankenwagen zur angeblichen Hilfe angefordert worden. Schließlich verdeutlichte der Aufprall, dass Pinelli – vermutlich infolge der Folterungen – nicht mehr bei Bewusstsein gewesen sein konnte. Der Verdacht eines von Polizisten begangenen Mordes, erhärtete sich zusätzlich dadurch, dass keine Obduktion der Leiche vorgenommen wurde.

Der Tod des 40jährigen Giuseppe Pinelli, der eine Frau und zwei Kinder hinterließ, brachte nicht nur die Mailänder Anarchisten in Rage, sondern viele Linke, die in ihren Protesten nicht nachließen. Als Zehntausende, einem Aufruf von Lotta Continua folgend, durch die Stadt zogen und die Straßen von Sprechchören wie »Calabresi Mörder« und »CIA-Kommissar« widerhallten, holte man in der Mailänder Questura zum Gegenschlag aus. Calabresi wurde veranlasst, wegen der Mordanschuldigungen, die die Zeitung Lotta Continua erhob, gegen deren Chefredakteur Pio Baldelli zu klagen. Dieser ging zu Beginn des Prozesses in die Offensive und erklärte: »Wir haben die Absicht zu beweisen, dass Kommissar Calabresi Pinelli ermordet hat. Er hat ihn umgebracht, wenn vielleicht auch nicht selbst. Auf jeden Fall werden wir beweisen, dass die Verantwortung für den Tod des Anarchisten auf ihn fällt.«

44 Zeitungen und Zeitschriften, die Vereinigung Demokratischer Juristen und zahlreiche Organisationen solidarisierten sich mit Lotta Continua. Calabresi und die als Zeugen geladenen Polizisten verwickelten sich in Widersprüche. Schließlich lehnte der Kommissar die Verantwortung für die Ereignisse mit der Erklärung ab, er sei während des Fenstersturzes nicht im Zimmer gewesen. Als Lotta Continua die Exhumierung der Leiche Pinellis zur Obduktion beantragte, ließen Calabresis Anwälte, um die Beweise einer Ermordung zu unterdrücken, den Prozess platzen. Sie erklärten den vorsitzenden Richter, einen durch und durch konservativen Juristen, für befangen und forderten, ihn abzusetzen. Dem Antrag wurde vom Kassationsgericht stattgegeben.

Calabresi überlebte das Fiasko des Prozesses allerdings nicht lange. Am 17. Mai 1972 wurde er in Mailand auf offener Straße von einem »unbekannten Täter« erschossen. »Die im Prozess aufgedeckten Spuren zeigten, welch prominente Mächte hinter den blutigen Faschistenumtrieben standen – und dass Calabresi wohl etliche sehr bekannte Namen auszuplaudern gehabt hätte, wenn er unter der Beweislast zusammengebrochen wäre und zu sprechen begonnen hätte. Das wurde jedoch verhindert: durch die am 17. Mai auf Luigi Calabresi abgefeuerten Schüsse«, schrieb der österreichische Journalist Harald Irnberger und hielt fest, es »könnte die CIA gewesen sein«.⁴


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Das Field manual 30-31

Das Pentagon ließ am 18. März 1970 – zur Orientierung des Geheimdienstausschusses des US-Repräsentantenhauses von 1968 – ein Feldhandbuch (Field manual 30-31) herausgeben, das detaillierte Instruktionen zur Einschleusung von Agenten in linksradikale Organisationen enthielt, die zur gegebenen Zeit Operationen – von der Provozierung von Unruhen bis zu politischen Morden – auslösen sollten, um Vorwände zur Errichtung eines Regimes der »starken Hand« zu schaffen.⁵ Zwei Jahre nachdem FM 30-31 ergangen war, verlautete aus einem Bericht der Pariser Le Monde, dass mindestens zehn Prozent aller Mitglieder linksradikaler Vereinigungen Agenten der Polizei seien.⁶

Obwohl die Strategie, radikalen Linken für faschistische Anschläge die Schuld in die Schuhe zu schieben, in Mailand ein Fiasko erlitt, wurde sie – nicht ohne Erfolg, wie die Entwicklung nach dem Mordkomplott gegen Aldo Moro 1978 zeigte – weiter verfolgt. Einige Beispiele: Nachdem im März 1973 ein Attentat auf den D-Zug Genua–Rom gescheitert war, wurde bekannt, dass zuvor in dem Zug Neofaschisten vor den Reisenden demonstrativ mit Zeitungen und Flugblättern von Lotta Continua und Potere Operaio aufgetreten waren, um entsprechende Spuren zu hinterlassen. Im März 1977 kam es in Bologna, das von einer roten Stadtverwaltung regiert wurde, zu tagelangen bewaffneten Zusammenstößen, für die linksradikale Gruppen, darunter von der Universität der Stadt, verantwortlich gemacht wurden. Die Zeitschrift ­Giorni berichtete damals, dass nach Bologna jedoch scharenweise Neofaschisten aus Rom, Bari, Palermo und weiteren süditalienischen Städten transportiert worden waren, die in Gruppen unter »linken« Namen wie »Roter Stern« (Stella Rossa) oder »Bewaffneter Kampf für den Kommunismus« (Lotta armata per il comunismo) agierten.

Schon am 14. Juni 1975 hatte der Mitarbeiter der Wochenschrift Tempo, Lino Jannuzzi, in Rom auf einer Pressekonferenz enthüllt, dass in einem geheimen NATO-Stützpunkt am Capo Marrargiu auf Sardinien Polizeiagenten auf ihren Einsatz in linksradikalen Gruppen, darunter in den Brigate Rosse (BR) vorbereitet würden. Januzzi, über dessen Pressekonferenz am nächsten Tag nahezu alle italienischen Zeitungen ausführlich berichteten, erklärte weiter, dass die Agenten »Gruppen in den BR anleiten, Kommandounternehmen zur Entführung und Ermordung von Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Kultur durchzuführen«.

Die Ausbildung leitete der Oberst des Geheimdienstes SISMI, Camillo Guglielmi, der bei der Entführung Moros im März 1978 am Tatort persönlich kontrollierte, wie die Operation ablief. Wie 1991 nach der Aufdeckung der geheimen NATO-Truppe »Stay behind« (hinter den Linien), die in Italien »Gladio« hieß, ans Licht kam, führten Einheiten dieser verfassungsfeindlichen Truppe, die in einer Division von 12.000 Mann zusammengefasst waren, einen Großteil der Attentate selbst aus.⁷

Propaganda due

Als Zentrale der Spannungsstrategie wirkte in dieser Zeit die als Freimaurerloge getarnte »Propaganda due« (P2), deren offizieller Chef der Altfaschist aus Mussolinis Salò-Republik, Licio Gelli, wurde, dessen Enttarnung die USA verhindert hatten. Bei ihrer Gründung zogen, wie das Mailänder Nachrichtenmagazin Espresso am 25. November 1990 schrieb, der damalige NATO-Oberbefehlshaber General Alexander Haig und US-Außenminister Henry Kissinger die Fäden. Haig ließ vom Chef für verdeckte Operationen der CIA in Rom, Theodore Shackley, Gelli eine Liste mit 400 hohen italienischen NATO-Offizieren für den Aufbau übermitteln. Als eigentlicher geheimer Chef der P2 galt jedoch, wie die Wochenzeitung L’Europeo am 15. Oktober 1983 schrieb, der auch wegen Komplizenschaft mit der Mafia angeklagte, aber mangels Beweisen freigesprochene mehrmalige Ministerpräsident Giulio Andreotti. Zur Rolle der P2 schätzte der Politologe Giorgio Galli ein: »Anfang der siebziger Jahre wird das Ausmaß der Macht der P2 in Umrissen bekannt, als unter Richtern und Journalisten im Flüsterton davon gesprochen wurde, die Initiale des ›Signor P‹, der als Auftraggeber des Massakers auf der Piazza Fontana galt, bezeichne nicht eine Einzelperson (…), sondern eine Organisation ›P‹, die des ›Meisters vom Stuhl‹ nämlich.« Obwohl die Untersuchungsergebnisse, wie Galli schrieb, bei den Terrorakten »klar in Richtung Geheimloge P2« wiesen, wurden sie unterdrückt, manipuliert, Linke vor Gericht gezerrt, Mitwisser beseitigt«.⁸

Im Ergebnis der Spannungsstrategie kam es zu einer von Monat zu Monat, von Jahr zu Jahr sich steigernden Zahl von Attentaten, die das ganze Land erfassten und oft auf Massenmord zielten. Von 150 Anschlägen 1969 stieg ihre Zahl auf fast 2.400 im Jahr 1978 an. In dieser Zeit kamen Hunderte von Menschen ums Leben, wurden Tausende verletzt. Zwischen 1969 und 1984 forderte der von den Neofaschisten entfesselte Terror allein in der »Roten Emilia« 140 Tote und ein vielfaches mehr an Verletzten. 85 Tote und mehr als 200 Verletzte gab es bei nur einem Attentat auf dem Hauptbahnhof in Bologna im August 1980.

Die Spannungsstrategie blieb und bleibt nicht auf Italien beschränkt. Sie wurde schon 1967 bei der Installierung des faschistischen Regimes der Obristen in Griechenland praktiziert, danach in Chile beim Sturz des sozialistischen Präsidenten Salvador Allende durch den Militärputsch Pinochets (»Centauro-Plan«).

Anmerkungen

1 Luciano Lanza: Bomben und Geheimnisse – Die Geschichte des Massakers auf der Piazza Fontana, Hamburg 1998, S. 9

2 Harald Irnberger: Die Terrormultis, Wien/München 1976, S. 203

3 Gisela Wenzel: Klassenkämpfe und Repression in Italien. Am Beispiel Valpreda, Hamburg 1973, S. 30

4 Irnberger, a. a. O.

5 Auszüge in L’Europeo, 27. Oktober 1978

6 Antonio e Gianni Cipriani: Sovranità limitata. Storia dell’eversione atlantica in Italia, Rom 1991, S. 201 f.

7 Giovanni Marie Bellu e Giuseppe D‘Avanzo: I Giorni di Gladio, Rom 1991, S. 155 ff.

8 Giorgio Galli: Staatsgeschäfte, Affären, Skandale, Verschwörungen. Das unterirdische Italien 1943–1990, Hamburg 1994, S. 216


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