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"Wer die Gegenwart beherrscht, beherrscht die Vergangenheit", schrieb einmal George Orwell. In seinem Buch "1984" verdeutlichte der britische Autor damit den Versuch der jeweils Herrschenden, die Geschichte umzuinterpretieren, denn: "wer die Vergangenheit beherrscht, beherrscht die Zukunft".Diese Kritik sollte auf den real existierenden Sozialismus zielen. Der Antikommunist Orwell beschrieb jedoch mit diesen populĂ€r gewordenen SĂ€tzen ungewollt etwas viel Allgemeineres: eine grundlegende Methode von HerrschaftsausĂŒbung.

Geschichte kann bestĂ€tigen, verpflichten und mahnen - oder gefĂ€hrlich sein. Die deutsche Geschichte steckt voller Fallstricke; das haben viele von denen erkannt, die alte Ziele in neuen Angriffen nehmen wollen. Mit einer nicht enden wollenden Flut von Kampagnen, Medieninszenierungen und Umdeutungen werden in den letzten Jahren gezielt negativ besetzte Begriffe uminterpretiert: vom medial bis zum Erbrechen durchgekauten "Leiden der Deutschen", auf FlĂŒchtlingstrecks und in BombennĂ€chten im Zweiten Weltkrieg, das die SingularitĂ€t des von Deutschen verursachten Leides relativieren soll. Von "Du bist Deutschland", dem "Zentrum gegen Verteibungen" bis zum Flaggen- und Nationalhymnen-Hype wĂ€hrend der Fußball-WM. Der verhuschte, schamvolle und biedere "Verfassungspatriotismus" der alten BRD ist durch den modisch daherkommenden, salonfĂ€hig gewordenen Nationalismus des erstarkten Deutschlands abgelöst worden; die KniefĂ€lle und EntschĂ€digungszahlungen deutscher Politiker sind einer neuen Weltmachtpolitik mit arrogantem Habitus gewichen: rund um die Welt stehen deutsche Soldaten - und jetzt mĂŒssen noch die Herzen gewonnen werden, damit die ehrgeizigen Projekte nicht an der Heimatfront gedolchstoßt werden. Die Uminterpretierung, Bereinigung und "Normalisierung" der Sicht auf die deutsche Vergangenheit gehört dazu.

Nicht in allen FĂ€llen will die Umschreibung der Geschichte im Sinne der Macht so ganz reibungslos gelingen. Insofern ist das, was am 26.08. in Weimar geschah, einerseits symptomatisch - und andererseits ein Zeichen dafĂŒr, dass zumindest Zeitzeugen noch in der Lage sind, die große Welle der Neuschreibung wenigstens temporĂ€r zum Halten zu bringen.

In Weimar wurde dieser Tage das "Kunstfest" eröffnet; die Auftaktveranstaltung stand unter dem Motto "GedĂ€chtnis Buchenwald". Gerade JĂŒngere werden dies nicht mehr unbedingt wissen, gemeint ist damit das KZ vor den Toren der "Kulturhauptstadt Deutschlands", in Sichtweite der WirkstĂ€tten Schillers und Goethes.
Der stellvertretende Bundesbeauftragte fĂŒr Kultur und Medien, Hermann SchĂ€fer, hielt die Eröffnungsrede. Diese sollte jedoch deutlich kĂŒrzer als geplant ausfallen, denn Herr SchĂ€fer wurde durch einen Tumult unter den Zuschauern zum Abbruch seiner AusfĂŒhrungen gezwungen. Was war geschehen?

Großbildansicht buchenwald.jpg (21.9 KB)
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Abteilungsleiter SchĂ€fer, vormaliger PrĂ€sident des Kohl-Museums "Haus der Gechichte" in Bonn, wollte diesen denkwĂŒrdigen Anlass nutzen, um die versammelte Zuhörerschaft, darunter Überlebende des Holocaust und des KZ Buchenwald, ĂŒber das Leid der Deutschen auf Flucht und Vertreibung im letzten Kriegsjahr und nach 1945 aufzuklĂ€ren. Gerade die ehemaligen KZ-HĂ€ftlinge, so mag der Gedankengang SchĂ€fers gewesen sein, hĂ€tten bei diesem Thema ja noch einen gewissen Nachholbedarf; saßen sie doch im KZ, als anderswo Frauen, Greise und Kinder durch Nacht und Frost vor den heranrĂŒckenden Rotarmisten flĂŒchten mussten. Das KZ Buchenwald als solches erschien SchĂ€fer in seiner Rede als nicht erwĂ€hnenswert.

Durch Buhrufe und Radau unter den Zuhörern musste SchĂ€fer die AusfĂŒhrungen zu seinem Fachgebiet schließlich abbrechen. Der Weimarer OberbĂŒrgermeister Wolf nannte die Rede SchĂ€fers eine "Schande"; der Intendant des Weimarer Nationaltheaters MĂ€rki sagte: "so etwas darf nicht passieren". Der Leiter der GedenkstĂ€tte Buchenwald, Volkhardt Knigge, sprach gegenĂŒber dem MDR von einer "Zumutung". Angesichts des großen Drucks ruderte SchĂ€fer schließlich zurĂŒck; sollte es zu "Unmut" unter dem Publikum gekommen sein, "bedauere" er dies. Die Schuld sieht SchĂ€fer jedoch eindeutig nicht bei sich: "Bei dem Rahmenprogramm zur Eröffnung der Weimarer Festspiele habe ich mich mit meiner Rede thematisch genau an die Vorgaben der Leiterin der Festspiele, Nike Wagner, gehalten". Etwaiige Unzufriedenheit beim Publikum habe er "nicht zu vertreten".

Wie kommt es dazu, dass auf einer international besuchten Veranstaltung ein offizieller Redner, noch dazu vor Holocaust-Überlebenden, eine derartige Geschichtsklitterung begehen kann? Die Resultate des von deutschen Faschisten angezettelten Zweiten Weltkrieges, darunter die Umsiedlung aus jetzt polnischen und tschechischen Gebieten, waren nichts als Konsequenzen aus den deutschen Verbrechen an NachbarlĂ€ndern und rassisch Verfolgten - aber das passt natĂŒrlich nicht zum neuerwachten Expansionsdrang Deutschlands. Moralisch gelĂ€utert will dieses Land dastehen; im Mahlstrom der Vergangenheit verwischen die Grenzen zwischen Ursachen und Folgen historischer Katastrophen.

Es wird der Tag kommen, an dem kein Zeitzeuge mehr lebt, der derartige Verdrehungen durch Protest korrigieren kann. Wenn die Kontrolle ĂŒber die Vergangenheit hergestellt ist, ist der Weg endgĂŒltig frei fĂŒr Deutschland - das friedliebende Reich im Herzen Europas, dass in seiner ganzen Vergangenheit immer wieder zum Ziel heimtĂŒckischer ÜberfĂ€lle durch sĂ€mtliche NachbarlĂ€nder und zum Opfer des Zweiten Weltkrieges wurde und nun historische Genugtuung einfordern kann.

 
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