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NEUES THEMA01.08.2019, 23:58 Uhr
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FPeregrin

• 75. JT des Warschauer Aufstands Zum 75. Jahrestags des Beginns des Warschauer Aufstands - NB auch Artikel des Tages der deutschsprachigen Wikipedia:
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- bringt die jW heute - je gerade noch - folgenden lesenswerten Artikel von Reinhard Lauterbach:
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FĂŒr uns festhaltenswert ist einerseits die Charaktersierung der drei Stoßrichtungen des Aufstandsversuchs, "der sich militĂ€risch gegen Deutschland, politisch gegen die Sowjetunion und moralisch gegen die Westalliierten richtete."


Vor diesem Hintergrund kann auch das Nicht-Eingreifen der Roten Armee auch unabhĂ€ngig von der korrekten militĂ€rischen Lagebeurteilung wie folgt richtig bewertet werden: "Wobei die AnhĂ€nger der Version von Stalins Verrat an den AufstĂ€ndischen nicht erklĂ€ren können, warum sie hĂ€tte wollen sollen: Eigene Soldaten zu gefĂ€hrden, um einer Mannschaft an die Macht zu verhelfen, von der sie nichts als Gegnerschaft zu erwarten gehabt hĂ€tte und von der aus der Vorkriegszeit bekannt war, dass sie sowjetische UnterstĂŒtzung fĂŒr die von der Aufteilung bedrohte Tschechoslowakei durch die Verweigerung des Transits sowjetischer Truppen blockiert hatte."

Deshalb ganz hier:

In aussichtsloser Lage

Vor 75 Jahren begann der Warschauer Aufstand. Es war der letzte Versuch der Exilregierung, das bĂŒrgerliche Vorkriegspolen zu retten

Von Reinhard Lauterbach

Jedes Jahr am 1. August kommt um 17 Uhr in Warschau der Verkehr zum Erliegen. Autos fahren an den Straßenrand, Straßenbahnen bleiben stehen, Sirenen heulen, die Passanten verharren in stillem Gedenken. Die Erinnerung gilt dem Beginn des Warschauer Aufstands vom 1. August 1944. Er war die grĂ¶ĂŸte einzelne MilitĂ€roperation einer europĂ€ischen Widerstandsbewegung gegen die nazideutsche Besatzung und gleichzeitig die am tragischsten fehlgeschlagene. Angetrieben vom Hass insbesondere der jungen Generation auf die Besatzer und anfangs unterstĂŒtzt auch von der ĂŒbrigen Zivilbevölkerung, blieb er militĂ€risch wie politisch erfolglos. Um den Widerstand zu brechen, begingen deutsche Truppen an der Bevölkerung schwerste Kriegsverbrechen. Einem mehrtĂ€gigen Massaker im Arbeiterviertel Wola fielen zwischen dem 5. und 7. August mindestens 30.000 Menschen zum Opfer, ganz ĂŒberwiegend Nichtkombattanten.1 In Reaktion auf den Aufstand und um ein abschreckendes Beispiel zu statuieren, ordnete Hitler an, die polnische Hauptstadt dem Erdboden gleichzumachen. Sein Befehl wurde ausgefĂŒhrt. Als die AufstĂ€ndischen nach 63 Tagen ungleichen Kampfes am 2. Oktober 1944 kapituliert hatten, zogen deutsche Sprengkommandos durch Warschau und zerstörten, was nach den KĂ€mpfen noch ĂŒbrig war. Von den etwa 30.000 AufstĂ€ndischen fielen zwei Drittel, mindestens 150.000 Zivilisten kamen ums Leben. Als Warschau am 17. Januar 1945 von der Roten Armee und den mit ihr verbĂŒndeten polnischen VerbĂ€nden eingenommen wurde, war die Stadt eine TrĂŒmmerwĂŒste, so stark zerstört, dass eine Zeitlang ernsthaft darĂŒber diskutiert wurde, die Hauptstadt Polens nach Lodz zu verlegen.

Schlecht ausgerĂŒstet

Die grĂ¶ĂŸte StĂ€rke der AufstĂ€ndischen war ihr enormer Mut und ihr Kampfeswille; ihre grĂ¶ĂŸte SchwĂ€che die schlechte Bewaffnung. Im Schnitt war nur fĂŒr jeden zehnten Soldaten der Untergrundarmee eine Schusswaffe vorhanden, Munition war knapp, schwere Waffen fehlten völlig, und viele angelegte Depots gingen verloren, weil die Verstecke im Chaos der ersten Kampftage nicht mehr rechtzeitig gerĂ€umt werden konnten. Das lag auch daran, dass die polnische Heimatarmee (Armia Krajowa, abgekĂŒrzt: AK) bei ihrer GrĂŒndung 1940 nicht als Kampftruppe konzipiert worden war, sondern als AufklĂ€rungsnetz im Dienste der westlichen Alliierten. Auf diesem Gebiet erzielte sie auch einige spektakulĂ€re Erfolge, unter anderem die Erbeutung einer vollstĂ€ndigen V2-Rakete, die als BlindgĂ€nger zu Boden gefallen war und in Einzelteile zerlegt an Großbritannien geliefert wurde. Die SchwĂ€che der eigenen Bewaffnung war auf polnischer Seite allgemein bekannt. Auf einer der letzten Einsatzbesprechungen vor dem Aufstand wandte ein Kompaniechef der AK ein, er könne nicht seine ganze Einheit bereitstellen, weil die Waffen nur fĂŒr einen Stoßtrupp reichten. Der vorgesetzte Offizier entgegnete, seine eigene Bewaffnung bestehe auch nur in einem Taschenmesser, und der Beginn der Erhebung sei ein Befehl.

Weil einige Trupps schon auf dem Weg in ihre BereitstellungsrĂ€ume in Gefechte mit deutschen Truppen verwickelt wurden und weil der Aufstandsbeginn wegen der Polizeistunde auf 17 Uhr gelegt worden war, ging das Überraschungsmoment verloren. Es gelang den AufstĂ€ndischen nicht, die Bahnhöfe und die WeichselbrĂŒcken zu erobern und so Warschau fĂŒr deutsche Truppenbewegungen unpassierbar zu machen. Die deutsche Gegenoffensive drĂ€ngte die AufstĂ€ndischen in mehreren untereinander nur durch die Kanalisation verbundenen Kesseln zusammen. Die Beengtheit in den Aufstandsgebieten wurde noch dadurch verstĂ€rkt, dass Zivilisten sich nicht anders zu helfen wussten, als vor dem Terror der Nazis in die noch unter Kontrolle der AufstĂ€ndischen stehenden Stadtteile zu fliehen. Das verschĂ€rfte dort die Versorgungsprobleme. Vollkommen unertrĂ€glich wurde die Lage, als die Deutschen am 24. August die Wasserversorgung unterbrachen.

Schon nach zehn Tagen waren sich die AnfĂŒhrer des Aufstands darĂŒber im klaren, dass der Versuch, Warschau militĂ€risch einzunehmen, gescheitert war. Aber mehrere deutsche Kapitulationsangebote blieben unbeantwortet. Die Exilregierung verbot den AufstĂ€ndischen vor Ort, auf sie einzugehen, weil sie damals noch die Hoffnung hatte, den KĂ€mpfern mit Hilfe der Westalliierten Waffen aus der Luft zukommen zu lassen. Doch diese Hoffnung trog; es gab wesentlich weniger VersorgungsflĂŒge als erhofft und von der Exilregierung erbeten, und nur ein Teil der abgeworfenen Waffen gelangte in die HĂ€nde der AufstĂ€ndischen.

Der Grund fĂŒr die nicht eben umfangreiche UnterstĂŒtzung liegt in der Stoßrichtung des Aufstandes, der sich militĂ€risch gegen Deutschland, politisch gegen die Sowjetunion und moralisch gegen die Westalliierten richtete. Der letzte Aspekt ist wahrscheinlich der erklĂ€rungsbedĂŒrftigste, aber er erhellt gleichzeitig den zweiten.

Polen zĂ€hlte sich zu den Teilnehmern der Antihitlerkoalition, und polnische Soldaten hatten auch einiges zu deren militĂ€rischen Erfolgen beigetragen: durch die EntschlĂŒsselung von Nachrichten der deutschen Chiffriermaschine »Enigma« schon vor Kriegsbeginn, durch die Beteiligung polnischer Piloten an der Abwehr der deutschen Luftoffensive gegen Großbritannien 1940 und 1942 durch die Verteidigung der Festung Tobruk in Libyen gegen Erwin Rommels »Afrika­korps«; zuletzt, erst wenige Wochen vor dem Warschauer Aufstand, durch die ErstĂŒrmung des von der Wehrmacht zu einer Festung ausgebauten Monte Cassino sĂŒdlich von Rom, eine Aufgabe, an der britische und Commonwealth-Truppen gescheitert waren. Aber der von Exilregierung erhoffte Dank der westlichen VerbĂŒndeten blieb aus, denn diese war fĂŒr Großbritannien und die USA ein unbequemer VerbĂŒndeter. Sie stand mit ihren Interessen quer zu dem BĂŒndnis mit der Sowjetunion, auf das weder London noch Washington vor dem Sieg ĂŒber Nazideutschland verzichten wollten und konnten.


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Zwei Feinde

Die polnische Exilregierung vertrat nach dem Angriff der Wehrmacht am 1. September 1939 und der Aufteilung des Landes gemĂ€ĂŸ des Geheimen Zusatzprotokolls des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes die Theorie der »zwei Feinde«. Und man setzte darauf, dass, wie es das offizielle Informationsbulletin der AK am 26. Juni 1941 formulierte, »die Hand des einen Feindes die des anderen lĂ€hmen« werde: »Wir haben unsere ErwĂ€gungen immer auf die Annahme gestĂŒtzt, dass das Reich aus dem Krieg mit Russland siegreich hervorgeht, und dass dieser Sieg die Republik (Polen, R. L.) retten wird. Dass also das Reich, bevor es selbst zusammenbricht, Polen dieses wunderbare Geschenk zum Tag der Befreiung machen wird.«2 Die Exilregierung ging davon aus, dass schließlich doch die Westalliierten das »Dritte Reich« besiegen und Polen befreien wĂŒrden.

Das Problem war, dass diese Rechnung, so abenteuerlich sie schon im Ausgangspunkt war, nach den deutschen Niederlagen in Stalingrad und am Kursker Bogen endgĂŒltig jede Grundlage verloren hatte. SpĂ€testens ab Mitte 1943 musste allen strategisch Denkenden klar sein, dass Polen ĂŒber kurz oder lang von der Sowjetarmee befreit – oder, wie es die polnische Seite formulierte, erobert – werden wĂŒrde. In der Nacht vom 2. zum 3. Januar 1944 ĂŒberschritt die Rote Armee im Zuge ihrer Gegenoffensive bei Sarny in der Westukraine erstmals wieder die Vorkriegsgrenze zwischen beiden Staaten.

Diese Grenze war als Ergebnis des polnisch-­sowjetischen Kriegs um die Ukraine 1921 im Frieden von Riga vereinbart worden. Sie verlief etwa 200 Kilometer östlich der heutigen polnischen Ostgrenze und machte Polen zum Nachbarland Lettlands im Norden und RumĂ€niens im SĂŒden. Polen hatte sich in diesem Krieg ĂŒber die Festlegungen der SiegermĂ€chte des Ersten Weltkriegs hinweggesetzt, die eine nach ihrem britischen Urheber Lord Curzon benannte Grenzziehung gemĂ€ĂŸ den ethnischen MehrheitsverhĂ€ltnissen geplant hatten, und sich eigenmĂ€chtig ein zum ĂŒberwiegenden Teil von nichtpolnischer Bevölkerung (Belorussen und Ukrainern, dazu vielen Juden) bewohntes Gebiet angeeignet. Der Grund war die Zielsetzung des zum Nationalisten gewendeten Exsozialisten Jozef Pilsudski, Polen als osteuropĂ€isches Imperium wiederherzustellen, außerdem sein Interesse an einem antirussischen Pufferstaat in der Ukraine und schließlich der Wunsch, die objektiv anstehende Agrarreform in Polen zu vermeiden, indem im Osten Kolonialland gewonnen und dadurch der Handlungsdruck auf die Warschauer Regierung und die den Staat tragende polnische Grundbesitzerklasse gesenkt wurde. Die Westalliierten hatten Pilsudskis EigenmĂ€chtigkeiten damals hingenommen, weil ihnen an Polen als einem antisowjetischen Bollwerk gelegen war. Aber anerkannt hatten sie diese Grenze immer nur de facto, nie de jure. Noch die britische GarantieerklĂ€rung fĂŒr Polen vom FrĂŒhjahr 1939 bezog sich nur auf die staatliche Existenz Polens, nicht auf dessen damalige Grenzen. Wie britische Diplomaten polnischen Vertretern schon im Herbst 1939 deutlich machten, fĂŒhlten sie sich Polen gegenĂŒber in Bezug auf die Sowjetunion zu nichts verpflichtet.3 Insbesondere die polnische Beteiligung an der Aufteilung der Tschechoslowakei im MĂ€rz 1939 war in London negativ aufgenommen worden. 1942 erklĂ€rte der britische Innenminister Herbert Morrison, ein Mann der Labour Party, dem polnischen Exilpolitiker Adam Ciolkosz, ebenfalls Sozialdemokrat, kurz und bĂŒndig: »Die Gebiete östlich der Curzon-Linie sind ihrer Natur nach umstritten, weil sie von Angehörigen mehrerer NationalitĂ€ten bewohnt werden. AnsprĂŒche auf solche Territorien nennen wir Imperialismus. Um aber Imperialist zu sein, muss man erstens entsprechende Gewaltmittel besitzen und zweitens das Geschick, die Gebiete zu regieren. Ihr Land hat nichts davon gezeigt. Sie versuchen, Ihre imperialistischen Ziele mit unseren KrĂ€ften zu erreichen.«4 Entsprechend war von Großbritannien und den USA wenig Widerstand zu erwarten, als die sowjetische FĂŒhrung auf der Konferenz von Teheran Ende November 1943 klarmachte, dass sie auf dem 1939 erreichten Grenzverlauf gegenĂŒber Polen bestehen und dem Land dafĂŒr einen Ausgleich in Gestalt der deutschen Ostgebiete verschaffen wollte. Das strategische BĂŒndnis mit der Sowjetunion ging Briten und Amerikanern zu diesem Zeitpunkt noch vor.

Den Sowjets zuvorkommen

In dieser Situation stellte die Exilregierung den in den polnischen Ostgebieten operierenden PartisanenverbĂ€nden der AK die Aufgabe, nach Möglichkeit vor dem Eintreffen der sowjetischen Armee vollendete Tatsachen zu schaffen. Die Aktion »Gewitter« sollte den Sowjets vor Augen fĂŒhren, wer in der betreffenden Region »Hausherr« sei und auf wen folglich auch politisch RĂŒcksicht genommen werden mĂŒsse. Solche polnischen AufstĂ€nde kurz vor der Befreiung gab es in Lwow (Lwiw), Wilna (Vilnius), im lĂ€ndlichen Wolynien (heute Ukraine) und um Nowogrodek (Belarus). In der Regel arbeitete die Rote Armee taktisch mit den polnischen Partisanen zusammen, solange es gegen den gemeinsamen deutschen Gegner ging; sobald aber die sowjetischen Truppen die Region kontrollierten, machten sie den Polen deutlich, was sie von ihnen erwarteten: entweder die Waffen niederzulegen oder in die sowjetisch gefĂŒhrten polnischen VerbĂ€nde einzutreten. Jedenfalls wurden keine autonomen polnischen Truppen im sowjetischen Hinterland geduldet. Die meisten Offiziere der AK weigerten sich, diesen Forderungen zu entsprechen. Viele wurden daher vom sowjetischen Geheimdienst verhaftet. Einige fĂŒhrten ihre Truppen in die WĂ€lder zurĂŒck und fĂŒhrten den bewaffneten Kampf nach 1945 gegen die sozialistische Regierung Polens weiter. Darin besteht die Grundlage fĂŒr den heute in Polen gepflegten Mythos der »Verstoßenen Soldaten«.

Der Aufstand in Warschau reihte sich in die Logik dieser lokalen Aktionen ein, auch wenn es ursprĂŒnglich nicht vorgesehen war, das der Aktion »Gewitter« zugrundeliegende Konzept in der Großstadt umzusetzen. Die militĂ€rische FĂŒhrung der AK wusste um die fehlenden RĂŒckzugsrĂ€ume und sah voraus, dass ein Aufstand in Warschau zu hohen Opfern unter der Zivilbevölkerung fĂŒhren wĂŒrde.5 Doch im Sommer 1944 geriet die Londoner Exilregierung unter Zugzwang. Im Zuge der am 22. Juni begonnenen sowjetischen Sommeroffensive »Bagration« (benannt nach General Pjotr Bagration) war die deutsche Heeresgruppe Mitte innerhalb eines Monats vernichtet worden, und die Rote Armee war vom Osten der Belorussischen SSR 600 Kilometer weit nach Westen vorgedrungen. Ende Juli standen die sowjetischen Panzerspitzen 20 bis 30 Kilometer nordöstlich von Warschau. Den Polen blieb nicht verborgen, dass deutsche StĂ€be und Trosseinheiten sowie Angehörige der Besatzungsverwaltung Ende Juli Warschau fluchtartig verließen. Das Ende der verhassten Okkupation schien unmittelbar bevorzustehen. In dem Attentat auf Hitler am 20. Juli sah die AK-FĂŒhrung das Vorzeichen eines nahenden Zusammenbruchs des »Dritten Reiches«. Wichtiger noch: Am 22. Juli 1944 hatte im gerade erst befreiten Lublin ein »Polnisches Komitee der Nationalen Befreiung« (PKWN) seine TĂ€tigkeit als provisorische polnische Regierung aufgenommen, unterstĂŒtzt von der Sowjetunion und zusammengesetzt aus Kadern der 1943 neu gegrĂŒndeten Polnischen Arbeiterpartei (Polska Partia Robotnicza, PPR).6 Damit bestand aus Sicht der Exilregierung die unmittelbare Gefahr, dass sie bei der Gestaltung der Nachkriegsordnung im befreiten Polen keine Rolle mehr spielen wĂŒrde. Ein Einzug der Sowjetarmee in ein von AnhĂ€ngern der Londoner Regierung befreites Warschau wĂ€re, so kalkulierte die ExilfĂŒhrung, ein nicht zu ĂŒbergehendes politisches Signal. Man rechnete damit, dass sich die AufstĂ€ndischen allenfalls ein paar Tage wĂŒrden halten mĂŒssen, bevor ihnen die Sowjetarmee den deutschen Gegner vom Hals schaffen wĂŒrde.

Doch ein weiteres Mal schlug die Kalkulation der Exilregierung fehl. Der sowjetische Vormarsch kam östlich von Warschau fĂŒr einige Wochen zum Stehen. Eine deutsche Gegenoffensive mit Hilfe der eilends aus Italien herantransportierten Panzerdivision »Hermann Göring« warf die sowjetischen Truppen sogar um einige Dutzend Kilometer zurĂŒck. Nur die an der Seite der Sowjetunion kĂ€mpfenden Einheiten der Polnischen Volksarmee versuchten spĂ€ter, im September, an zwei Stellen BrĂŒckenköpfe am Westufer der Weichsel zu erobern und dem kĂ€mpfenden Warschau von dort aus zu Hilfe zu kommen. Doch das gelang nicht.


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»Komm, rote Pest«

Es ist in der Forschung und historischen Publizistik viel darĂŒber diskutiert worden, was die Sowjetunion Ende Juli 1944 veranlasste, von der sofortigen Eroberung Warschaus abzusehen. Das vorherrschende Argument auf westlicher Seite lautet: Stalin habe die AufstĂ€ndischen zynisch verbluten lassen, um sich durch die Hand der Nazis der politischen Konkurrenz zu entledigen. Von sowjetischer und heute russischer Seite wird dagegengehalten, dass die sowjetischen Truppen nach einem Monat pausenloser Offensive physisch erschöpft gewesen seien. Noch sind nicht alle sowjetischen Akten aus jener Zeit fĂŒr die Forschung freigegeben, bekannt ist aber, dass Stalin Anfang August die MarschĂ€lle Georgi Schukow und Konstantin Rokossowski einen Plan fĂŒr eine Zangenoperation zur Umfassung von Warschau ausarbeiten ließ. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass eine solche Operation ab dem 22. August hĂ€tte beginnen können. Der Angriffsbefehl unterblieb jedoch, weshalb viele Historiker vermuten, es habe sich um eine Eventualplanung fĂŒr den Fall gehandelt, dass der in den ersten Augusttagen in Moskau weilende Chef der polnischen Exilregierung, Stanislaw Mikolajczyk, zu politischen ZugestĂ€ndnissen in der Grenzfrage und bei der Zusammensetzung einer Regierung der Nationalen Einheit bereit gewesen wĂ€re. Nachdem Mikolajczyk diese ZugestĂ€ndnisse nicht gemacht hatte – sie hĂ€tten ihn im Londoner Exilmilieu politisch den Kopf gekostet –, habe Stalin seinerseits den Plan fĂŒr die SpĂ€tsommeroffensive ad acta gelegt und sich entschlossen, weiter keine RĂŒcksicht auf die Exilregierung zu nehmen. Die Sowjetunion bezeichnete den Aufstand in einer TASS-Meldung vom 13. August 1944, drei Tage nach Mikolajczyks Abreise von Moskau, als ein – und das war ja nicht einmal falsch – nicht mit ihr abgesprochenes »Abenteuer«.7 Mit einer Ausnahme verweigerte sie auch die Nutzung sowjetischer FlugplĂ€tze fĂŒr Zwischenlandungen US-amerikanischer Flugzeuge mit Nachschub fĂŒr die AufstĂ€ndischen. Erst im September eroberten sowjetische Truppen den östlich der Weichsel gelegenen Teil von Warschau. Da waren die AufstĂ€ndischen aber militĂ€risch schon geschlagen, die Polen kĂ€mpften nur noch ums Überleben.

Vermutlich hĂ€tte die Sowjetunion bei allem VerstĂ€ndnis fĂŒr den abgekĂ€mpften Zustand ihrer Truppen mehr zur UnterstĂŒtzung des Aufstands tun können, wenn sie gewollt hĂ€tte. Wobei die AnhĂ€nger der Version von Stalins Verrat an den AufstĂ€ndischen nicht erklĂ€ren können, warum sie hĂ€tte wollen sollen: Eigene Soldaten zu gefĂ€hrden, um einer Mannschaft an die Macht zu verhelfen, von der sie nichts als Gegnerschaft zu erwarten gehabt hĂ€tte und von der aus der Vorkriegszeit bekannt war, dass sie sowjetische UnterstĂŒtzung fĂŒr die von der Aufteilung bedrohte Tschechoslowakei durch die Verweigerung des Transits sowjetischer Truppen blockiert hatte. Welche GefĂŒhle die meisten KĂ€mpfer des Warschauer Aufstands fĂŒr die Sowjetunion hegten, geht aus einem berĂŒhmten Gedicht Jozef Szczepanski hervor, das in der SpĂ€tphase des Aufstands entstand: »Komm, rote Pest«, heißt es dort in der ersten von zwölf Strophen, »und erlöse uns von dem schwarzen Tod«. In der letzten dann ist zu lesen: »Aber wisse, dass aus unseren GrĂ€bern / Ein neues Polen entstehen wird, / Auf dessen Boden nicht du gehen wirst, / Roter Beherrscher entfesselter Gewalt.«8

Die Entscheidung, entgegen den eigenen frĂŒheren Planungen und trotz besserer Einsicht in die militĂ€rischen KrĂ€fteverhĂ€ltnisses den Aufstand zu wagen, trĂ€gt alle ZĂŒge einer Improvisation in aussichtsloser Lage. Der Heldenmut der AufstĂ€ndischen musste herhalten, um das Wunschdenken der ExilfĂŒhrung in die Tat umzusetzen. Unter den militĂ€rischen Befehlshabern des Aufstands war post festum die Auffassung verbreitet, auch wenn der Aufstand fehlgeschlagen sei, so sei er doch eine Anklage an das Gewissen der Welt.

WirkmÀchtiges Trauma

Heute zĂ€hlt der Warschauer Aufstand zu den Mythen der polnischen Geschichtspolitik. Vertreten wird die Lesart, dass die AufstĂ€ndischen im Jahr 1989 doch noch gesiegt hĂ€tten. So wird versucht, dem massenhaften Sterben einen historischen Sinn zu verleihen. Wesentlich wirkmĂ€chtiger war aber etwas anderes: Das Trauma des unter furchtbaren Verlusten fehlgeschlagenen Aufstands prĂ€gte die polnische Nachkriegspolitik in allen politischen Lagern. 1956 diente die Erinnerung an 1944 als Warnung, die verhinderte, dass es im Zuge der Entstalinisierung zu einer Situation Ă€hnlich der in Ungarn – also der offenen und gewaltsam niedergeschlagenen Konterrevolution – kam. Die polnische ParteifĂŒhrung suchte gegenĂŒber der nationalistischen Opposition zu deeskalieren und nominierte den 1949 wegen »nationalistischer Abweichung« seiner Posten enthobenen Wladyslaw Gomulka als Parteichef, und der redete Nikita Chruschtschow den Einsatz sowjetischer Truppen aus. 25 Jahre spĂ€ter argumentierte General Wojciech Jaruzelski damit, dass die EinfĂŒhrung des Kriegsrechts das kleinere Übel gegenĂŒber dem Risiko einer sowjetischen Intervention – und der gewaltsamen Niederschlagung polnischen Widerstands dagegen – sei. Quellenbelege dafĂŒr, dass die UdSSR damals wirklich einmarschiert wĂ€re, sind bisher nicht aufgetaucht, aber man kann Jaruzelski auch nicht absprechen, dass er diese BefĂŒrchtung hegen konnte. Selbst der Umstand, dass der polnische Realsozialismus 1989 im Wege eines »Historischen Kompromisses« zwischen der Solidarnosc und einer Partei, die ihr Projekt selbst als gescheitert ansah, beendet wurde, ist von Vertretern beider Seiten mit der Erinnerung an den Warschauer Aufstand und seine vielen letztlich nutzlosen Opfer verbunden worden.

Anmerkungen:

1 Vgl. Piotr Gursztyn: Der vergessene Völkermord. Das Massaker von Wola in Warschau 1944, Berlin 2019

2 Zit. n. Jacek Owczarski: Romantycy kontra realisci. Polska krwawiaca 1944–1948, (Romantiker gegen Realisten. Wie Polen ausblutete 1944–1948). In: Pawel Dybicz (Hg.): Zaklamana historia powstania (Wie ĂŒber die Geschichte des Aufstands gelogen wird), Warszawa 2014, S. 167 ff., hier: S. 201. Vgl. auch die in der Aussage identische Ausgabe des Informationsbulletins vom 3. Juli 1941, online unter: Link ...jetzt anmelden!­doccontent?id=4104&di-
rids=1

3 Vgl. Norman Davies: Powstanie 1944, KrakĂłw 2004, S. 52 ff., insb. S. 57 f. Deutsche Ausgabe des Buches als »Aufstand der Verlorenen. Der Kampf um Warschau 1944«, MĂŒnchen 2004

4 Zit. n. Owczarski, a. a. O., S. 175. Der gegenĂŒber Polen betont freundliche Norman Davies fasst die wachsende Entfremdung zwischen Großbritannien und der polnischen Exilregierung in die Metapher, der »erste VerbĂŒndete« sei nicht im Stich gelassen worden, aber er habe »allen Anlass gehabt, sich vernachlĂ€ssigt zu fĂŒhlen«. Das britisch-polnische Paar habe »getrennt gelebt«. (S. 55)

5 Vgl. Wlodzimierz Borodziej: Der Warschauer Aufstand. In: Bernhard Chiari (Hg.): Die polnische Heimatarmee. Geschichte und Mythos der Armia Krajowa seit dem Zweiten Weltkrieg, MĂŒnchen 2003, S. 217–256, hier: S. 218

6 Die Vorkriegs-PPR war 1937 von sowjetischer Seite unter dem Vorwurf des Trotzkismus und wegen angeblicher Durchsetzung mit Agenten aufgelöst worden.

7 Borodziej, a. a. O., S. 233

8 Zit. n. Davies: Powstanie, a. a. O., S. 909 f.
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