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Die Ungeheuerlichkeit, genau 64 Jahre nach der absoluten Niederlage des deutschen Faschismus ausgerechnet am Tage nach dem Befreiungsjubiläum (oder, wenn man nach der sowjetischen/russischen Lesart geht: am Tag der Befreiung - dieser wird dort am 9. Mai begangen) erneut marschierende Faschisten auf Deutschlands Straßen ertragen zu müssen, wurde in diesem Jahr abgewehrt - zumindest in Göttingen. Dort hatten Kreise aus dem NPD-Umfeld einen ominösen "Deutsch-Russischen Friedensmarsch" für den 9. Mai 2009 in Friedland, einem Dorf in unmittelbarer Nähe Göttingens, angekündigt.

Dieser wurde verboten, und die Anmelder verzichteten auf eine Klage gegen dieses Verbot - ob es Bestand gehabt hätte, wenn dagegen tatsächlich juristisch vorgegangen wäre, sei anheimgestellt. Nicht erst einmal wäre ein Verbot einer Nazidemo durch übergeordnete Instanzen oder gar das Bundesverfassungsgericht kassiert worden - die Demonstrationsfreiheit für Neonazis ist hierzulande ein gut geschütztes Recht.

Was immer auch die Faschisten bewogen haben mag, von ihrem Ansinnen abzulassen und am 9. Mai zu Hause zu bleiben - dies ist ein Erfolg. Nicht zuletzt die zügig und breit begonnenen antifaschistischen Aktivitäten gegen diesen Aufmarsch dürften zur Kehrtwende der Nazis beigetragen haben. In Friedland selbst, einem Dorf mit 1200 Einwohnern, aber auch in Göttingen haben sich Bündnisse gegen Rechts gebildet bzw. reaktiviert, die bereits in der Vergangenheit bei diversen NPD-Veranstaltungen in Göttingen gut funktioniert haben - das Göttinger Bündnis, aus sog. "Autonomen" bis zu Gewerkschaften, Parteien, Jüdischer Gemeinde und Einzelpersonen bestehend, zögerte nicht, die geplante Naziveranstaltung in Friedland auch als Problem Göttingens zu sehen.
Neben diesem Bündnis mobilisierte die Göttinger Gruppe "redical [m]" zu einer eigenen Demonstration nach Friedland; das Friedländer Bündnis gegen Rechts, gesellschaftlich breiter aufgestellt als das Göttinger Pendant, avisierte eine eigene Kundgebung am "Heimkehrerdenkmal", zu dem auch die Nazis marschieren wollten.

Friedland mag ein unbedeutender Vorort Göttingens sein, seine Wahl durch die Nazis war jedoch kein Zufall. Der Ort diente während der Existenz zweier deutscher Staaten als "Zentrales Durchgangslager", durch das ehemalige Bewohner der einstigen deutschen Ostprovinzen, dann DDR-Republikflüchtlinge und später auch die sogenannten "Beutedeutschen" aus den ehemaligen sowjetischen Teilrepubliken geschleust wurden. Heutzutage werden Asylanten dort untergebracht - zuletzt 2000 christliche Iraker, die auf der Flucht vor dem Terror in ihrem Heimatland sind.

Wollten die Faschisten so einen der zentralen Gedenkorte der BRD für sich nutzen, wo Vertriebenendünkelei, antikommunistische Ressentiments und zuletzt auch rassistische Ausländerhetze zusammenkommen, so muss man sich im Klaren sein, dass es keinen positiven linken Bezug auf die Funktion und Geschichte des "Zentralen Durchgangslagers Friedland" geben kann - dies gilt auch, wenn konservative bürgerliche Kräfte meinen, diesen politischen Ort vor den faschistischen Vereinnahmungsversuchen "schützen" zu müssen.

Die Nazis blieben weg - doch die antifaschistischen Gegenveranstaltungen fanden trotzdem statt. Auch dies ein wichtiges Signal - nicht die Polizeiführung, die bereits seit Wochen ein Bedrohungsszenario "von links und rechts" an die Wand gemalt hatte und das kleine Dorf Friedland in ein Heerlager der Staatsmacht zu verwandeln gedachte, und erst recht nicht die Faschisten schreiben uns vor, wo und wann wir antifaschistischer Tätigkeit Ausdruck verleihen. In letzter Minute gelang es der Gruppe "redical [m]" noch, ein Verbot ihrer eigenen Demonstration zu kippen - diese sollte zu einer stationären Kundgebung degradiert werden; die Polizei schürte mit aus der Luft gegriffenen Zahlen von erwarteten 1500 "Autonomen" Bürgerkriegsfurcht in Friedland und rechtfertigte so den Polizeieinsatz mit über 2000 Beamten.

Schnell stellte sich heraus, dass die polizeiliche Präsenz völlig überdimensioniert war - rund 300 linke Demonstranten bei der "redical [m]", und in etwa genausoviele Teilnehmer an der Veranstaltung des Friedländer Bündnisses bei Bratwurst und Bierzelt, dazu keinerlei gewalttätige Vorkommnisse - der 9. Mai sollte ein friedlicher Tag werden. Weder Antifaschisten noch Polizisten - auch dies sollte gesagt sein - legten es auf gegenseitige Provokationen an.

Der veränderte Charakter der Veranstaltungen dürfte seinen Teil dazu beigetragen haben: Vom Versuch, sich den aufmarschierenden Nazis unmittelbar in den Weg zu stellen, wandelte sich der Ausdruck der Demonstration zu einer Verteidigung der Meinungs- und Versammlungsfreiheit, die zuletzt mit dem Verbot der linken Demo empfindlich eingeschränkt werden sollte.
Auch die geringe Beteiligung von Antifaschisten wird dadurch zu erklären sein: "was soll ich da noch, die Nazis kommen ja nicht" war ein viel gehörter Satz. Das Bewusstsein, antifaschistischen Inhalten eigenständig Ausdruck verleihen zu wollen, auch ohne physische Präsenz von Stiefelnazis, ist nur bei wenigen all jener, die durchaus nach Friedland gefahren wären, wenn dort die Faschisten aufmarschiert wären, vorhanden. Genau dort sieht man die Schwächen, die hinter der erfolgreichen Arbeit des Göttinger Bündnisses gegen Rechts und anderer linker Gruppen Göttingens (im Übrigen auch der sog. "Autonomen", die dies ebenso betrifft) nach wie vor verborgen liegen - es bleibt, oftmals, ein rein reaktiver Antifaschismus: wir kommen, wenn die Nazis kommen. Die eigenständige, aktive Artikulation antifaschistischen Gedankenguts bleibt dahinter leider oft zurück.

Antifaschismus allerdings ist mehr als Nazis-beim-Demonstrieren-stoppen. Antifaschismus als Ideologie, als demokratische Verpflichtung - das ist der humanistische Gegenentwurf zum reaktionären "Vertriebenen-", "Blutsrechts-" und "Heimkehrer-"Popanz, der aus der politischen Institution Friedland atmet.

 
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