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UZ: Der GDL-Streik dauert jetzt schon einige Wochen. In der Bev√∂lkerung ist die Zustimmung f√ľr euch nach wie vor sehr hoch, ist sogar angestiegen.

Ayhan Demir: Und das trotz der wahrheitswidrigen Aussagen der Bahn, was die Forderungen und was auch die Angebote angeht. Es ist sehr erstaunlich, dass die Bevölkerung zu einem großen Teil hinter uns steht.

UZ: Woran liegt das?

Ayhan Demir: Das liegt daran, dass in den letzten Jahrzehnten gerade bei der arbeitenden Bevölkerung immer mehr soziale Abstriche gemacht wurden. Ob das bei der Entlohnung war oder den Sozialleistungen, deren Abbau den Leuten unter "Reformen" verkauft wird. Ich glaube, die Leute haben jetzt einen Punkt erreicht, wo sie sagen, es reicht und es muss auch mal wieder in die andere Richtung gehen.

UZ: Wie sind die Reaktionen der Fahrgäste im einzelnen?

Ayhan Demir: Beim letzten Streik im Nahverkehr, dem 30-st√ľndigen, hab ich so viele positive Reaktionen gehabt wie bei allen Streiks vorher zusammengenommen nicht. Dabei hatten vorher gewisse Umfragen gesagt, jetzt gibt¬īs ne Trendwende und jetzt sinkt die Zustimmung. Dem war nicht so. Die Leute, die am Bahnhof waren, und die direkt davon betroffen waren, haben uns in einer Gr√∂√üenordnung zugestimmt, die ich nicht erwartet h√§tte.

UZ: Die Deutsche Bahn AG befindet sich ja in einem Umbruch ...

Ayhan Demir: ... der seit 1994 andauert.

UZ: F√ľr euch Bahnangestellte √§u√üert sich das in Mehrarbeit, Arbeitsplatzabbau, Privatisierung. Die Bahnkunden merken es an Versp√§tungen, Zugausf√§llen, Ausd√ľnnung des Fahrplans. Ist diese Entwicklung √ľberhaupt noch aufzuhalten?

Ayhan Demir: Diese Entwicklung ist weder durch eine Gewerkschaft noch durch eine andere Interessenvertretung aufzuhalten. Nur der Eigent√ľmer Bund kann diese Entwicklung aufhalten und f√ľr sich vielleicht einmal das Res√ľmee ziehen, dass die Privatisierung der Bahn fehlgeschlagen ist. Die Bahn hat nun einmal einen √∂ffentlichen Auftrag. Wenn die Privatisierung der Bahn weiter voranschreitet, hat der Mann auf dem Lande gar keine M√∂glichkeit mehr, kosteng√ľnstig zur Arbeit zu kommen. Es gibt gewisse Bereiche im √∂ffentlichen Leben, da hat nun mal der Staat gewisse Verantwortungen und denen wird er zur Zeit nicht gerecht.

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Ayhan Demir, beim Interview mit der UZ: Die Fragen stellten Werner Sarbok und Adi Reiher.
UZ: Ihr seid ja nicht die einzige Bahngewerkschaft. Und ihr repr√§sentiert demgem√§√ü nicht alle Eisenbahner. Wie wirkt sich der Streik innerhalb der Gesamtbelegschaft aus? Gibt¬īs da Solidarit√§t, gibt¬īs da Ablehnung oder auch Gleichg√ľltigkeit?

Ayhan Demir: Wenn man jetzt mal die Funktion√§re anderer Gewerkschaften au√üen vorl√§sst, da gibt es √ľber alle Besch√§ftigten hinweg, egal ob Lokf√ľhrer, Zugbegleiter oder auch andere Personalgruppen riesengro√ües Verst√§ndnis f√ľr uns. Diese Leute sagen, es wurde endlich mal Zeit, dass jemand aufsteht und f√ľr seine Rechte k√§mpft. Mit Amtsinhabern von unserer Konkurrenzgewerkschaft gibt¬īs schon mal die ein oder andere Reiberei. Aber innerhalb der Belegschaft sehen es alle gleich bis zu den Reinigungsdiensten. Selbst der Sicherheitsdienst, der gezwungen ist, uns an den Streiktagen des Bahnhofs zu verweisen, kommt danach und entschuldigt sich daf√ľr. Also da ist die Solidarisierung da.

Und das im Gegensatz zu dem, was Herr Struck und der Generalsekretär der SPD, Herr Heil, behaupten, dass wir entsolidarisierten. Im Gegenteil, die Beschäftigten verstehen uns im Moment als Vorreiter einer möglichen Trendwende, was eine gerechte Entlohnung angeht.

UZ: Wie ist denn das Verhältnis zu den Vorgesetzten? Da ist doch sicher ganz schön Feuer unterm Dach.

Ayhan Demir: Wir haben jetzt hier in unserem Bereich keine gro√üen Reibereien mit den Vorgesetzten. Es gibt aber Bereiche, wo dann der ein oder andere Vorgesetzte weit √ľbers Ziel hinausschie√üt und ganz rabiat gegen die Leute vorgeht. Z. B. bei der Sache mit den Notdiensten. Man erkl√§rt alles zum Notfall und streikende Lokf√ľhrer m√ľssen jetzt Notdienst verrichten, und wer sich weigert kriegt eine Abmahnung, eine Suspendierung oder auch die K√ľndigung. Das Landesarbeitsgericht Berlin hat dem letztendlich einen Riegel vorgeschoben.

UZ: Gibt es da noch schwebende Verfahren?

Ayhan Demir: Es gibt einen Fall, hier bei uns im Bereich, im Fernverkehr, das ist noch ein schwebendes Verfahren. Das warten die Richter ab, wie der ganze Tarifkonflikt ausgeht. Man setzt dann √ľblicherweise einen Passus unter den Tarifvertrag, dass s√§mtliche disziplinarischen Ma√ünahmen nichtig sind.

Eine harte Gangart gibt¬īs im √ľbrigen durchaus. In unserem Bereich haben wir damit erst mal nicht zu k√§mpfen. Aber es gibt durchaus Bereiche, wo der Arbeitgeber massiv auch gegen die Streikenden vorgeht.

UZ: Wird sich das noch versch√§rfen? Man kann ja das Gef√ľhl bekommen, Mehdorn wolle in keinem Fall nachgeben.

Ayhan Demir: Durch die Politik best√§rkt. Ein Struck sagt, die Bahn soll hart bleiben. Dann kann es nat√ľrlich durchaus dazu kommen, dass auch der Konflikt sich dramatisch zuspitzt. Wobei ich nicht verstehe, warum einer von Tarifautonomie spricht und andererseits den Einheitstarif zum Nonplusultra erkl√§rt.

UZ: Ist das denn nicht w√ľnschenswert? Das Prinzip: eine Branche, ein Tarif?

Ayhan Demir: Der Einheitstarif bzw. die Art und Weise, wie damit umgegangen wurde in den letzten Jahren und Jahrzehnten, hat nur eins zur Folge gehabt: n√§mlich die Domestizierung der Gewerkschaften. Wenn man sieht, wie sich die Gewerkschaften darauf beschr√§nkt haben das "Schlimmste" abzuwenden, und nicht mehr tats√§chlich was zu erreichen f√ľr ihre Mitglieder, hat es auch was mit dem Einheitstarif zu tun. Da wird Gleichmacherei betrieben. Ich bin von dem Weg, den wir jetzt eingeschlagen haben √ľberzeugt. Wir haben ja lange die Tarifgemeinschaft mit den Konkurrenzgewerkschaften gehabt. Aber es fehlte der Wille eine grundlegende Verbesserung der Arbeitsbedingung und des Einkommens zu ereichen. Ob da die Privatisierung mit reinspielte, ist egal. Dieses Ph√§nomen haben wir ja auch in anderen Betrieben und Branchen. Wir haben √ľbrigens auch sehr viele Solidarit√§tsadressen aus dem Bereich der DGB-Gewerkschaften erhalten.

Wer den Einheitstarif behalten will, muss anders damit umgehen, dann muss man st√§rker die Belange der Besch√§ftigten durchsetzen. Oder man muss dieses Prinzip f√ľr gescheitert erkl√§ren.

Der Einheitstarif ist ja auch nirgendwo festgeschrieben. Das steht ja nicht im Grundgesetz. Das ist durch ein Urteil des Bundesarbeitsgerichtes in den Achtzigerjahren zustande gekommen. Mittlerweile sagen 40 von, glaube ich, 42 maßgeblichen Rechtsprofessoren, dass dieses Urteil des BAG nicht mehr haltbar ist.

Meine Hoffnung ist, dass wir mit unserem Bestreben eine Vorreiterrolle spielen k√∂nnen. Wo andere dann nachziehen m√ľssen. Das ist dann eine bestimmte Art von Wettbewerb, warum soll denn Wettbewerb immer nur zu Lasten der Arbeitnehmer ausfallen? Ob sich das als richtiger Weg erweisen wird, wird die Zukunft zeigen, aber so wie in den letzten Jahren und Jahrzehnten kann es nicht weitergehen.

UZ: Wir machen aber doch die Erfahrung, dass Spartentarifverträge meist niedriger sind als die normalen Tarife.

Ayhan Demir: Das ist doch nicht wahr. Bei Cockpit, bei Ufo, der Vereinigung der Fluglotsen, ist es nicht niedriger, bei den √Ąrzten auch nicht.

UZ: Aber genau hier ist ja das Prinzip der Solidarit√§t verletzt worden. Fast alle anderen Spartentarife sind ja niedriger. Zuletzt der Haustarif f√ľr die Servicebereiche in der Chemieindustrie.

Ayhan Demir: Das ist schon richtig. Haustarife sind in der Regel niedriger. Aber das liegt doch an den Gewerkschaften vor Ort, die nicht k√§mpfen. Und zum Thema Solidarit√§t. Das Fahrpersonal ist da ein gebranntes Kind. Wenn Transnet und die GBDA im Jahr 2002, im Dezember, Tarifvertr√§ge unterschreiben, die sogenannten Regio-Erg√§nzungstarifvertr√§ge, die ausschlie√ülich zu unseren Lasten gegangen w√§ren bez√ľglich Arbeitsbedingungen und Arbeitszeit, da machen wir nicht mit. Und da hat keiner Solidarit√§t mit uns bekundet von den Funktion√§ren der anderen Gewerkschaften. Bis hin zu den normalen Arbeitnehmern. Das war ja das Erschreckende. Wir haben das Solidarit√§tsprinzip √ľber Jahre mitgetragen und mussten feststellen, dass unsere besonderen Probleme nicht ber√ľcksichtigt wurden. Unterschiede gibt es ja auch im "Einheitstarif". Die waren aber nur zu unserem Nachteil. Wir unterlagen einer gr√∂√üeren Flexibilisierung als alle anderen Besch√§ftigten. Aber wenn wir etwas zum Ausgleich wollten, kam immer das Argument, wenn man euch etwas zugesteht, kann man es den anderen nicht erkl√§ren. Uns blieb keine andere Wahl als einen eigenst√§ndigen Tarifvertrag zu fordern, alles andere hat zu nichts gef√ľhrt.

UZ: Apropos Solidarität. Als die Frage stand, ob euer Streik verboten wird oder nicht, das hätte ja wohl in jedem anderen Land eine Welle der Solidarität gegeben.

Ayhan Demir: Das werfe ich in der Tat sämtlichen anderen Gewerkschaften vor. Man kann von unserer Tarifauseinandersetzung halten, was man will, aber wenn das Streikrecht in Deutschland in Gefahr ist, erwarte ich von den Gewerkschaften in Deutschland, dass sie aufstehen und sagen, so nicht.

UZ: Wir m√ľssen ja konstatieren - du hast genug Beispiele genannt - die Gewerkschaftsbewegung ist ziemlich geschw√§cht.

Ayhan Demir: In der Tat.

UZ: Wie √ľberwinden wir diesen Zustand?

Ayhan Demir: Das ist eine gute Frage.

UZ: Ich will keine Patentantwort, weil es die nicht gibt. Aber wir m√ľssen in diese Richtung denken, weil wir die Kraft aller Besch√§ftigten brauchen.

Ayhan Demir: Ich muss ganz ehrlich sagen, man muss zwischen den obersten Gewerkschaftsfunktionären und den Arbeitgebern wieder mehr Distanz schaffen. Die Leute sind mir viel zu nahe beieinander. Ich will niemandem zu nahe treten, der vielleicht in einem Aufsichtsrat sitzt, der seine Funktion als Arbeitnehmervertreter sehr ernst nimmt. Aber wie kann es sein, dass ich einem 30 Mio. an Abfindung zugestehe, der 5 000 Arbeitsplätze vernichtet?

UZ: Wir danken dir f√ľr dieses Gespr√§ch. Wir w√ľnschen euch allen Erfolg. Das ist sicher schwierig. Aber ihr k√∂nnt ja mit relativ wenigen Leuten einiges bewegen bzw. zum Stillstand bringen.

Ayhan Demir: Uns ist durchaus bewusst, dass wir eine Schl√ľsselstellung im Unternehmen haben. Und wir w√§ren gerne bereit gewesen, diese in den Dienst aller Besch√§ftigten zu stellen. Nur, wir konnten uns nicht damit zufrieden geben, dass wir 10 Prozent Reallohnverlust hinnehmen mussten seit 1994, dass eine 300-prozentige Produktivit√§tssteigerung erreicht wurde, um dann mit 4,5 Prozent abgespeist zu werden. Das war f√ľr uns nicht tragbar.


 
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