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Am 15. Juli schlenderte ich nichtsahnend durch die Innenstadt Hannovers und wurde jäh durch einen Mob gestört, der mit allerlei libanesischen und auch palästinensischen, deutschen und Hisbollahfahnen herumwedelte und dazu vor allem mir unverstädliche, wohl arabische Parolen - allerdings auch so eingängige Slogans wie „Israel Terrorist! Bush Terrorist“ und „Freiheit für Palästina“ - grölte. In der Schillerstraße machte der Zug kurz halt, die Spitze versammelte sich um das Porträt eines Zausels - es dürfte sich um ein Abbild des Herrn Nasrallah gehandelt haben - und murmelte, wohl wieder auf arabisch, vor sich hin. Schließlich bedankte man sich noch per Megaphon bei dem deutschen Staat und der deutschen Bevölkerung dafür, diese Kundgebeung abhalten zu dürfen. Nachdem ich mir kurz überlegt hatte, vielleicht einmal „Shalom“ zu sagen siegte dann doch der Verstand über meinen nicht mehr allzu jugendlichen Leichtsinn und ich entfernte mich in der Hoffnung auf baldigen Frieden und somit auch das Unterbleiben derartiger Umtriebe.

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Ich hatte durchaus nicht damit gerechnet , dass sich das Spektakel am nächsten Tag in verstärkter Form fortsetzen würde. Kaum hatte ich jedoch den Ernst-August-Platz betreten, wurde ich wieder allerlei libanesischer Fahnen gewahr, die diesmal allerdings eher zu lose umherstreifenden Grüppchen zu gehören schienen. Ich beschloss, mir den Tag nicht verdrießen zu lassen und marschierte Richtung Aegi. Auf dem Opernplatz allerdings hatte sich bereits eine Menge versammelt, die die vom Vortage noch um einiges an Größe übertraf und beharrlich anschwoll.
Während ich das Treiben beäugte schnorte mich ein Bettler, der dort seinen Stammplatz hat, an. Sein Kommentar zu der Angelegenheit: „Ich weiß nicht, was die wollen. Ich meine, wenn ich Israel wäre oder überhaupt... Ich würde mir ja auch nicht auf's Maul hauen lassen und dann noch sagen 'bitteschön hier haste fünf Euro' oderso“. Ein vorbeigehendes Pärchen (dem Ansehen nach gute deutsche Spießer) waren wohl auf unsere Unterhaltung zur Tagespolitik aufmerksam geworden und nutzten die Gelegenheit, sich erstmal den Frust von der deutschen Seele zu sabbern. Das sei eine Schande (nicht den Krieg, sondern die demonstrierenden Ausländer meinten sie natürlich), zu Hause dürften die das nicht (wobei ich mir bei antiisraelischen bzw.-semitischen Demos gar nicht so sicher wäre...), der Steuerzahler komme noch für sowas auf und Deutsche wie er hier (Geste zum Bettler, den sie in Abwesenheit von Ausländern wohl eher als „Penner“ denn als „Volksgenossen“ wahrnehmen würden) müssten auf der Straße sitzen. Es wäre mal wieder Zeit für einen Hitler.

Für mich war es es damit jedenfalls an der Zeit mich abzuwenden und nochmal einen Blick auf die Demo zu werfen. Wie ich sah, wurden auch hier eifrig Bezüge zum Führer hergestellt. Varierte die Parole „Israel Kindermörder“ noch ein internationales antisemitisches Motiv, bewiesen die Teilnehmer der Demo mit „Israel schlimmer als Naziregierung – Chemische Waffen gegen libanesische Kinder“, dass sie schon recht gut in die deutsche Unkultur integriert sind. Am widerwärtigsten war eine verunstaltete israelische Flagge, deren Davidstern durch einen Totenschädel mit Hakenkreuz ersetzt worden war. Diese Fahne wurde dann in ein Auto verladen, ob es an mir und meinen Anstalten, sie zu photographieren, oder an einer Anweisung der Ordner lag, vermag ich nicht nachzuvollziehen, sah allerdings trotzdem einen Anlass mich einmal mit zweien der nicht sonderlich zahlreichen Polizeibeamten zu unterhalten. Auf meine Frage, ob sie heute eine ganz ausgesprochene Deeskalationsstrategie verfolgten würden, pflaumten sie mich an, dass "täten sie doch immer" (siehe zahlreiche Demos gegen rechts), was ich denn wollte. Ich sprach sie auf das mittlerweile verladene Hakenkreuz auf der Israelflagge an, sie entgegneten, sie hätten nichts gesehen, könnten sich aber mal die Nummer des Fahrzeuges notieren. Offenbar hatten die Herren wichtigere Aufgaben ...
Angewidert, es gibt Tage da möchte man ein Bahamas-Abo abschließen, machte ich mich von dannen. Kurze Zeit später kam ich in einen Laden, der von Leuten aus dem Nahen Osten betrieben wird. Da dort auch den ganzen Tag "Aljazzera" läuft fragte ich vorsichtig an, was denn nach ihrer Meinung von der Demo zu halten sei. Ich beschrieb kurz das beliebte Porträt des Arschlochs mit Bart und Turban. Erste Reaktion: „Ach Du Scheisse, die sind gefährlich“. Mein Gesprächspartner befleißigte sich zwar nicht der politisch korrekten Unterscheidung zwischen Juden und Israelis, brachte allerdings ein Argument, das ich so noch nicht gehört (und auch nicht erwartet) hatte. „Die haben so bißchen Krieg wieder mit den Juden. Das sind Spinner, die haben den Juden ihre Häuser, die 10.000 Euro wert waren, für 20.000 verkauft und geben immer noch keine Ruhe“.

Am 10. August gab es dann auch in Hannover eine Israel-Soli-Demo. Angelockt hatte mich zum einen die Möglichkeit, beide Veranstaltungen hautnah vergleichen zu können; andererseits die Ankündigung, dass Michel Friedman als Redner angefragt sei. Leider blieb es bei der Anfrage. Nachdem ich mich zwanzig Minuten lang notgedrungen Nieselregen und hebräischen Gesängen, die den Charme einer evangelischen Freizeit versprühten, ausgesetzt hatte, konnte ich dann den Rednern lauschen. Alle haben durchweg die Position verteten, dass sich Israel gegen Angriffe wehre und keinen Angriffskrieg führe. Gleichfalls weitgehend einhellig wurde die Rolle der BRD-Regierung als positiv beurteilt, insbesondere die der CDU - Globke wird sich im Grabe umdrehen. Kontraproduktiv erschien mir die gelegentliche Gleichsetzung Hitlers mit Ahmadinedschad, die wohl die gegenwärtige Angst vieler Juden treffend beschreibt, jedoch zur Analyse weder des Faschismus noch der Herrschaft der Klerikalhooligans taugt. Den nach meinem Empfinden besten Beitrag hat die Vertreterin der liberalen jüdischen Gemeinde Hannovers, die auch Anmelderin war, gehalten. Schwachpunkte waren die Reden zahlreich vertetener Evangelikaler, die mehrfach bekräftigten, dass Gott Israel nie im Stich lassen werde. Warum man dann noch Kundgebungen abhält, ist mir schleierhaft - mit Gott kann wohl keiner mithalten...

Es bleibt ein Gefühl großen Unbehangens angesichts der prolibanesischen (oder eher pro-Hisbollah) Demo, insbesondere da sie ihre kruden Gedanken ja auch mit großen Teilen der deutschen Linken teilen. In der Situation ist es verständlich, dass wer um die Sicherheit Israels besorgt ist, auch wenn er er frei von religiösen Spinnereien ist, sich eher an die Konservativen hält. Es ist ein Zeugnis geistiger Armut, dass eine vernünftige Position, die vor allem die Interessen der dortigen fortschritlichen Kräfte beider Seiten und die inneren und äußeren Widersprüche der Kriegsparteien berücksichtigt, seitens der Linken nicht nur hier, sondern vielerorts - siehe gemeinsame Erklärung der kommunistischen Parteien -, offenbar nicht hinzubekommen ist.

 
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  Kommentar zum Artikel von 127757:
Donnerstag, 31.08.2006 - 18:40


In Bremen hab ich was ähnliches mitbekommen, nur das da noch offen deutsche Faschisten mit den Nasrallah-Gangstern mitgelaufen sind. Das war ehrlich!