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Da hat die herrschende Klasse die Spendierhosen angezogen und uns allen einen Feiertag "geschenkt", um den 500. Geburtstag des Thesenanschlags zu Wittenberg geb√ľhrend zu feiern. So beschloss das Kabinett 2011, j√§hrlich bis 2017 f√ľnf¬†Millionen Euro direkt im Etat des Kultur- und Medienbeauftragten daf√ľr einzustellen - neben weiteren Betr√§gen in den jeweiligen Fachressorts. Daneben spendiert "die Wirtschaft" soeben mal gesch√§tzt zwischen zehn und 13 Milliarden¬†Euro, ohne gro√ü zu murren. Ganz im Gegenteil, der Kirchentag in Berlin wurde von Firmen gro√üz√ľgig gesponsert. Auch die √∂ffentliche Hand finanzierte den Kirchentag ma√ügeblich mit. Das Land Berlin gab achteinhalb Millionen Euro (wo es doch an allen anderen Ecken und Enden fehlt), Brandenburg eine Million, der Bund zwei. Zusammengenommen war das die H√§lfte des Gesamtetats. Da kann man schon mal fragen, was uns das angeht.
Und war Martin Luther wirklich der rechtschaffene Demokrat und tapfere Freiheitsk√§mpfer, als der er uns pr√§sentiert wird? Es ist kein Zufall, dass sich heute gerade die b√ľrgerlichen Kr√§fte in unserem Land besonders auf die Reformation berufen. Sie wollen sich ihrer ¬Ąeigenen Identit√§t vergewissern und ein positives Deutschlandbild im Ausland f√∂rdern¬ď.7Dabei wird verschwiegen, dass es nat√ľrlich um eine Revolution ging. Dass der Thesenanschlag ziviler Ungehorsam war. Die b√ľrgerlichen Freiheiten werden heute in diesem Land zusammengekn√ľppelt. Was versteht denn der bayrische Innenminister Joachim Herrmann unter Religionsfreiheit, wenn er am 16.03.2016 im bayrischen Landtag verk√ľndet:¬†¬ĄUnserem ganzen Land kann es nur guttun, wenn wir am 31. Oktober 2017 nicht mehr dieses geistlose Halloween feiern, sondern das Jubil√§um der Reformation begehen. Bayern ist und bleibt ein christlich gepr√§gtes Land. Wir werden das mit diesem besonderen Feiertag zum Ausdruck bringen.¬ď

Vor 500 Jahren: ¬ĄB√ľrgertum gegen Feudalismus: Die Reformation¬ď1

Luther

Martin Luther wurde 1483 in Eisleben geboren. Er wurde zur Schule geschickt und konnte anschlie√üend die Universit√§t besuchen. 1505 trat er ins Kloster der Augustiner-Eremiten ein und wurde Priester. Ab1508 studierte er Theologie in Wittenberg. Nach seinem Abschluss reiste er im Auftrag seines Ordens nach Rom. Dort hatte er tiefen Einblick in den Sittenverfall der Curie. Ab 1512 √ľbernahm er den Lehrstuhl in Wittenberg und F√ľhrungsaufgaben seines Ordens. Bis 1517 formulierte er sein neues Verst√§ndnis der Theologie aus und ver√∂ffentlichte seine √úberzeugungen vor allem √ľber das seiner Meinung nach falsche Bu√üverst√§ndnis, das durch den Erwerb von Ablassbriefen zum Ausdruck kam und √ľber die ¬āFreiheit eines Christenmenschen¬Ď. Er vertrat zusammengefasst die Ansicht, dass nur der Glaube des Einzelnen zur Gnade vor Gott f√ľhren k√∂nne. Kein Werk, kein Handeln w√ľrden die Menschen von der S√ľnde befreien k√∂nnen, nur der Glaube an Gott k√∂nnte sie erl√∂sen. Konsequent weitergedacht bedeutete das, dass der Einzelne nur Gott verantwortlich war und keinem Anderem. Und das wiederum bedeutete, dass auch die Kirche und ihre Priester ihre exklusive Stellung verloren, denn sie konnte nun nichts mehr f√ľr den Einzelnen tun. Im Gegenteil, sie standen geradezu der Gnade im Weg und mussten somit beseitigt werden. Der Papst wurde zum Antichristen deklariert.¬†¬ĄSo wie wir Diebe mit Schwert, M√∂rder mit Strang, Ketzer mit Feuer strafen, warum greifen wir nicht vielmehr an diese sch√§dlichen Lehrer des Verderbens, als P√§pste, Kardin√§le, Bisch√∂fe und das Geschw√§rm der r√∂mischen Sodoma, mit allerlei Waffen und waschen unsere H√§nde in ihrem Blut!¬ď27¬†1518 wurde er in Rom der Ketzerei angeklagt. 1521 wurde er exkommuniziert und auf dem Reichstag zu Worms angeklagt und f√ľr vogelfrei erkl√§rt. Trotzdem lehnte er die Einladung von Hutten ab, sich der Adelsverschw√∂rung gegen Pfaffen und F√ľrsten anzuschlie√üen. Kurf√ľrst Friedrich ¬Ąder Weise¬ď lie√ü ihn heimlich auf die Wartburg bringen. Er nutzte die Zeit dort, das Neue Testament ins Deutsche zu √ľbersetzen. 1522 konnte er nach Wittenberg zur√ľckkehren. Dort setzte er sich f√ľr eine gem√§√üigte Reformation der Kirche durch die Hand der F√ľrsten ein im Gegensatz zu seinen ehemaligen Mitstreitern M√ľntzer und Karlstadt. Als die Bauern sich erhoben, forderte er die Unterordnung unter alle weltliche Obrigkeit. Er lehnte die Befreiung der Bauern ab und rief offen zum Mord an den Aufst√§ndischen. Damit verzichtete er auf jegliche gesellschaftliche Ver√§nderungen. 1525 heiratete er eine entflohene Nonne, die gesch√§ftst√ľchtig genug war, um f√ľr sein Einkommen und Wohlleben zu sorgen. In der Folgezeit ver√∂ffentlichte er zahllose Schriften und Pamphlete ¬Ė darunter auch seine ber√ľchtigten antij√ľdischen Schriften ¬Ė, lehrte an der Universit√§t und lie√ü sich weiterhin f√ľr f√ľrstliche Intrigen einspannen. Er starb am 18. Februar 1546 in Eisleben.
Welches Geschichtsbild wird uns da vermittelt, was soll in unsere K√∂pfe rein und vor allem was soll raus? Ging es da wirklich nur um religi√∂se Fragen? Oder war es die erste gro√üe Entscheidungsschlacht des B√ľrgertums, war es Klassenkampf? Die am heldenhaftesten k√§mpften und am meisten bluten mussten, waren nicht die Sieger, ja sie k√§mpften nicht mal f√ľr ihre eigene Sache, sondern f√ľr die Sache der B√ľrger, die sich feige hinter den F√ľrsten und deren Landsknechten verkrochen. Wer lebte und k√§mpfte f√ľr welche Interessen im 16. Jahrhundert zur Zeit der Reformation? Was konnte so massive Ver√§nderungen in Gang setzen? So wie die B√ľrgerlichen sich f√ľr ihre Geschichte interessieren, sollten auch wir unsere revolution√§re Tradition kennen.


Die ökonomische Lage und soziale Schichtung in Deutschland Ende des 15. Jahrhunderts

Die deutsche Industrie hatte einen bedeutenden Aufschwung genommen. Es wurde in den St√§dten in Gewerbebetrieben, die in Z√ľnften organisiert waren, f√ľr weitere Kreise und entlegenere M√§rkte produziert, als dies fr√ľher der Fall war. Der Abbau von Rohstoffen wie Eisenerz und Kohle vervielfachte sich und auch der Ackerbau wurde verfeinert und vielf√§ltiger. Der Aufschwung hatte aber nicht mit dem Aufschwung anderer L√§nder Schritt gehalten. ¬ĄDer Ackerbau stand weit hinter dem englischen und niederl√§ndischen, die Industrie hinter der italienischen, fl√§mischen und englischen zur√ľck und im Seehandel fingen die Engl√§nder und besonders die Holl√§nder schon an, die Deutschen aus dem Feld zu schlagen.¬ď8¬†Auch war die Bev√∂lkerung immer noch d√ľnn ges√§t. Keine einzige Stadt konnte sich so entwickeln, dass sie zum kommerziellen und industriellen Schwerpunkt des ganzen Landes werden konnte wie zum Beispiel Paris oder London. Die einzelnen lokalen Zentren verfolgten ihre eigenen Interessen.

So zersplitterte das feudale Reich und der Kaiser verlor seine Macht an die F√ľrsten, auch wenn er noch versuchte, sich mit wechselnden B√ľndnissen als Zentralmacht zu behaupten. Die F√ľrsten waren im Besitz der meisten Hoheitsrechte: Sie machten Krieg und Frieden auf eigene Faust, hielten stehende Heere, riefen Landtage zusammen und schrieben Steuern aus. Das Geldbed√ľrfnis der F√ľrsten wuchs immens, die Steuern wurden immer dr√ľckender. Wo die direkte Besteuerung der Bauern nicht ausreichte, wurden M√ľnzen gef√§lscht, st√§dtische Privilegien verkauft, gepl√ľndert und Rechte entzogen, die dann wieder teuer erkauft werden mussten.

Der mittlere Adel war fast ganz verschwunden. Entweder waren sie zu kleinen F√ľrsten aufgestiegen oder zum niederen Adel hinabgesunken. Der niedere Adel, die Ritterschaft ging ihrem Untergang entgegen. W√§hrend ihr Einkommen nicht anstieg, wurden die Waffen und Pferde immer teurer, ihre Bed√ľrfnisse und somit ihr Geldbedarf immer h√∂her. Ein gro√üer Teil war schon g√§nzlich verarmt und lebte von F√ľrstendienst in milit√§rischen oder b√ľrgerlichen √Ąmtern, andere waren in Lehnspflicht bei den F√ľrsten. Die Entwicklung des Kriegswesens, die steigende Bedeutung der Infanterie, die Ausbildung der Feuerwaffen vernichtete ihre Bedeutung als schwere Kavallerie. Zudem waren ihre Burgen nun leicht einnehmbar. Sie waren in den St√§dten verschuldet und versuchten, durch Pl√ľnderungen der st√§dtischen L√§ndereien und Beraubung der Kaufleute zu Geld zu kommen.

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Werner Tuebke: Panorama-Gemaelde "Fruehbuergerliche Revolution in Deutschland" in Bad Frankenhausen.
Die Geistlichkeit f√ľhlte den geschichtlichen Umschwung nicht minder. Durch die Buchdruckerei und die Bed√ľrfnisse des Fernhandels wurde ihnen nicht nur das Monopol des Lesens und Schreibens, sondern auch das der h√∂heren Bildung genommen. Der neuaufkommende Stand der Juristen verdr√§ngte sie aus einflussreichen √Ąmtern. Das B√ľrgertum brauchte zur Entwicklung der industriellen Produktion die Wissenschaft, die bisher nur ein Anh√§ngsel der Kirche war und von ihr scharf reglementiert wurde. Die Wissenschaft war in einem ungeh√∂rigen Aufschwung und die Forscher √ľberschritten alle Grenzen, die die Kirche ihnen zu setzen versuchte.

In der Geistlichkeit gab es zwei unterschiedliche Schichtungen. Die aristokratische bestand aus Bisch√∂fen, √Ąbten, Prioren und sonstige Pr√§laten, die nicht nur als Feudalherren ihre Untergebenen ausbeuteten, sondern durch den Zehnten (Abgaben an die Kirche) extra Einnahmen hatten, die die Eink√ľnfte der weltlichen F√ľrsten schm√§lerten. Dabei nahmen die Kl√∂ster eine besondere Stellung ein. Sie hatten seit den Kreuzz√ľgen ungeheure Reicht√ľmer angesammelt, immense Landbesitze zusammengerafft, auch in Folge des mittelalterlichen Zinsverbots und beuteten nicht nur ihre einfachen M√∂nche, sondern auch die auf ihren L√§ndereien arbeitenden H√∂rigen und Leibeignen aus.¬†¬ĄDie plebejische Fraktion bestand aus den Predigern auf dem Lande und in den St√§dten. Sie standen au√üerhalb der feudalen Hierarchie der Kirche und hatte keinen Anteil an ihren Reicht√ľmern.¬ď9So wie dem Kaiser die Reichssteuern mussten dem Papst in Rom die Kirchensteuern bezahlt werden. Gro√üe Summen wanderten so allj√§hrlich aus Deutschland nach Rom.

Zwingli und Calvin

¬ĄIn der Schweiz bildete sich unter der F√ľhrung von Zwingli ein radikal-b√ľrgerliches Lager heraus, das von den besitzenden Kreisen von Z√ľrich und Bern bestimmt wird, humanistische Bestrebungen mit den Forderungen des b√ľrgerlich-gem√§√üigten Lagers verschmilzt, sich aber mit seiner republikanischen Haltung und in seinem Willen zur Umgestaltung des gesamten √∂ffentlichen Lebens grunds√§tzlich vom lutherischen Lager unterscheidet, in dem die F√ľrsten bestimmend sind.¬ď28

Nicht vergessen soll an dieser Stelle Johann Calvin sein. Ein Sch√ľler Luther und Zwinglis, dessen Lehre Ehrlichkeit, Flei√ü, Sparsamkeit, Disziplin und vor allem Verzicht auf Vergn√ľgungen und Luxus predigte. Dabei war die Frage, ob Gottes Gnade erreicht werden konnte, durch den wirtschaftlichen Erfolg im Berufsleben zu erkennen. Im Gegensatz zu M√ľntzer sahen die Calvinisten die Armen als die Gottlosen an. Besondere Verbreitung fanden sie in der Schweiz, Flandern und Schottland und lieferten¬†¬Ądas Kost√ľm der Interessen des damaligen B√ľrgertums zum zweiten Akt der b√ľrgerlichen Revolution, der in England vor sich ging.¬ď30
In den St√§dten hatten sich drei unterschiedliche gesellschaftliche Schichten entwickelt. An der Spitze standen die Patrizier. Sie waren die reichsten Familien und sa√üen im Rat und in allen √Ąmtern. Dadurch hatten sie Zugriff auf alle Eink√ľnfte der Stadt. Die st√§dtische Opposition gegen die Patrizier teilte sich in zwei Fraktionen. Die b√ľrgerliche umfasste die reicheren und mittleren B√ľrger sowie einen geringeren Teil des Kleinb√ľrgertums. Sie hatte in allen ordentlichen Gemeindeversammlungen und auf den Zunftversammlungen die Mehrheit. Die plebejische Opposition bestand aus den heruntergekommenen B√ľrgern und der Masse der st√§dtischen Bewohner, die vom B√ľrgerrecht ausgeschlossen waren. Das waren die Handwerksgesellen, Tagl√∂hner und die zahlreichen Anf√§ngen des Lumpenproletariats. ¬ĄDas Lumpenproletariat ist √ľberhaupt eine Erscheinung, die, mehr oder weniger ausgebildet, in fast allen bisherigen Gesellschaftsphasen vorkommt. ¬Ö Ein Teil ¬Ö trat in Kriegszeiten in die Armeen, ein anderer bettelte sich durchs Land, der dritte endlich suchte in den St√§dten durch Tagl√∂hnerarbeit und was sonst gerade nicht z√ľnftig war, seine notd√ľrftige Existenz. Alle drei spielten eine Rolle im Bauernkrieg: der in den F√ľrstenarmeen, denen die Bauern erlagen, der zweite in den Bauernverschw√∂rungen und Bauernhaufen, wo sein demoralisierender Einfluss jeden Augenblick hervortritt, der dritte in den K√§mpfen der st√§dtischen Parteien¬ď.11

Unter all diesen Klassen, au√üer der letzten, standen die Bauern. Als Leibeigene und H√∂rige standen sie unter geh√∂rigem Druck. Die meiste Zeit mussten sie f√ľr ihre Herren arbeiten. Von dem, was sie daneben f√ľr sich und ihre Familien erwirtschafteten, mussten sie noch die Steuern, Zehnten und Zinsen bezahlen, von Abgaben f√ľr Heiratsbewilligungen und Sterbegeld ganz zu schweigen. Daneben mussten sie noch vielf√§ltigste Dienste erf√ľllen und konnten ihre Frauen und T√∂chter nicht vor der Brutalit√§t der Herren sch√ľtzen. Dabei konnten sie irgendwelche Rechte nur bei den eigenen Herren einklagen, die sich dann mit willk√ľrlichen und drastischen Strafen r√§chten.

Es gab also sehr vielschichtige und sehr unterschiedliche Interessen in der damaligen Gesellschaft, die sich aus mehreren sehr unterschiedlichen Gruppierungen gebildet hatte. Eine Schicht alleine konnte sich nicht gegen alle anderen durchsetzen. Die Zersplitterung des Landes tat ihr √ľbriges, sodass auch die Erhebung der untersten Schichtungen kaum zu organisieren war.



Kampf gegen die Katholische Kirche als Feudalmacht

¬ĄDas gro√üe internationale Zentrum des Feudalsystems aber war die r√∂misch-katholische Kirche. Sie vereinigte das ganze feudalisierte Westeuropa, trotz aller inneren Kriege, zu einem gro√üen politischen Ganzen, das im Gegensatz stand sowohl zu der schismatisch-griechischen wie zur mohammedanischen Welt. ¬Ö und schlie√ülich war sie der gr√∂√üte aller Feudalherrn, ¬Ö Ehe der weltliche Feudalismus in jedem Land und im Einzelnen angegriffen werden konnte, musste diese seine zentrale, geheiligte Organisation zerst√∂rt werden.¬ď¬†12

Das konnte damals aber nur unter einer neuen religi√∂sen Verkleidung, einer neuen Ideologie geschehen.¬†¬ĄDie revolution√§re Opposition gegen die Feudalit√§t geht durch das ganze Mittelalter. Sie tritt auf, je nach den Zeitverh√§ltnissen, als Mystik, als offene Ketzerei, als bewaffneter Aufstand.¬ď13

Das war die gesellschaftliche Ausgangssituation, in der nun verschiede Akteure die B√ľhne betraten, die die Interessen der verschiedenen Schichtungen repr√§sentierten. Dabei darf nicht vergessen werden, wenn im Folgenden auf einzelne bedeutende Vertreter dieser neuen Ideologie eingegangen wird, dass es eine √∂konomische Notwendigkeit war, den gesellschaftlichen Wandel zu vollziehen und dass sich die Verk√ľnder dieser Notwendigkeit auch finden w√ľrden. Aber wer diese Verk√ľnder sein w√ľrden, ist eine Zuf√§lligkeit der Geschichte.¬†¬ĄHier kommen dann die sogenannten gro√üen M√§nner zur Behandlung. Dass ein solcher und grade dieser zu dieser bestimmten Zeit¬†¬Ā]¬ô¬ćU¬†¬Ā]¬ô¬ćU¬†M¬ě¬ô¬ćU√†.1¬ô¬ćU¬ā]¬ô¬ćU√ĬĀ]¬ô¬ćU@√ĬĀ]¬ô¬ćUhfrage da f√ľr Ersatz und dieser Ersatz findet sich, tant bien que mal (recht oder schlecht), aber er findet sich auf die Dauer.¬ď14

Die 95 Thesen des Doktor Martin Luther waren Ausdruck von Ver√§nderungen der √∂konomischen Verh√§ltnisse in der Gesellschaft, die das B√ľrgertum zu den Herrschern der Welt machen w√ľrde. Ihre Ver√∂ffentlichung bedeutete ein Fanal, ein Zeichen den Kampf gegen¬†das ¬Ąinternationale Zentrum des Feudalismus¬ď, die r√∂misch-katholische Kirche aufzunehmen. ¬ĄDie freie Entwicklung des B√ľrgertums vertrug sich nicht mehr mit dem Feudalsystem, das Feudalsystem musste fallen.¬ď15

Luther trat mit seinen Thesen aus der Masse hervor und katapultierte sich damit an die Spitze einer Bewegung. Er formulierte den Angriff auf das ¬Ągro√üe internationale Zentrum des Feudalsystems¬ď¬†und einte damit die gesamte Opposition gegen die r√∂misch-katholische Kirche. Sein Angriff galt dem Verkauf von Ablassbriefen, der zu der Zeit vor allem zur Finanzierung des Baus des Peterdoms zu Rom diente (und der Deckung der Schulden des F√ľrstenbischofs bei den Fuggern). Die Ver√∂ffentlichung der Thesen war noch auf Latein. Doch kursierten schon bald deutsche √úbersetzungen auf Flugschriften in den deutschen St√§dten.

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Memmingen als Beispiel einer mittelalterlichen Stadt; dort wurden die 12√ɬā√ā¬†Artikel der Bauern aufgeschrieben.
In der folgenden theologischen Auseinandersetzung geriet Luther schnell in Widerspruch zur Kirchenleitung und dem Kaiser als Schirmherr der Kirche. Auf dem Reichstag zu Worms 1521 standen sich der Kaiser und die F√ľrsten gegen√ľber. Luther wurde zum Spielball ihrer verschiedenen Interessen. Die Auseinandersetzungen zwischen Kaiser und F√ľrsten hatten ihm den Auftritt erm√∂glicht und er berief sich auf die Bibel als alleinige Glaubensautorit√§t. Auf Betreiben des Papstes wurde er in Acht und Bann gebracht, was bedeutete, dass man ihn weder beherbergen noch unterst√ľtzen durfte und man ihn fangen und dem Kaiser ausliefern sollte. Seine Schriften sollten verbrannt werden. Um dem zu entgehen, wurde er auf die Wartburg ¬Ąentf√ľhrt¬ď, wo er das Neue Testament ins Deutsche √ľbersetzt. Es kam immer wieder zu Unruhen, wenn seine Schriften verbrannt werden sollten.

¬ĄDas ganze deutsche Volk geriet in Bewegung. Auf der einen Seite sahen die Bauern und Plebejer in seinen Aufrufen wider die Pfaffen, in seiner Predigt von der christlichen Freiheit das Signal der Erhebung; auf der anderen schlossen sich die gem√§√üigten B√ľrger und ein gro√üer Teil des niederen Adels ihm an.¬ď16

Aus Luthers Aufruf gegen die Ausw√ľchse der Kirche und f√ľr die ¬ĄFreiheit des Christenmenschen¬ď zogen die verschiedenen Schichtungen unterschiedliche Konsequenzen. Ihre Handlungen wurden von ihrer √∂konomischen Stellung innerhalb der Gesellschaft bestimmt. Sie bildeten drei Lager, zum einen das katholisch-reaktion√§re, zum anderen das b√ľrgerlich-reformierende und zum dritten das revolution√§re.

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Zeitgenoessische Darstellung: Ein Bauer war auf die Mitarbeit der ganzen Familie angewiesen
Die katholische Reaktion war am Erhalt des Status Quo interessiert. Sie bestand aus der Reichsgewalt, also dem Kaiser, den geistlichen F√ľrstbisch√∂fen und einem Teil der weltlichen F√ľrsten, haupts√§chlich des reichen Adels, der Pr√§laten und des st√§dtischen Patriziats. Sie wollten ihre Pfr√ľnde und Eink√ľnfte behalten.

Unter dem Banner der lutherischen Reform sammelten sich die besitzenden St√§nde, die Masse des niederen Adels, die B√ľrgerschaft und selbst ein Teil der F√ľrsten, die sich durch die Vereinnahmung der geistlichen Besitzt√ľmer zu bereichern gedachte. Sie wollten die Macht von Kirche und Papst und des Kaisers brechen. Sie forderten die Unabh√§ngigkeit vom Papst und nationale Eigenst√§ndigkeit. Die Eink√ľnfte des Landes sollten ihnen zur Verf√ľgung stehen und nicht nach Rom gehen.

Die Bauern und die Plebejer schlossen sich zur revolution√§ren Partei zusammen. Sie glaubten, dass die Tage ihrer Unterdr√ľckung nun gez√§hlt waren. Aber ihre Forderungen gingen √ľber das in der damaligen Zeit M√∂gliche hinaus. Die Forderung nach Gleichheit war utopisch in einer Epoche, in der es um die Abl√∂sung des Feudalismus durch den Kapitalismus, die letzte Klassen- und Ausbeuterherrschaft in der Geschichte der Menschheit ging.

Eine Oppositionsgruppe zur katholischen Kirche war die Reichsritterschaft. Sie k√§mpfte bis zu ihrer endg√ľltigen Niederlage 1522 gegen ihren gesellschaftlichen Untergang auch unter dem Banner der Reformation. Die politischen Forderungen wurden besonders energisch unter der F√ľhrung von Franz von Sickingen vertreten. Theoretischer Repr√§sentant dieser Bestrebungen war Ulrich von Hutten. Zusammengefasst forderte er im Namen des Adels eine Reichsreform, die s√§mtliche F√ľrsten beseitigen sollte, die S√§kularisierung s√§mtlicher geistlicher F√ľrstent√ľmer und G√ľter, um die Herrschaft der Adelsdemokratie mit monarchischer Spitze herzustellen.¬†¬ĄDurch die Herstellung der Herrschaft des Adels, der vorzugsweis milit√§rischen Klasse, durch die Entfernung der F√ľrsten, der Tr√§ger der Zersplitterung, durch die Vernichtung der Macht der Pfaffen und durch die Losrei√üung Deutschlands von der geistlichen Herrschaft Roms glaubten Hutten und Sickingen das Reich wieder einig, frei und m√§chtig zu machen.¬ď18

M√ľntzer

Thomas M√ľntzer wurde um 1489 in Stolberg geboren. Er immatrikulierte sich 1512 an der Universit√§t Frankfurt a.d. Oder, studierte vermutlich auch in Halle a.d. Saale. Fest steht, dass er sich zwischen 1517 und 1519 immer wieder in Wittenberg aufhielt und ein Anh√§nger Luthers war. 1520 hielt er sich in Zwickau auf und hatte Kontakt zu den dort wirkenden Mystikern. 1521 musste er die Stadt wieder verlassen und ging nach Prag, wo Reste der hussitischen Bewegung noch zu finden waren. 1523 wurde er Prediger in Allstedt in Th√ľringen. Er heiratete eine entflohene Nonne. Er begann, die Liturgie in Deutsch statt in Latein abzuhalten und predigte f√ľr eine gewaltsame Beseitigung des Papstes und gegen die sozialen Missst√§nde und gegen die Unterdr√ľckung der Bauern. Thomas M√ľntzer wetterte so wie anfangs Luther gegen die katholische Kirche und setzte nun dessen Agitation fort und rief die s√§chsischen F√ľrsten und das Volk auf zum bewaffneten Kampf gegen die r√∂mischen Pfaffen. Dabei ging er noch viel weiter als Luther. Auch die Bibel w√§re ein von Menschen gemachtes Buch und m√ľsste auch noch fortgeschrieben werden. Das verhei√üene Reich Gottes sollte auf Erden aktiv erk√§mpft werden und alles Gottlose vernichtet. Und nur wer ¬Ądas Kreuz auf sich nimmt¬ď, ¬Ądas Leid durchlebt¬ď, durch ¬Ąseelische und materielle Not reif wird, die Vernunft Gottes zu erfahren¬ď kann im Himmel auf Erden leben. Und das traf nur auf die Armen zu. Die Reichen waren die Gottlosen, die es zu vernichten galt. Er gr√ľndete einen Bund, der das ¬ĄReich Gottes¬ď f√ľr die ganze Christenheit erk√§mpfen sollte. In dem es keine Standesunterschiede, kein Privateigentum und keine den Gesellschaftsmitgliedern gegen√ľber fremde Staatsgewalt geben sollte. Und wer sich ihm nicht anschlie√üen wollte, sollte vernichtet werden. 1524 musste er nach M√ľhlhausen fliehen. In den folgenden Monaten durchstreifte er Franken, Schwaben, Elsa√ü, Schwarzwald und die Schweiz. √úberall hielt er seine Predigten, sammelte Gleichgesinnte und hielt Kontakt zu den aufst√§ndischen Bauern. Als der Aufstand nah war, kehrte er nach Th√ľringen zur√ľck, um dort die Bauern selbst zu f√ľhren. Nach der Niederlage in der Schlacht bei Frankenhausen wurde er gefangen genommen und am 27. Mai 1525 enthauptet und gepf√§hlt.
Die St√§dte waren damals die Zentren des Fortschritts und auch Gegner der katholischen Feudalmacht. Die bedeutendere St√§dte hatten sich durch den Fernhandel in Metropolen verwandelt. Sie waren reich und hatten vielf√§ltige Kontakte nach Italien und kamen so mit dem Humanismus und der Renaissancebewegung zusammen. Die Gesellschaft war im Umbruch. Daraus resultierten bedeutende Leistungen in der Kunst und Wissenschaft. Kolumbus entdeckte Amerika, es war allgemein bekannt, dass die Erde rund war und Kopernikus sa√ü an seinem Teleskop, entdeckend, dass die Erde um sich selbst dreht und um die Sonne. In der Kunst waren nicht mehr nur biblische Szenen denkbar, Albrecht D√ľrer malte sich frontal zum Betrachter, der Mensch als Mittelpunkt des Interesses. Auch in der Literatur gab es einen ungeheuren Aufschwung, der sich im 16. Jahrhundert weiter fortsetzte. Die Gelehrten der damaligen Zeit waren Universalgelehrte, stellvertretend sei Leonardo da Vinci genannt. Sie waren noch nicht von der Teilung der Arbeit betroffen.¬†¬ĄDie Erde wurde eigentlich jetzt erst entdeckt und der Grund gelegt zum sp√§teren Welthandel und zum √úbergang des Handwerks in die Manufaktur, die wieder den Ausgangspunkt bildete f√ľr die moderne gro√üe Industrie.¬ď19

Deshalb fiel die neue Ideologie besonders bei den B√ľrgern der St√§dte auf fruchtbaren Boden.

Einen besonderen Stellenwert hatte f√ľr die Verbreitung der Reformation der Buchdruck. Die Druckereien waren eine der ersten Massenproduktionen. Sie konnten in k√ľrzester Zeit eine ungeheure Zahl an Flugschriften produzieren, wenn sie gen√ľgend Abnehmer fanden. Die Buchdrucker suchten in jener Zeit verzweifelt nach profitablen Absatzm√§rkten. Also suchten sie nach Themen, f√ľr deren Drucke sich gen√ľgend Leute interessierten, um sie auch zu kaufen und fanden durch die theologischen Auseinandersetzungen rei√üenden Absatz ihrer Produkte. Die Thesen des Professors aus Wittenberg interessierten wirklich viele. Also st√ľrzten sich die Drucker auf jede √Ąu√üerung und verbreiteten sie dadurch weiter. So war Luther einer der auflagenst√§rksten Schreiber seiner Zeit.

Bald erkannten auch seine Gegner die Macht der neuen Medien und bedienten sich ihrer genauso. Die Auseinandersetzungen erreichten auch die Drucker selber, wenn sie die falschen Texte druckten, wurden sie der Zensur unterworfen oder sogar mit Berufsverbot belegt und aus der Stadt gejagt. Drucker waren meist fortschrittliche Menschen, die die neue Ideologie offen unterst√ľtzten.

Lesen und schreiben konnte damals nur eine Minderheit, aber in den Städten drehte sich gerade das Verhältnis. Und auf vielen Flugschriften waren auch Bilder, die den Inhalt verdeutlichen sollten. So konnten sich auch des Lesens Unkundige informieren.

Verschieden Forderungen Luthers entsprachen den Bed√ľrfnissen der B√ľrger als neue Tr√§ger des Fortschritts.

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Zeitgenoessische Darstellung: Buchdruck und Flugschriften als eine der ersten Massenproduktionen.
Luther forderte Bildung auch f√ľr das gemeine Volk. Jeder sollte die Bibel lesen k√∂nnen. Das erforderte auf der einen Seite die √úbersetzung ins Deutsche. Diese Leistung Luthers ist unbestritten, die dazu eine einheitliche Schriftsprache schuf. Auf der anderen Seite sollten √ľberall allgemeine Schulen eingerichtet werden, in denen alle Kinder, also auch die M√§dchen unterrichtet werden. Die √úberwindung des Analphabetentums war ein Erfordernis f√ľr die weitere b√ľrgerliche Entwicklung. Die B√ľrger sollten durch Sparsamkeit ihren Besitz zusammenhalten, was wichtig war f√ľr die Bildung von Kapital. Auch seine Forderung eines Zinsverbots war dem allgemein verbreiteten Missmut bei Adel und Handwerkern gegen die Auspl√ľnderungspraktiken des Handelskapitals geschuldet. Er nennt dabei ausdr√ľcklich die Fugger (die ja auch direkt vom Ablasshandel profitierten), die viel Geld in Wahlen von F√ľrsten steckten und deren Kriege finanzierten und sich √ľber das Zinsverbot der Kirche schon hinweggesetzt hatten. Marx schreibt im Kapital Band III zum Zins im Mittelalter,¬†¬Ą¬Öin jenen Zeiten reguliert die Rate des Zinses die Rate des Profits. Wenn der Geldverleiher dem Kaufmann eine hohe Zinsrate aufb√ľrdete, musste der Kaufmann eine h√∂here Profitrate auf seine Waren schlagen. Daher wurde eine gro√üe Summe Geldes aus den Taschen der K√§ufer genommen, um sie in die Taschen der Geldverleiher zu bringen.¬ď20¬†So √§chzten die B√ľrger in den St√§dten unter den Forderungen ihrer reicheren Konkurrenten, auch wenn das Zinsverbot der Entwicklung des Kapitalismus entgegenstand.

Da durch gute Werke nun nicht mehr die Gnade Gottes erkauft werden konnte, wurde auch das bestehende Almosensystem in Frage gestellt. Die Forderung, jeder sollte arbeiten und sein Brot selbst verdienen, war verbunden mit dem Verbot von Bettelei.

Die Plebejer in den St√§dten sahen auf der einen Seite, dass die Herrschaft in Frage gestellt wurde, sie sich von Zunft- und anderen Zw√§ngen befreien k√∂nnten. Aber auf der anderen Seite wurde ihre elendige Existenzgrundlage noch weiter verschlechtert, da ihre ¬ĄDaseinsberechtigung¬ď als Objekt mildt√§tiger Gaben diskreditiert wurde. Meist bestand ihr Kampf noch daraus, sich m√∂glichst gewinnbringend an den Meistbietenden zu verdingen, um die Stimmung in der Stadt zu dessen Gunsten zu beeinflussen.

Sie fanden in Thomas M√ľntzer, Pfarrer in Allstedt, anf√§nglich ein Anh√§nger Luthers, ihren Agjtator und F√ľhrer, der einen Zusammenschluss mit den Bauern und Bergmannsknappen predigte. M√ľntzers Partei war die Vertreterin desjenigen Teils der Plebejer, die besitz- und rechtslos als Keim einer aufkommenden Arbeiterklasse ihre Zukunft nicht in der b√ľrgerlichen Gesellschaft sahen, sondern ihre Phantasie schon auf eine kommunistische Gesellschaft richten konnten. Aber ihre Vorstellungen von der Aufl√∂sung der feudalen und zunftb√ľrgerlichen Gesellschaft gingen √ľber die √∂konomischen M√∂glichkeiten der damaligen Zeit weit hinaus.

Die wahren Tr√§ger des Klassenkampfs von unten waren damals die Bauern. Sie hatten nichts mehr zu verlieren. Ihre √ľberkommenen Rechte an gemeinschaftlich bewirtschafteten Land, freie Jagd etc. hatten sie verloren. Sie wurden von allen anderen St√§nden ausgebeutet. Die Kirche, die F√ľrsten, die Adeligen, die St√§dte, alle saugten sie aus und raubte ihnen die Existenzgrundlage.

Als sie h√∂rten, dass die r√∂mische Kirche ihr Recht zur Unterdr√ľckung verloren h√§tte, da war die Folgerung, dass auch die Herren damit ihr Recht zur Herrschaft verloren h√§tten, nicht weit. Ein Gro√üteil der Bauern k√§mpfte um die Wiederherstellung der alten Rechte und ihre Freiheit. Weitergehende Forderungen nach Abschaffung aller alten Ordnung vertraten nur wenige. Aber sowohl das eine, weil zu sp√§t gekommen, wie das andere, weil noch viel zu fr√ľh, waren zum Scheitern verurteilt.

Flugschrift der zwölf Artikel von 152531

1.¬†Jede Gemeinde soll das Recht haben, ihren Pfarrer zu w√§hlen und ihn zu entsetzen (abzusetzen), wenn er sich ungeb√ľhrlich verh√§lt. Der Pfarrer soll das Evangelium lauter und klar ohne allen menschlichen Zusatz predigen, da in der Schrift steht, dass wir allein durch den wahren Glauben zu Gott kommen k√∂nnen.

2.¬†Von dem gro√üen Zehnten sollen die Pfarrer besoldet werden. Ein etwaiger √úberschuss soll f√ľr die Dorfarmut und die Entrichtung der Kriegssteuer verwandt werden. Der kleine Zehnt soll abgetan (aufgegeben) werden, da er von Menschen erdichtet ist, denn Gott der Herr hat das Vieh dem Menschen frei erschaffen.

3.¬†Ist der Brauch bisher gewesen, dass man uns f√ľr Eigenleute (Leibeigene) gehalten hat, welches zu Erbarmen ist, angesehen dass uns Christus alle mit seinen kostbarlichen Blutvergie√üen erl√∂st und erkauft hat, den Hirten gleich wie den H√∂chsten, keinen ausgenommen. Darum erfindet sich mit der Schrift, dass wir frei sind und sein wollen.

4.¬†Ist es unbr√ľderlich und dem Wort Gottes nicht gem√§√ü, dass der arme Mann nicht Gewalt hat, Wildbret, Gefl√ľgel und Fisc¬†¬Ā]¬ô¬ćU¬†¬Ā]¬ô¬ćU¬†M¬ě¬ô¬ćU√†.1¬ô¬ćU¬ā]¬ô¬ćU√ĬĀ]¬ô¬ćU@√ĬĀ]¬ô¬ćUin der Luft und den Fisch im Wasser gegeben.

5.¬†Haben sich die Herrschaften die H√∂lzer (W√§lder) alleine angeeignet. Wenn der arme Mann etwas bedarf, muss er es um das doppelte Geld kaufen. Es sollen daher alle H√∂lzer, die nicht erkauft sind (gemeint sind ehemalige Gemeindew√§lder, die sich viele Herrscher angeeignet hatten), der Gemeinde wieder heimfallen (zur√ľckgegeben werden), damit jeder seinen Bedarf an Bau- und Brennholz daraus decken kann.

6. Soll man der Dienste (Frondienste) wegen, welche von Tag zu Tag gemehrt werden und täglich zunehmen, ein ziemliches Einsehen haben (sie ziemlich reduzieren), wie unsere Eltern gedient haben, allein nach Laut des Wortes Gottes.

7.¬†Soll die Herrschaft den Bauern die Dienste nicht √ľber das bei der Verleihung festgesetzte Ma√ü hinaus erh√∂hen. (Eine Anhebung der Fron ohne Vereinbarung war durchaus √ľblich.)

8.¬†K√∂nnen viele G√ľter die Pachtabgabe nicht ertragen. Ehrbare Leute sollen diese G√ľter besichtigen und die G√ľlt nach Billigkeit neu festsetzen, damit der Bauer seine Arbeit nicht umsonst tue, denn ein jeglicher Tagwerker ist seines Lohnes w√ľrdig.

9.¬†Werden der gro√üe Frevel (Gerichtsbu√üen) wegen stets neue Satzungen gemacht. Man straft nicht nach Gestalt der Sache, sondern nach Belieben (Erh√∂hungen von Strafen und Willk√ľr bei der Verurteilung waren √ľblich). Ist unsere Meinung, uns bei alter geschriebener Strafe zu strafen, darnach die Sache gehandelt ist, und nicht nach Gunst.

10.¬†Haben etliche sich Wiesen und √Ącker, die einer Gemeinde zugeh√∂ren (Gemeindeland, das urspr√ľnglich allen Mitgliedern zur Verf√ľgung stand), angeeignet. Die wollen wir wieder zu unseren gemeinen H√§nden nehmen.

11. Soll der Todfall (eine Art Erbschaftssteuer) ganz und gar abgetan werden, und nimmermehr sollen Witwen und Waisen also schändlich wider Gott und Ehre beraubt werden.

12. Ist unser Beschluss und endliche Meinung, wenn einer oder mehr der hier gestellten Artikel dem Worte Gottes nicht gemäß wären …, von denen wollen wir abstehen, wenn man es uns auf Grund der Schrift erklärt. Wenn man uns schon etliche Artikel jetzt zuließe und es befände sich hernach, dass sie Unrecht wären, so sollen sie von Stund an tot und ab sein. Desgleichen wollen wir uns aber auch vorbehalten haben, wenn man in der Schrift noch mehr Artikel fände, die wider Gott und eine Beschwernis des Nächsten wären.
Wie oben schon gesagt war Luther durch seinen Thesenanschlag mit einem Schlag zum Einiger der gesamten Opposition gegen die r√∂mische Kirche geworden. Doch diese Einigung konnte nicht von langer Dauer sein. Die Interessen waren zu verschieden. Zum einen ging es darum, die Fr√ľchte der Reformation zu sichern und friedlich weiter zu entwickeln und nicht zwischen den Kr√§ften der Restauration, des Wiedererstarkens der katholischen Kirche und der Revolution der Bauern und unterdr√ľckten Plebejern zerrieben zu werden. Die B√ľrger bek√§mpften den Aufstand der Bauern erbittert. Sie schlossen ein B√ľndnis mit den F√ľrsten und verrieten die Bauern. Luther unterlegte den Kampf gegen diese mit Zitaten aus der Bibel, die das Recht der weltlichen Macht zur Herrschaft belegen sollten.¬†¬ĄMan soll sie zerschmei√üen, w√ľrgen und stechen, heimlich und √∂ffentlich, wer da kann, wie man einen tollen Hund totschlagen muss¬Ö Darum, liebe Herren, loset hie, rettet da, steche, schlage, w√ľrge sie, wer da kann, bleibst du dar√ľber tot, wohl dir, seligeren Tod kannst du nimmermehr √ľberkommen¬ď21¬†Damit verriet er nicht nur die Bauern, sondern auch die b√ľrgerliche Bewegung.¬†¬ĄDie lutherische Reformation brachte es allerdings zu einer neuen Religion ¬Ė und zwar zu einer solchen, wie die absolute Monarchie sie gerade brauchte. Kaum hatten die nordostdeutschen Bauern das Luthertum angenommen, wo wurden sie auch von freien M√§nnern zu Leibeigenen degradiert.¬ď22

Zum anderen wollten die Bauern ihre Interessen durchsetzen. In S√ľddeutschland kam es immer wieder zu lokalen Bauernerhebungen gegen weitere Erh√∂hungen der Abgaben und Erweiterungen der Dienste. 1525 schlie√ülich kam es zum ¬ĄGro√üen Bauernkrieg¬ď, eine gleichzeitige Erhebung mehrerer Haufen beginnend in S√ľddeutschland, Franken und Th√ľringen gegen den Verrat des ¬ĄSchw√§bischen Bundes¬ď von Adeligen und St√§dten an den Bauern, der sich weiter ausbreitete.23

Dort hatten bereits in der Vergangenheit Ketzer und Mystiker gewirkt, die mit Thomas M√ľntzer in Verbindung standen. Er und sein Bund von Bauern und Bergknappen aus der Umgebung Allstedts bereiteten einen bewaffneten Aufstand vor, der verraten wurde. Er floh aus Allstedt, wanderte durch S√ľddeutschland und konnte dort seine Lehre unter den aufst√§ndisch gesinnten Bauern weiter verbreiten. Trotzdem blieb seine Partei eine kleine Minderheit in den Bauernhaufen des gro√üen Bauernkrieges.

Die Bauern formulierten ihre Forderungen in den ber√ľhmten ¬Ą12 Artikeln¬ď (siehe Kasten). Diese wurden von ihren Gegnern postwendend abgelehnt. Sie machten den Versuch, in Verhandlungen untereinander eine f√ľr ganz Deutschland g√ľltige Regelung zu finden. Es stellte sich aber heraus, ¬Ąwie kein einzelner Stand, auch der der Bauern nicht, weit genug entwickelt war, um von seinem Standpunkt aus die gesamten deutschen Zust√§nde neu zu gestalten. Es zeigte sich sogleich, dass man zu diesem Zweck den Adel und ganz besonders die B√ľrgerschaft gewinnen musste. Wendel Hipler bekam hiermit die Leitung der Verhandlungen in seine H√§nde ¬Ö Gerade wie M√ľnzer, als Repr√§sentant der ganz au√üer dem bisherigen offiziellen Gesellschaftsverband stehenden Klasse, der Anf√§nge des Proletariats, zur Vorahnung des Kommunismus getrieben wurde, geradeso kam Wendel Hipler, der Repr√§sentant sozusagen des Durchschnitts aller progressiven Elemente der Nation, bei der Vorahnung der modernen b√ľrgerlichen Gesellschaft an. ¬Ö sobald die Forderungen der Bauern zu einer ¬ĄReichsreform¬ď zusammengefasst wurden, mussten sie sich nicht den momentanen Forderungen, aber den definitiven Interessen der B√ľrger unterordnen.¬ď24

Luther und der Antisemitismus

Luther gab dem deutschen B√ľrgertum eine Wegzehrung mit, von der sie sich bis heute n√§hrt: den Judenhass. Als die katholische Kirche bereits ihres Einflusses beraubt war, hatte sie auch nicht mehr das Hauptinteresse am Judenhass. Es war das deutsche B√ľrgertum, das vor den F√ľrsten gekuscht hatte, sich selbst damit der M√∂glichkeiten seiner Entwicklung beraubt hatte. Nun musste es ¬Ąden Juden¬ď, den unliebsamen Konkurrenten bek√§mpfen, der sich aufgrund der besonderen Stellung, in die er seit den Kreuzz√ľgen hineingezwungen worden war (im Gegensatz zu den Christen durften die Juden Zins nehmen, aber keinen Boden besitzen), eben auch besser als das junge B√ľrgertum mit den b√ľrgerlichen Gesch√§ften unter widrigen mittelalterlichen Verh√§ltnissen auskannte. Luther lieferte die Anleitungen zur Judenverfolgung, die Jahrhunderte sp√§ter von den Hitlerfaschisten w√∂rtlich aufgegriffen wurde. Er forderte dazu auf, die Synagogen anzuz√ľnden und die H√§user der Juden zu pl√ľndern. Kurz vor seinem Tod predigte er, dass alle Juden aus Deutschland vertrieben werden m√ľssten. Es gab im f√ľnfzehnten Jahrhundert in den Vorl√§uferk√§mpfen zum deutschen Bauernkrieg durchaus auch Judenhass unter den unwissenden Bauern, soweit sie bei Juden verschuldet waren. Im gro√üen Bauernkrieg selber propagierte Thomas M√ľntzer die Gleichheit aller Menschen. Er predigte die Perspektive einer Gesellschaft ohne Klassenunterschiede und Privateigentum ¬Ė er war ein sehr fr√ľher und leider zu fr√ľher Kommunist ¬Ė und gab mit diesen Lehren den aufst√§ndischen Bauern (wahrscheinlich sogar eher unbewusst) eine Perspektive zur √úberwindung auch des b√§uerlichen Judenhasses. Der Judenhass Luthers war ganz anderer Natur. Er entsprang nicht der Unwissenheit und nicht der unmittelbaren Not, da Luther fr√ľher die Juden sogar als Verb√ľndete gesehen hatte. Es war der Judenhass des feigen deutschen B√ľrgertums, es war der Judenhass im Interesse solcher wie des Augsburger Handelshauses Fugger, das sich nicht nur √ľber das kirchliche Zinsverbot hinweggesetzt, sondern auch die blutige Niederschlagung des deutschen Bauernkrieges finanziert hatte, es war Hass nicht aus Not sondern aus niedertr√§chtiger Berechnung.32
M√ľntzer kehrte im M√§rz 1525 nach Th√ľringen zur√ľck und wurde in M√ľhlhausen sehnlichst erwartet. Dort wurde der alte patrizische Rat gest√ľrzt und unter der Mitarbeit M√ľntzers ein neuer Rat gew√§hlt. Das Dilemma in M√ľhlhausen war, dass zwar die Masse der Kleinb√ľrger gewonnen war, aber die Zeit war noch nicht reif f√ľr die Herrschaft der Besitzlosen ¬Ė das Proletariat war in den allerersten Anf√§ngen seiner Entwicklung. Was er tun¬†konnte, war nicht das, was er tun¬†sollte.¬†¬ĄEr ist mit einem Wort gezwungen, nicht seine Partei, seine Klasse, sondern die Klasse zu vertreten, f√ľr deren Herrschaft die Bewegung gerade reif ist. Er muss im Interesse der Bewegung selbst die Interessen jener fremden Klasse durchf√ľhren und seine eigne Klasse mit Phrasen und Versprechungen, mit der Beteuerung abfertigen, dass die Interessen jener fremden Klasse ihre eignen Interessen sind.¬ď25¬†So waren ihre Forderungen, die Gemeinschaft aller G√ľter, die gleiche Verpflichtung aller zur Arbeit und die Abschaffung aller Obrigkeit nicht zu verwirklichen. Au√üer allgemeine Wahlen zum Rat unter Kontrolle der Plebejer und einer improvisierten Versorgung der Armen durch Naturalien war nichts von seinem verk√ľndeten Programm geblieben.

Letztendlich standen die Bauern in isolierten Haufen allein den F√ľrstenheeren gegen√ľber. Weder die Ritterschaft noch die St√§dte stellten sich auf ihre Seite. Dazu schlecht ausgebildet und schlecht bewaffnet gingen sie im Kampf des Bauernkriegs 1525 einer Niederlage entgegen.


Zusammenfassung

Der ¬ĄS√ľndenfall¬ď des deutschen B√ľrgertums liegt im 16. Jahrhundert beim Verrat an der demokratischen Revolution und die daraus folgende Niederlage der Bauern im deutschen Bauernkrieg. Dem B√ľrger hatte seine Feigheit nichts gebracht. Der Kampf um die b√ľrgerliche, demokratische Nation, der so verhei√üungsvoll mitten in einem Europa des Feudalismus begann, r√ľckte f√ľr Deutschland in nicht mehr greifbare Ferne. Durch diese ung√ľnstige Ausgangssituation war die Position des aufstrebenden deutschen B√ľrgertums geschw√§cht und die Grundlage f√ľr seine sprichw√∂rtliche Feigheit gelegt.

Die Gewinner waren die weltlichen F√ľrsten. Im zersplitterten Deutschland behinderten sie den freien Aufstieg der Bourgeoisie. W√§hrend in England und Frankreich das Emporkommen des Handels und der Industrie die Verkettung der Interessen √ľber das ganze Land und damit die politische Zentralisation zur Folge hatte, brachte Deutschland es nur zur Gruppierung der Interessen nach Provinzen, um blo√ü lokale Zentren und damit zur politischen Zersplitterung. Ein Jahrhundert sp√§ter ruinierte der drei√üigj√§hrige Krieg das Land vollends und¬†hatte zur Folge, dass Deutschland f√ľr 200¬†Jahre aus der Reihe der politisch t√§tigen Nationen Europas gestrichen wurde. Der Stillstand der b√ľrgerlichen Entwicklung sowohl politisch wie auch √∂konomisch begr√ľndete seine sp√§tere Rolle als zu sp√§t und zu kurz gekommene Kapitalistenklasse, die sich durch eine besondere Aggressivit√§t auszeichnet.

Was also gibt es zu feiern, 500 Jahre nach dem Beginn der Reformation in Deutschland?

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Joachim Hermann: "... nicht mehr dieses geistlose Halloween feiern, sondern das Jubil√ɬÉ√ā¬§um der Reformation begehen. Bayern ist und bleibt ein christlich gepraegtes Land."
Dass die katholische Kirche als Feudalmacht gest√ľrzt wurde und den gr√∂√üten Teil ihrer G√ľter verlor? Leider wurde die weltliche Feudalmacht nicht gest√ľrzt, sie eignete sich die kirchlichen G√ľter an. Die Leibeigenschaft bestand bis ins 19.¬†Jahrhundert hinein fort. Bis 1945/​46 beherrschte adeliger Gro√ügrundbesitz insbesondere die ostelbischen Gebiete, durch die die Bauern in Abh√§ngigkeit gehalten wurden. Erst durch die von den Alliierten (Sowjetunion, USA, Gro√übritannien, Frankreich) verordnete Bodenreform (¬ĄJunkerland in Bauernhand¬ď) wurde in der sowjetisch besetzten Zone die b√ľrgerliche Revolution nachgeholt.

Dass mit Luthers Bibel√ľbersetzung die Grundlage f√ľr eine einheitliche hochdeutsche Sprache geschaffen wurde? Das war ja wirklich eine gro√üe Leistung, die den Bauern zur Verst√§ndigung in ihrem gemeinsamen Kampf diente, uns zurzeit aber kaum. Vielmehr herrscht die von der BILD-Zeitung gepr√§gte verst√ľmmelte kindisch-aggressive Sprache, die im Rahmen der ¬ĄLeitkultur¬ď regierungsoffizielle Satzunget√ľme hervorbringt wie ¬ĄWir sind nicht Burka¬ď.

Dass mit der Reformation erste Ans√§tze f√ľr eine b√ľrgerliche Demokratie geschaffen wurden? Aber die wurden ja gleich wieder zerschmettert durch die m√∂rderische Vernichtung der aufst√§ndischen Bauern, durch die freiwillige Unterordnung der B√ľrger unter die F√ľrsten. Dieser Verrat wurde sogar noch wiederholt, 1848, als die deutsche Bourgeoisie eine zweite Chance bekam, sich endg√ľltig vom Mittelalter zu emanzipieren. Aber es kam auch hier anders: ¬ĄUnd zwar erschrak die deutsche Bourgeoisie damals nicht so sehr vor dem deutschen wie vor dem franz√∂sischen Proletariat. Die Pariser Junischlacht 1848 zeigte ihr, was sie zu erwarten habe; das deutsche Proletariat war gerade erregt genug, um ihr zu beweisen, dass auch hier die Saat f√ľr dieselbe Ernte schon im Boden stecke; und von dem Tage an war der politischen Aktion der Bourgeoisie die Spitze abgebrochen. Sie suchte Bundesgenossen, sie verhandelte sich an sie um jeden Preis ¬Ö Diese Bundesgenossen sind s√§mtlich reaktion√§rer Natur. Da ist das K√∂nigtum mit seiner Armee und seiner B√ľrokratie, da ist der gro√üe Feudaladel, da sind die kleinen Krautjunker, da sind selbst die Pfaffen. Mit allen diesen hat die Bourgeoisie paktiert und vereinbart, nur um ihre liebe Haut zu wahren, bis ihr endlich nichts mehr zu schachern blieb. Und je mehr das Proletariat sich entwickelte, je mehr es anfing, sich als Klasse zu f√ľhlen, als Klasse zu handeln, desto schwachm√ľtiger wurden die Bourgeois.¬ď26¬†So verriet die deutsche Bourgeoisie auch diese Revolution. Sie mordete die Pariser Kommune, zettelte zwei Weltkriege an, ersetzte die b√ľrgerliche Demokratie durch den Faschismus und greift heute t√§glich und st√ľndlich b√ľrgerliches Recht, b√ľrgerliche Demokratie an.

Kurz gesagt: Es gibt nichts zu feiern. Es gibt einen freien Tag zu genie√üen und der erschlagenen Bauern und Thomas M√ľntzers zu gedenken, deren Verm√§chtnis erst heute, unter den Klassenverh√§ltnissen des Kapitalismus, erf√ľllbar ist: den Kampf um eine Welt ohne Ausbeutung und Unterdr√ľckung zu f√ľhren.

H. Renrew


Anmerkungen:
1 MEW 1972 Bd.¬†22, S.¬†300 bis 303 Engels, Einleitung zur englischen Ausgabe der Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft, 1892: ¬ĄDer gro√üe Kampf des europ√§ischen B√ľrgertums gegen den Feudalismus kulminierte in drei gro√üen Entscheidungsschlachten¬Ö.Die erste war das, was wir die Reformation in Deutschland nennen. ¬Ö Im Calvinismus fand die zweite gro√üe Erhebung des B√ľrgertums ihre Kampftheorie fertig vor. ¬Öin England ¬Ö Die gro√üe franz√∂sische Revolution war die dritte Erhebung der Bourgeoisie, aber die erste, die den religi√∂sen Mantel g√§nzlich abgeworfen hatte und auf unverh√ľllt politischem Boden ausgek√§mpft wurde¬ď;
2 Die Bundesregierung und das Reformationsjubil√§um 2017 Eine Positionsbeschreibung Herausgeber: Die Beauftragte der Bundesregierung f√ľr Kultur und Medien, Projektgruppe Reformationsjubil√§um, 53028 Bonn, Stand: April 2014
3 ebenda
4 ebenda
5 ebenda
6 https://www.reformationsjubilaeum-bund.de
7 Ebenda
8 MEW 1960, Bd. 7, S. 331
9 MEW 1960, Bd. 7, S. 335
10 MEW 1960, Bd. 7, S. 338
11 MEW 1960, Bd. 7, S. 346
12 MEW 1972 Bd. 22, S. 299
13 MEW 1960 Bd. 7, S. 344
14 MEW 1968 Bd.¬†39, S.¬†206 An dieser Stelle wollen wir auf den Artikel in KAZ 349, S.¬†37 ¬ĄDie Rolle der Pers√∂nlichkeit in der Geschichte¬ď verweisen, der sich genauer mit diesen Fragen auseinandersetzt.
15 MEW 1972 Bd. 22, S. 299
16 MEW 1960, Bd. 7, S. 348
17 MEW 1960, Bd. 7, S. 373
18 MEW 1960, Bd. 7, S. 376
19 MEW 1962, Bd. 20, S. 312
20 MEW 1979, Bd. 25, S. 624
21 MEW 1960, Bd. 7, S. 350
22 MEW 1972, Bd. 22, S. 300
23 Nähere Schilderungen sind bei Friedrich Engels, Der deutsche Bauernkrieg, nachzulesen MEW Bd. 7,S. 327-413 Dietz Verlag, Berlin/DDR 1960.
24 MEW 1960, Bd. 7, S. 392
25 MEW 1960, Bd. 7, S. 401
26 MEW 1962 Bd. 7, S. 397
27 MEW 1960, Bd. 7, S. 347-348
28 Hutten, M√ľntzer, Luther, Aufbau-Verlag 1982, Bd.¬†1, S.¬†XXVI
29 MEW 1975, Bd. 21, S. 305
30 MEW 1975, Bd. 21, S. 305
31 Nach Wikipedia
32 KAZ 300, 2007, S. 8-9


 
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  Kommentar zum Artikel von Rainer:
Mittwoch, 01.11.2017 - 00:11

Ein absolut brillanter Artikel,vielen Dank !


  Kommentar zum Artikel von FPeregrin:
Dienstag, 31.10.2017 - 20:50

Da hier doch so der eine oder andere Bibelunkundige sitzt, zitiere ich mal die hier von Frank Abbas angef√ɬľhrte - sehr interesssante - Stelle in Apostelgeschichte 2, 38-47 (nach Lutherbibel 2017):

"Petrus sprach zu ihnen: Tut Bu√ɬüe, und jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung eurer S√ɬľnden, so werdet ihr empfangen die Gabe des Heiligen Geistes. / Denn euch und euren Kindern gilt diese Verhei√ɬüung und allen, die fern sind, so viele der Herr, unser Gott, herzurufen wird. / Noch mit vielen andern Worten bezeugte er das und ermahnte sie und sprach: Lasst euch erretten aus diesem verkehrten Geschlecht! / Die nun sein Wort annahmen, lie√ɬüen sich taufen; und an diesem Tage wurden hinzugef√ɬľgt etwa dreitausend Menschen. / Sie blieben aber best√ɬ§ndig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet. / Es kam aber Furcht √ɬľber alle, und es geschahen viele Wunder und Zeichen durch die Apostel. / Alle aber, die gl√ɬ§ubig geworden waren, waren beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam. / Sie verkauften G√ɬľter und Habe und teilten sie aus unter alle, je nachdem es einer n√ɬ∂tig hatte. / Und sie waren t√ɬ§glich einm√ɬľtig beieinander im Tempel und brachen das Brot hier und dort in den H√ɬ§usern, hielten die Mahlzeiten mit Freude und lauterem Herzen / und lobten Gott und fanden Wohlwollen beim ganzen Volk. Der Herr aber f√ɬľgte t√ɬ§glich zur Gemeinde hinzu, die gerettet wurden."

Das ist dichter am Gen. Thomas M√ɬľntzer als an der Arschmade Luther!


  Kommentar zum Artikel von Frank Abbas: Webseite
Dienstag, 31.10.2017 - 17:16

Ich selber bin Christ, ich denke jedoch, dass heute kein feiernswerter Tag ist, wenn Martin Luther war 1. Imperialist und hat die Feudalisten unterst√ɬľtzt 2. zu dem ist er Antisemit. Wenn ich den Messias (Jesus Christus) und mir ihn als Vorbild nehme, so muss ich klar sagen, dass die Kirchen und Konfessionen wie Opium sind. Sie bet√ɬ§uben die Menschen durch einfache und verf√ɬ§lschte Glaubensformeln. Jesus sagte, dass man ihn nachfolgen soll. Er hat sich dem Privateigentum entsagt und seine direkten Nachfolger (in der Bibel als J√ɬľnger bezeichnet) dazu aufgefordert nur die Kleidung am Leib und keine Geldb√ɬ∂rse zu tragen. Das Evangelium nach Christus (durch √ɬúbersetzer manipuliert) verk√ɬľndigt etwas anderes: Das Leben im Einklang mit der Natur und mit allen Menschen. Alle Menschen sind Br√ɬľder und Schwestern. Und so lange unsere Geschwister auf dem Mittelmeer ersaufen, so ist die Gesellschaftsform in der wir leben abzulehnen. Wir m√ɬľssen in der Opposition sein zu dem Kapitalismus. Nun heute feieren die Menschen einen Feiertag dessen Inhalt die Aufrechterhaltung des Systems bedeutet in dem wir leben oder besser gelebt werden. Die Kirchenorganisationen halten die Illusion f√ɬľr Ihre sog. Gl√ɬ§ubigen aufrecht, dass alles korrekt ist um sie herum. Und das es mit dem Ablass f√ɬľr Brot f√ɬľr die Welt getan ist. Dem ist nicht so. Wenn wir die Apostelgeschichte 2,38 folgende lesen, so erfahren wir, dass die welche diesem Messias nachgefolgt sind ihr Privateigentum aufgegeben haben und alles auf kommunaler Ebene geteilt haben und den Bed√ɬľrftigen das gaben, was sie brauchen. Dieses l√ɬ∂ste damals die Sprengkraft des eigentlichen Evangeliums auf. Welches schon 100 Jahre durch Machthabende vereinnahmt wurde. Schlussendlich auch durch den sog. Apostel Paulus, der dazu aufforderte alle Oberigkeit von GOTT eingesetzt zu sehen. Somit schlussendlich ich feiere keinen Antisemit oder einen Mann der Bauernaufst√ɬ§nde verurteilte.