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Separatisten in diversen EU-Staaten begreifen das Sezessionsreferendum in Katalonien als Ansporn und intensivieren ihre Aktivit√§ten. Bereits am 22. Oktober werden die beiden reichsten Regionen Italiens, die Lombardei und Venetien, je ein eigenes Referendum √ľber eine Ausweitung ihrer Autonomie gegen√ľber der Regierung in Rom abhalten. Zentrale Ursache ist wie in Katalonien das Bestreben, den eigenen Wohlstand zu wahren und die Umverteilung ihrer Steuergelder an √§rmere Gebiete insbesondere im S√ľden des Landes zu reduzieren oder zu beenden. Identische Motive befeuern Sezessionisten im niederl√§ndischsprachigen Teil Belgiens, in Flandern; die dortige Regionalregierung unterh√§lt gute Beziehungen zur Regionalregierung Kataloniens. Auch im deutschsprachigen Separatismus Norditaliens (S√ľdtirol), der bei den letzten Landtagswahlen √ľber 25 Prozent der Stimmen auf sich vereinen konnte, werden neue Forderungen nach einer Abspaltung von Italien und dem Anschluss an √Ėsterreich laut. Viele Separatismen in der EU sind von Deutschland jahrzehntelang direkt oder indirekt gef√∂rdert worden - √∂konomisch und politisch.

Die nächsten Referenden

Die n√§chsten Referenden, die den inneren Zusammenhalt eines EU-Staates besch√§digen d√ľrften, finden bereits in weniger als drei Wochen in Norditalien statt. Am 22. Oktober werden die B√ľrger der Lombardei und Venetiens entscheiden, ob die beiden Regionen gr√∂√üere Autonomierechte erhalten sollen. Mit Blick auf die Eskalation in Katalonien beschw√∂ren italienische Medien derzeit die Unterschiede zwischen den Referenden: W√§hrend es in Katalonien unter Bruch der spanischen Verfassung um die Abspaltung der Region ging, werden in der Lombardei und in Venetien nur Autonomieverhandlungen mit der Zentralregierung angestrebt - strikt im Rahmen der italienischen Verfassung. Allerdings ist die Dynamik der Entwicklung mit derjenigen in Katalonien, wo vor gut einem Jahrzehnt ebenfalls noch nicht die Abspaltung, sondern lediglich eine gr√∂√üere Autonomie mehrheitsf√§hig war, durchaus vergleichbar.

Die reichsten Regionen

Sowohl die Lombardei wie auch Venetien zeichnen sich durch einen weit √ľberdurchschnittlichen Reichtum aus, der - wie im Falle Kataloniens - mit Umverteilungsleistungen zugunsten √§rmerer Gebiete meist im S√ľden des Landes verbunden ist; das wiederum sch√ľrt Wohlstandschauvinismus und f√ľhrt zu Bestrebungen, den Abfluss der Gelder zu stoppen. Die Lombardei verf√ľgt nach eigenen Angaben √ľber das h√∂chste Bruttoinlandsprodukt pro Kopf in Italien; in der Rangliste der EU-Staaten sch√∂be sie sich mit 36.600 Euro pro Einwohner im Jahr auf Platz f√ľnf - noch vor Deutschland (35.800 Euro) und weit vor dem Durchschnitt Italiens (27.800 Euro). Die Lombardei exportierte im Jahr 2015 Waren im Wert von 111,23 Milliarden Euro; das waren 27,2 Prozent der italienischen Gesamtausfuhr (408,66 Milliarden Euro), mehr als jede andere italienische Region erreichte. Auf Platz zwei lag mit Exporten im Wert von 57,52 Milliarden Euro Venetien, das das drittgr√∂√üte Bruttoinlandsprodukt Italiens erzielt - nach der Lombardei und der Hauptstadtregion Latium. Aus der Lombardei flie√üen, wie es in einer von ihrer Regionalregierung verbreiteten Brosch√ľre hei√üt, j√§hrlich 54 Milliarden Euro netto an den Zentralstaat ab, ein Vielfaches des Vergleichswerts in Katalonien, den die Publikation auf rund acht Milliarden Euro beziffert. Aus Venetien werden demnach ebenfalls hohe Nettosummen an Rom gezahlt - um die 15,5 Milliarden Euro pro Jahr.1

Von der Autonomie zur Abspaltung

Das Bestreben, die Mittelabfl√ľsse zu verringern, beg√ľnstigt schon seit Jahrzehnten politische Kr√§fte, die zwischen dem Verlangen nach gr√∂√üerer Autonomie und der Forderung, sich von Italien abzuspalten, changieren. Bereits 1984 entstand mit der Lega Lombarda die Keimzelle der sp√§teren Lega Nord, die lange f√ľr die Abspaltung Norditaliens pl√§dierte, aktuell allerdings eher auf st√§rkere Autonomie setzt. Die √úberg√§nge sind flie√üend. Parteichef Matteo Salvini zieht gegenw√§rtig die Ausdehnung der Lega Nord auf die Mitte und den S√ľden des Landes in Betracht und w√ľrde dazu wohl Zugest√§ndnisse in puncto Autonomie machen; doch auch in dieser Frage ist der Machtkampf in der Partei nicht entschieden. Die Lega Nord stellt aktuell die Regierungschefs in der Lombardei sowie in Venetien. In Venetien sind dabei Abspaltungstendenzen deutlich erkennbar. Dort wurde 2014 ein informelles, nicht repr√§sentatives und weithin kritisiertes Online-Referendum abgehalten, dessen Resultate zwar nicht zuverl√§ssig waren, in der Tendenz allerdings von Umfragen best√§tigt wurden. Demnach g√§be es in der Bev√∂lkerung Venetiens eine knappe Mehrheit f√ľr die Abspaltung der Region von Italien. Von der Entwicklung in Katalonien wird der Separatismus nun auch hier befeuert.

Der flämische Separatismus

Dasselbe trifft auf die belgische Region Flandern zu. Der niederl√§ndischsprachige Separatismus in dem Gebiet hat alte Wurzeln, die bis ins 19. Jahrhundert zur√ľckreichen; er wird jedoch seit einigen Jahrzehnten ebenfalls durch Wohlstandschauvinismus und durch den Kampf gegen staatliche Umverteilung an die Hauptstadtregion Br√ľssel sowie vor allem an die Region Wallonie gepr√§gt. Flandern erwirtschaftete 2014 rund 58 Prozent des belgischen Bruttoinlandsprodukts, die franz√∂sischsprachige Region Wallonie lediglich 24 Prozent; f√ľr die verbleibenden 18 Prozent kam die Hauptstadtregion Br√ľssel auf, die zweisprachig ist. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf lag in Flandern mit 36.300 Euro im Jahr weit √ľber dem Vergleichswert in der Wallonie (26.100 Euro), deren Arbeitslosenquote (rund zw√∂lf Prozent) diejenige Flanderns (rund f√ľnf Prozent) betr√§chtlich √ľbertraf. Mehrere Parteien, insbesondere der extrem rechte Vlaams Belang und die konservative Nieuw-Vlaamse Alliantie (N-VA), setzen sich prinzipiell f√ľr die Abspaltung Flanderns von Belgien ein, wobei die N-VA, die nicht nur den Ministerpr√§sidenten der fl√§mischen Regionalregierung und den B√ľrgermeister der gr√∂√üten fl√§mischen Stadt, Antwerpens, sondern auch einige Minister in der aktuellen belgischen Regierung stellt, sich gegenw√§rtig aus taktischen Gr√ľnden zur√ľckh√§lt. Die Region Flandern kooperiert seit 1992 mit der Region Katalonien; beide Seiten haben im Juli 2015 eine gemeinsame Erkl√§rung unterzeichnet, die eine weitere Intensivierung ihrer Zusammenarbeit vorsieht. Die beiden Regionen haben sich im Vorfeld des katalanischen Sezessionsreferendums eng miteinander abgestimmt; vergangene Woche etwa traf sich die katalanische Parlamentspr√§sidentin vor der Abstimmung zu letzten Absprachen mit ihrem fl√§mischen Amtskollegen Jan Peumans.

Präzedenzfall Katalonien

Neben den gro√üen Sezessionsbewegungen in Norditalien und Belgien ziehen auch kleinere Abspaltungsorganisationen Nutzen aus dem katalanischen Referendum, darunter etwa Separatisten in Norditaliens Autonomer Provinz Bolzano-Alto Adige (S√ľdtirol). "Heute Katalonien, morgen S√ľd-Tirol!", hei√üt es etwa in einem gestern publizierten Manifest der "S√ľd-Tiroler Freiheit", einer Partei der deutschsprachigen Minderheit Norditaliens, die in direkter Tradition zu den sogenannten S√ľdtiroler Freiheitsk√§mpfern steht; diese ver√ľbten seit den 1950er Jahren immer wieder Sprengstoffanschl√§ge in Italien, um den Anschluss der Provinz Bolzano-Alto Adige an √Ėsterreich zu erzwingen. Die S√ľd-Tiroler Freiheit erhielt bei den letzten Wahlen zum S√ľdtiroler Landtag 7,2 Prozent der Stimmen; rechnet man die 17,9 Prozent hinzu, die die Partei "Die Freiheitlichen" erhielt, dann liegen die deutschsprachigen Separatisten in S√ľdtirol insgesamt bei rund 25 Prozent. Wie die S√ľd-Tiroler Freiheit berichtet, habe sie im Jahr 2013 ein Referendum abgehalten, bei dem sich 92 Prozent der Teilnehmer f√ľr die Abspaltung von Italien ausgesprochen h√§tten2. Sei damals oft erkl√§rt worden, eine Sezession sei rechtlich nicht m√∂glich, so beweise der "Pr√§zedenzfall Katalonien" nun "das Gegenteil", erkl√§rt die Partei, die mitteilt, "enge Kontakte zu Katalonien" zu unterhalten.

Von Deutschland gefördert

Aktuell laufen die Separatismen in der EU deutschen Interessen zuwider: Sie schw√§chen die Union und relativieren damit deren Nutzen als machtpolitische Basis f√ľr die ausgreifende deutsche Weltpolitik. Entsprechend mahnt die Bundesregierung, eine Einigung f√ľr den Sezessionskonflikt in Katalonien zu finden. Dabei hat die Bundesrepublik die Voraussetzungen f√ľr das Erstarken der Separatismen selbst geschaffen, indem sie sie jahrzehntelang auf verschiedenste Weise f√∂rderte - teils √ľber v√∂lkische Vorfeldorganisationen, teils auch durch eine regionalistische Wirtschaftspolitik.


Anmerkungen:
1 Scopri perché la Lombardia è Speciale. Regione Lombardia 2017.
2 Selbstbestimmung nicht mehr aufzuhalten: Heute Katalonien, morgen S√ľd-Tirol! www.suedtiroler-freiheit.com 03.10.2017


 
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  Kommentar zum Artikel von retmarut:
Sonntag, 08.10.2017 - 14:26

@Hennes: "Hmm, dass Katalonien deutlich wohlhabender als viele andere Teile Spaniens ist und dass die von den Katalanen als unfair empfundenen Transferzahlungen Teil der Auseinandersetzung sind wird niemand bestreiten - oder etwa?"

Dass Katalonien ein h√ɬ∂heres Bruttoinlandsprodukt proKopf hat als der spanische Durchschnitt, ist doch keine Frage. Die gesamte spanische Wirtschaft ist extrem ungleich √ɬľber das Land verteilt - √ɬ§hnlich √ɬľbrgens wie in Deutschland. In Spanien ist halt Extremadura, Andalusien etc. abgeh√ɬ§ngt, in Deutschland die ostdeutschen L√ɬ§nder, Berlin, Saarland, Schleswig-Holstein, Niedersachsen etc.

Und dass Katalonien sehr hohe Transferleistungen zahlt, ist auch in Faktum. Aber das ist, entgegen den √ɬĄu√ɬüerungen der deutschen Presse, eben kein Hauptargument der katalanischen Bewegung. - Die Transferleistungen waren stets ein Argument der konservativen katalanischen Partei UDC (damals zusammen mit CDC als CiU), also der katalanischen Bourgeoisie. Die Unabh√ɬ§ngigkeitsbewegung hat aber durch Massenmobilisierung derart viel Druck von Links aufgebaut, dass die CiU darunter zerbrochen ist.
Im derzeitigen Diskurs spielen Transferzahlungen allenfalls am Rande noch eine Rolle. Deswegen ist es um so dreister, dass großspanische und deutsche Medien weiterhin die Mär vom katalanischen Wohlstandschauvinismus streuen, um so Stimmung gegen die Unabhängigkeit zu machen.

Und dass gfp jetzt ins selbe Horn bläst und sich mit dieser Position gemein macht, ist mehr als enttäuschend.

Noch mal: Wenn man einen Artikel √ɬľber die fl√ɬ§mische Bewegung oder v√ɬ∂lkische, s√ɬľdtiroler Sezessionisten schreiben will, soll man das machen. Diese aber mit der katalanischen Bewegung in einen Topf und Artikel zu mengen, um Stimmung gegen die derzeitige Referendumsbewegung zu machen, ist mehr als unlauter.

Ist das so schwer zu verstehen?


  Kommentar zum Artikel von Hennes:
Samstag, 07.10.2017 - 23:52

Hmm, dass Katalonien deutlich wohlhabender als viele andere Teile Spaniens ist und dass die von den Katalanen als unfair empfundenen Transferzahlungen Teil der Auseinandersetzung sind wird niemand bestreiten - oder etwa?

Und das ist in der Tat eine Parallele zu Flandern in Belgien und Norditalien in Italien. Nichts anderes stellt der Artikel fest. Ansonsten geht er, zu 98%, um ganz andere Dinge.

Ich verstehe die Aufregung nicht.


  Kommentar zum Artikel von retmarut:
Samstag, 07.10.2017 - 21:59

@ Rainer: Sei gewiss, dass ich den Text gelesen habe, sonst hätte ich nicht darauf reagiert.

Rainer, was ist denn deine Interpretation, wenn ein Autor zu gerade diesem Zeitpunkt der medialen Kampagne gegen das katalanische Referendum die katalanische Bewegung mit rechten und v√ɬ∂lkischen Separatismusbewegungen in eine Reihe stellt und zudem unterstellt, dass die katalanische Bewegung aus Gr√ɬľnden des Wohlstandschauvinismus agiere?

Man h√ɬ§tte den Artikel ja auch ohne Problem ohne diese Vergleiche schreiben k√ɬ∂nnen, aber offenbar war es dem Autor recht wichtig, dies in dieser Form zu tun, um die katalanische Bewegung mit reaktion√ɬ§ren Bewegungen in einen Topf zu werfen. Wenn das keine Zuarbeit f√ɬľr die gro√ɬüspanische Propaganda ist, was ist es dann? Unwissenheit? Dummheit?

Entsprechend emp√ɬ∂rt es mich tats√ɬ§chlich, dass gerade eine seri√ɬ∂se, sonst sehr gr√ɬľndlich recherchierende Plattform wie german-foreign-policy solch unm√ɬ∂gliche Vergleiche zieht.


  Kommentar zum Artikel von URollo:
Samstag, 07.10.2017 - 18:44

Also, ich lese in dem Bericht mehr was √ɬľber andere separatistische Bewegungen in der EU als eine negative Einsch√ɬ§tzung der katalanischen. Der Artikel enth√ɬ§lt sich dort doch jeder weiteren Wertung? Oder hab ich irgendwelche Codes nicht verstanden?


  Kommentar zum Artikel von Rainer:
Samstag, 07.10.2017 - 14:38

Yes,genau das hatte ich (lustigerweise auch genau von dir lieber retmarut !) erwartet. Es ist doch immer wieder faszinierend,wie bei irgendwelchen separatistischen Bewegungen (Basken/Iren/Katalanen) in der dt. Linken die Emotions √ɬľbersch√ɬ§umen !

Ansonsten : Hast du denselben Artikel wie ich gelesen ? Ich finde da beim besten 'Willen nix wie:

"Schulterschluss mit dem großspanischen Chauvinismus"

" die katalanische Bewegung mit rechten Wohlstandschauvinisten und Neofaschisten in anderen Teilen Europas in einen Topf "

"rechtsextreme Strukturen wie die Lega Nord, deutsch-v√ɬ∂lkische S√ɬľdtirolseparatisten und fl√ɬ§mische Rassisten mit einem weltoffenen und dezidiert nicht auf Blut und Boden orientierten katalanischen Nationalismus auf gleiche Stufe gestellt"

Willst du nicht nochmal lesen ? Die EINZIGE Parallele zu Flamen/S√ɬľdtirolern ist die Feststellung, da√ɬü es sich NICHT um Armutsseparatismus handelt. Das die jeweiligen Provinzen aus einer Position der relativen √ɬ∂konom. St√ɬ§rke agieren d√ɬľrfte doch wohl unstrittig sein oder nicht? Oder spielzt so was wie reichere/√ɬ§rmere PRovinzen keine Rolle mehr und es geht den Katalanen gar schon um Sozialismus ? Mehr steht da √ɬľberhaupt nicht zu der ideologischen Motivation,das ist echt nur deine Phantasie ...

Den letzten Absatz könntest du auch zur Kenntnis nehmen,da steht nämlich : "Aktuell laufen die Separatismen in der EU deutschen Interessen zuwider". M. E. eine ziemlich ausgewogene und sachliche Darstellung,von der ich was lernen konnte. Aber so ist das wohl mit "alternativen Realitäten"


  Kommentar zum Artikel von retmarut:
Donnerstag, 05.10.2017 - 11:30

zum Artikel: "Zentrale Ursache ist wie in Katalonien das Bestreben, den eigenen Wohlstand zu wahren und die Umverteilung ihrer Steuergelder an √ɬ§rmere Gebiete insbesondere im S√ɬľden des Landes zu reduzieren oder zu beenden." - Da hat jemand a) die Ursache der katalanischen Befreiungsbewegung offenbar nicht verstanden und sich stattdessen ein vulg√ɬ§r√ɬ∂konomisches Schema zurechtgeschnitten und b) offensichtlich auch keinen Schimmer √ɬľber die politische Sto√ɬürichtung und soziale Zusammensetzung der Bewegung, die ma√ɬügeblich aus der Arbeiterklasse und der Linken, weit weniger aus der katalanischen Bourgeoisie ihre Dynamik erh√ɬ§lt.

Mit der UDC h√ɬ§tte es eine solche Bewegung in dieser Dimension eben nicht gegeben, da w√ɬ§re die nationale Bewegung lediglich Man√ɬ∂vriermasse in Verhandlungen mit Madrid um Steuerverg√ɬľnstigungen und neuen Fiskalpakt gewesen. Gleiches gilt f√ɬľr den konservativen Fl√ɬľgel der CDC, der mit der Estelada lediglich seine jahrelangen Korruptionsaff√ɬ§ren √ɬľberdecken wollte.

Sowohl die Vertreter der großspanischen (PP, Ciudadanos) Bourgeoisie in Katalonien als auch bestimmte Teile der katalanischen Bourgeosie (v.a. UDC) haben klar gegen die Unabhängigkeitsbewegung Stellung bezogen.

Solche Unterschiede sollte der Autor zumindest zur Kenntnis nehmen, bevor er die katalanische Bewegung mit rechten Wohlstandschauvinisten und Neofaschisten in anderen Teilen Europas in einen Topf wirft.

Ich finde es zudem ziemlich geschichtsblind, wenn man aus den Betrachtungen den von Deutschland unterst√ɬľtzten Spanischen B√ɬľrgerkrieg 1936-39 sowie die Franco-Diktatur vollkommen ausblendet. Beide richteten sich gegen die Arbeiterbewegung, die republikanischen sowie baskischen wie katalanischen Bewegungen, die dem Faschismus und der spanischen Monarchie die Stirn boten und gemeinsam die dunklen Jahre des Faschismus durchleben mussten.

Wenn heute die PP, immerhin direkt aus dem franqistischen Parteiapparat hervorgegangen, und die ebenfalls seit jeher weit rechts stehende Guardia Civil auf die Bev√ɬ∂lkerung Kataloniens einpr√ɬľgeln und mit Gummigeschossen umherballern, darf sich eine Linke in Deutschland doch nicht in √ɬĄquidistanz einrichten oder gar - weil sie die Hauptfeindfrage lediglich als ex negativo betrachtet - den Schulterschluss mit dem gro√ɬüspanischen Chauvinismus suchen!

Euer Blick nach rechts und das Anprangern des v√ɬ∂lkischen und rassistischen Gesocks in beispielsweise Belgien und Italien, das von deutscher Seite √ɬľber Jahre hochgep√ɬ§ppelt wurde, ist sehr notwendig und da habt ihr seit Jahren gute Arbeit geleistet. Wenn ihr aber einen solchen Artikel als Aufh√ɬ§nger f√ɬľr eine Schmutzkampagne gegen die katalanische Bewegung, die derzeit um Demokratie und Unabh√ɬ§ngigkeit ringt, benutzt, spielt ihr damit nur den Interessen des deutschen Kapitals in die H√ɬ§nde. Das ist auch ein Hohn auf den proletarischen Internationalismus.

Ich bin jedenfalls emp√ɬ∂rt, dass in eurem Artikel rechtsextreme Strukturen wie die Lega Nord, deutsch-v√ɬ∂lkische S√ɬľdtirolseparatisten und fl√ɬ§mische Rassisten mit einem weltoffenen und dezidiert nicht auf Blut und Boden orientierten katalanischen Nationalismus auf gleiche Stufe gestellt werden. Von german-foreign-policy hatte ich solcherlei Ausf√ɬ§lle eigentlich nicht erwartet.


  Kommentar zum Artikel von retmarut:
Mittwoch, 04.10.2017 - 15:01

CCOO und UGT hatten uebrigens am Montag einen Rueckzieher gemacht. Der Einfluss der PSOE und des span. Chauvinismus war wohl doch staerker. Mitglieder dieser Gewerkschaften scheinen aber dennoch teilgenommen zu haben am Generalstreik.


  Kommentar zum Artikel von FPeregrin:
Mittwoch, 04.10.2017 - 14:03

... was aber die katalonische Separationsbewegung von der fl√ɬ§mischen, "padanischen", venetischen oder tirolerischen deutlich erkennbar unterscheidet, ist ihre eigenst√ɬ§ndige - explizit linke - proletarische Dynamik. Den Wohlstands-Chauvinismus des b√ɬľrgerlichen Separatismus wie auch die Destabilisierungspolitik des deutsche Imperialismus unbenommen, mu√ɬü eine kommunistische Bewertung des Gesamtprozesses auf den Einzelfall (hier Katalonien) bezogen davon abh√ɬ§ngen, ob wir die proletarische Dynamik als geeignet sehen, die b√ɬľrgerliche Geldschrapperei in einem proletarisch-internationalistischen Sinne zu negieren. Wenn dies gelingt, w√ɬ§re es ein gro√ɬüer Fortschritt f√ɬľr die Arbeiterkasse mindestens der iberischen Halbinsel, wenn nicht S√ɬľdeuropas. Wenn dies nicht gelingt, h√ɬ§tte das katalanische Proletariat f√ɬľr einen objektiv konterrevolution√ɬ§ten Proze√ɬü den Dummen August gemacht, ... mit allen weiteren Folgen. Die Lage-Einsch√ɬ§tzung kann dem Proletariat Kataloniens niemand abnehmen. Die erkl√ɬ§rte Beteiligung der katalonischen Sektionen der gesamt-spanischen Gewerkschaften CNT, CCOO und UGT am gestrigen Generalstreik h√ɬ§lt m.E. die Chance auf eine internationalistische Wendung des Prozesses offen - unabh√ɬ§ngig oder sogar beg√ɬľnstigt vom repressiven Vorgehen der Zentralregierung -, zumal es aktuell lediglich um das Recht geht, √ɬľberhaupt √ɬľber eine Unabh√ɬ§ngigkeit Kataloniens entscheiden zu k√ɬ∂nnen. Bef√ɬľrwortung eines Referendums und Bef√ɬľrwortung der Unabh√ɬ§ngigkeit sind bekanntlich zwei paar Schuhe.

Die generelle Richtigkeit der Beschreibung einer wohlstands-chauvinistischen √ɬĖkonomie der Sezession ist damit nicht in Frage gestellt, wohl aber deren grunds√ɬ§tzliche Monopolstellung .

Der Hauptfeind des katalonischen Proletariats steht indes - auch im taktischen B√ɬľndnis - im eigenen Land - es ist die katalonische Bourgeoisie!