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Im Bezirk Ilias, dem Gebiet des antiken Olympia, auf der Westpeloponnes hatten sie Olivenöl gesammelt. Die Olivenernte läuft derzeit auf Hochtouren, die Ölmühlen pressen das frische Olivenöl rund um die Uhr. Kaum eine Eleotriwio (Ölmühle) hatte sich der Bitte von Christo, Jannis und anderen verweigert, Kanister frisch gepressten Olivenöls zu spenden. So waren beide vor einigen Tagen unterwegs, um mit ihrem Pritschenwagen die zahlreichen 20 Liter-Kisten nach Aspropyrgos in die Gemeinde Elefsina unweit von Athen zu transportieren. Dort stehen die etwa 400 Metallarbeiter in einem Stahlwerk des Industriellen Nikolaos Manesis seit fast fünf Wochen im Streik. In einer Zeit extremer Lohnkürzungen und der Streichung wesentlicher Teile der Daseinsvorsorge versucht das Unternehmen eine Lohnkürzung aller Beschäftigten auf 500 Euro Monatslohn bei einer Arbeitszeitverkürzung auf 5 Stunden pro Tag durchzusetzen. 34 der 400 Beschäftigten wurden bereits entlassen und das alles in einer Phase, in der das Unternehmen schwarze Zahlen schreibt. Die Arbeiter/innen des Betriebes sind nicht bereit, diesen Verarmungsprozess widerstandslos hinzunehmen. Sie streiken seit 33 Tagen, obgleich sie durch keinerlei Streikkassen den Lohnausfall ausgleichen können. Der Vorsitzende der Betriebsgewerkschaft Jorgos Sifonios hat eine Familie mit vier Kindern. Er arbeitet seit 33 Jahren im Betrieb. Die Kollegen/innen sind in ihrem Kampf auf solidarische Unterstützung angewiesen. Christo und Jannis kennen den Weg zum Werkstor, liegt es doch genau an der alten Autobahnzufahrt nach Athen, kurz bevor die stets renovierungsbedürftige vierspurige Straße in einer Linkskurve zum Athener Metropolen-Kessel hochführt. Mehrere hundert Menschen beweisen selbst bis spät in den Abend hinein noch Präsenz, haben Sitzgruppen gebildet, eine Koch- und Grillmöglichkeit geschaffen, am Wächterhäuschen eine Lautsprecheranlage installiert und begrüßen die beiden Kollegen aus dem 300 km entfernten Zacharo, das selbst vor vier Jahren wegen der fürchterlichen Brände von nationaler und internationaler Solidarität abhängig war, mit großer Begeisterung. Zu dem gesammelten Öl hatten sich noch kleinere Mengen von Gemüse und Zitrusfrüchten gesellt. Christo gehört in der Westpeloponnes zu den Initiatoren, die vor zwei Wochen ein Solidaritätskomitee gegründet hatten, dem sich gewerkschaftliche Gliederungen, die Umweltinitiative Lapithas, die Bauerngewerkschaft PASY und mehrere andere Organisationen des Bezirkes angeschlossen hatten. So waren in diesen Tagen nicht nur Jannis und Christo zur materiellen Unterstützung der Streikenden unterwegs. In Amaliada, einer weiter nördlich gelegenen Stadt desselben Bezirks hatten Kollegen/innen und Genossen/innen einen LKW organisiert, der große Mengen Kartoffeln, Tomaten und Obst zum Werkstor beförderte. Was sich in der Westpeloponnes an Solidarität entwickelte, war längst auch in den übrigen Regionen Griechenlands als Funke der Solidarität übergesprungen. Neben materiellen Gütern in Form von Nahrungsmitteln hat das Streikkomitee selbstverständlich auch ein Streikkonto eingerichtet, um den größten finanziellen Nöten der Kollegen/innen begegnen zu können.

In der Gemeinde Elefsina wird die Verteilung von Lebensmitteln organisiert, die klassenbewusste Gewerkschaftsfraktion PAME mobilisiert die landesweite Solidarität, politisch, aber eben auch materiell, was für die betroffenen Kollegen/innen und ihre Familien lebenswichtig ist. Genossen der PAME erinnern daran, dass die Stahlarbeiter der Region Elefsina-Megara seit Jahrzehnten kampferprobt sind. Bereits vor 32 Jahren gelang es der Belegschaft, einen sechsmonatigen Streik gegen Entlassungen erfolgreich abzuschließen.

Angesichts des Ausmaßes an Solidarität verwundert es nicht, dass die Stimmung am Werkstor nach wie vor sehr optimistisch ist. Musik aus dem Kulturschatz des Widerstandes motiviert einige zum Tanz. National bekannte Künstler haben öffentlich für die Betroffenen Partei ergriffen und sich persönlich am Werkstor gezeigt. So hat sich die Athener Oper solidarisch erklärt und den Streikenden angeboten, innerhalb des Betriebes in Aspropyrgos ein Konzert zu geben.

Der Stahlkonzernbesitzer Manesis hatte zwischenzeitlich versprochen, die Kurzarbeit nur drei Monate laufen zu lassen, um den Streik zu brechen. Die Stahlkocher bezeichneten dies umgehend als Köder, das Unternehmensziel der Lohnkürzung, des Sozial- und Stellenabbaus dauerhaft durchzusetzen. Bildlich formuliert, nennen sie Manesis in ihrer Entschließung den "Hasen", der auch anderen Stahlbetrieben der Region - Elefsina ist ein Zentrum der Stahlindustrie - die arbeiterfeindliche Richtung vorgeben soll, die gleichen und noch weitergehende Maßnahmen durchzudrücken. Die Streikenden weisen die unglaubwürdigen Angebote des Industriellen als Drohung und Erpressung zurück, erklären entschieden die Fortsetzung ihres Arbeitskampfes, fordern dazu auf, auch in anderen Industriezweigen den Klassenkampf zu forcieren: "Für uns Stahlarbeiter gibt es kein Zurück, weil wir von 500 Euro nicht leben können!" Im zweiten Werk des Stahlunternehmens in Volos haben die Beschäftigten mittlerweile ebenfalls ihre solidarische Unterstützung erklärt, wenngleich sich die gewerkschaftliche Vertretung dort bisher sozialpartnerschaftlich verhalten hatte. Panos Pantasis, seit 30 Jahren Stahlarbeiter, betont, "hier werde mit der Zukunft der Kinder aller abhängig Arbeitenden gespielt". Deshalb sei es wichtig, den eigenen punktuellen Streik in den nächsten Generalstreik am 1. Dezember zu überführen und in Elefsina/Aspropyrgos wie in ganz Griechenland massenhaft den Widerstand gegen das in- und ausländische Kapital zu mobilisieren.

Mittlerweile findet der Streik internationale Aufmerksamkeit. Auch in gewerkschaftlichen Gremien Deutschlands bis hin zur gewerkschaftlichen Basis in den Betrieben entwickeln sich, gleichwohl bisher noch vereinzelt, solidarische Initiativen, die KollegenInnen in Aspropyrgos zu unterstützen.

Weitere Informationen und die aktuelle Resolution sind unter www.pamehellas.gr zu finden. Solidaritätsschreiben können an pame@pamehellas.gr gesendet werden. Von dort werden die Schreiben an die KollegenInnen weitergeleitet.