DE
       
 
0
unofficial world wide web avantgarde
Dossier: Hšnde weg von China! // Die VR China und die EinfluŖversuche des dt. Imperialismus
alle Artikel aus dem Dossier Hände weg von China!
Artikel:   versendendruckenkommentieren

BERLIN/BEIJING (16.03.2011) - Die Volksrepublik China √ľberholt die Vereinigten Staaten von Amerika als wichtigster au√üereurop√§ischer Handelspartner Deutschlands und schlie√üt zu den bedeutendsten innereurop√§ischen Handelspartnern der Bundesrepublik auf. Dies belegen neue Statistiken, die der Au√üenwirtschaftsverband Ostasiatischer Verein e.V. ver√∂ffentlicht hat. Gleichzeitig steigert China seine Auslandsinvestitionen weiter und zielt dabei st√§rker als bisher auf europ√§ische L√§nder, insbesondere auch auf Deutschland. Damit w√§chst die √∂konomische Abh√§ngigkeit Berlins von Beijing in hohem Tempo. Die deutsche Au√üenpolitik reagiert mit neuen Bem√ľhungen, die zunehmende wirtschaftliche Abh√§ngigkeit durch st√§rkere politische Einflussnahme auf die inneren Angelegenheiten der Volksrepublik China auszugleichen. Die j√ľngst gescheiterten Versuche, Protest-"Spazierg√§nge" einiger Dutzend chinesischer Demonstranten zu Unruhen nach dem Muster der arabischen Massenaufst√§nde zu stilisieren ("Jasmin-Revolution"), sind ein Signal an die Regierung Chinas, das k√ľnftige politische Konfrontationen erahnen l√§sst.

Wirtschaftliche Verflechtungen

Wie der Au√üenwirtschaftsverband Ostasiatischer Verein e.V. (Hamburg) berichtet, hat die Volksrepublik China im vergangenen Jahr ihre Position als wichtigster au√üereurop√§ischer Handelspartner Deutschlands gefestigt. Hatte China die Vereinigten Staaten bereits 2009 mit einem bilateralen Handelsvolumen von gut 94 Milliarden Euro (USA: 93,7 Milliarden Euro) knapp √ľberholt, ist sein Vorsprung im Jahr 2010 erheblich gestiegen: Laut statistischem Bundesamt betr√§gt die Differenz zwischen der Volksrepublik (130,1 Milliarden Euro) und den USA (113,7 Milliarden Euro) mittlerweile 16,4 Milliarden Euro. China r√ľckt damit bereits an die wichtigsten innereurop√§ischen Handelspartner Deutschlands heran und liegt nur noch sehr knapp hinter den Niederlanden (132 Milliarden Euro). Selbst Frankreich, mit einem bilateralen Handelsvolumen von 152,5 Milliarden Euro gr√∂√üter deutscher Handelspartner √ľberhaupt, wird nach dem Urteil eines Vorstandsmitglieds des Ostasiatischen Vereins in naher Zukunft eingeholt werden: "H√§lt das Tempo der Entwicklung des bilateralen Handels an, dauert es nur noch wenige Jahre, bis China Frankreich als gr√∂√üten Handelspartner Deutschlands abl√∂sen wird."1

Handelslobbyismus

Der "Ostasiatische Verein", der laut Eigendarstellung "den Ausbau der Wirtschaftsbeziehungen mit der dynamisch wachsenden asiatisch-pazifischen Region"2 fördert, fungiert als eine Art Branchenlobbyist der in Asien und speziell auch in China tätigen deutschen Unternehmen. Diese profitieren derzeit noch erheblich vom chinesischen Boom. Schon 2009 hatte sich die Volksrepublik in der Rangliste der Abnehmer deutscher Produkte unter die Top 10 geschoben. Mit einem erneuten Zuwachs um 43,9 Prozent auf 53,6 Milliarden Euro erreichte China 2010 bereits den siebten Platz - mit weiter steigender Tendenz.3

Automobilindustrie

Deutlich kommt die wachsende Abh√§ngigkeit vom chinesischen Markt bei der f√ľr Deutschland ausgesprochen wichtigen Automobilproduktion zum Ausdruck. Volkswagen etwa hat im Jahr 2009 erstmals mehr Autos in China abgesetzt als in Deutschland - trotz eines starken heimischen Zuwachses von 18,3 Prozent.4 Im ersten Quartal 2010 konnte VW den Automobilverkauf in der Volksrepublik gar um 60 Prozent steigern. Weiteres Wachstum in China ist bei dem deutschen Konzern, der den Weltmarktf√ľhrer Toyota vom Thron st√ľrzen will, fest eingeplant.5

Defizite

Trotz der bisher von der Krise nicht tiefgreifend beeintr√§chtigten chinesischen Importpolitik bergen die Rekordzahlen einen Widerspruch. Das Au√üenhandelsdefizit Deutschlands gegen√ľber China w√§chst mit und lag 2010 schon bei knapp 80 Milliarden Euro. Dies kommt den chinesischen Devisenreserven zugute, die inzwischen die astronomische Summe von 2,8 Billionen US-Dollar erreicht haben. Diese - √ľberwiegend in US-Assets angelegten - Devisen werden von der chinesischen Regierung sukzessive aus der Abh√§ngigkeit vom US-Dollar gel√∂st - unter anderem mit Auslandsinvestitionen. Diese wiederum gehen zu √ľber 71 Prozent nach Asien, zu 13 Prozent nach Lateinamerika.6 Die hoch kapitalisierten und √∂konomisch schlagkr√§ftigen Volkswirtschaften der USA und der st√§rksten EU-L√§nder geh√∂ren zu den j√ľngsten Zielen des chinesischen Engagements. Das chinesische Vorgehen fand dabei in mehreren Etappen statt: Wurde zun√§chst in vielerlei europ√§ische und US-amerikanische Firmen investiert, die in Krisen oder Notlagen geraten waren, sind es mittlerweile chinesische Firmen selbst, die zur Expansion in die westlichen Metropolen ansetzen. Die krisenbedingten Widerspr√ľche innerhalb der EU erm√∂glichen es der Volksrepublik China nun, in einen bisher hermetisch abgeschotteten Bereich einzudringen und direkt Staatsanleihen von EU-Staaten zu erwerben, die als minderbewertet gelten. Direkter Profit ist damit kaum zu machen, wohl aber steigen die politischen Verbindlichkeiten (german-foreign-policy.com berichtete7).

Angst

Dieses Szenario l√∂st in Berlin und Br√ľssel Angst vor einer Einschr√§nkung des eigenen weltweiten Wirtschaftseinflusses aus. Der deutsche EU-Kommissar G√ľnther Oettinger fasst das Dilemma in dramatische Worte: "China √ľbernimmt die EU, und wir Europ√§er verkaufen unsere Seele."8 √Ėkonomisch ist dieser Entwicklung, zumindest auf EU-Ebene, derzeit nicht beizukommen, da die wichtigsten EU-Staaten in Sachen Krisenbew√§ltigung im Kern uneinig sind. Die chinesischen St√ľtzk√§ufe werden deshalb in Kauf genommen, um einen m√∂glichen Zusammenbruch ganzer EU-Staaten abzuwenden. Dem steigenden politischen Einfluss der Volksrepublik auch innerhalb der EU soll nun, wo dies √∂konomisch nicht mehr m√∂glich ist, politisch begegnet werden: durch erh√∂hten Druck auf die chinesische Regierung.

Spaziergänge

Der j√ľngste Versuch, Druck aufzubauen, erfolgte im Kielwasser der Protestbewegungen in den arabischen Staaten. √Ąhnliche Unruhen wollen deutsche Medien auch in China erkannt haben und berichten an prominenter Stelle √ľber eine angebliche chinesische "Jasmin-Revolution", die in einigen St√§dten Chinas brutal unterdr√ľckt worden sein soll.9 Tats√§chlich waren es nur wenige Hundert, m√∂glicherweise aber auch nur einige Dutzend Demonstranten, die sich an den als "Spazierg√§ngen" getarnten Protesten in Beijing und Shanghai beteiligten; dies muss mittlerweile auch die deutsche Presse eingestehen.10 Die offenkundig gescheiterten Versuche, soziale Proteste, wie sie gegenw√§rtig in den arabischen L√§ndern mit beispielsweise einer Jugendarbeitslosigkeit von oft √ľber 30 Prozent auftreten, nun auch in China zu befeuern, ignorieren die dortigen Verh√§ltnisse: In einer seit Jahrzehnten boomenden Volkswirtschaft, die einer gro√üen Mehrheit der chinesischen Bev√∂lkerung einen stetig steigenden Lebensstandard verschafft, kann es kaum gelingen, Armutsproteste zu entfachen.

Die "Jasmin-Revolution"

Tats√§chlich handelt es sich bei den chinesischen "Jasmin-Revolution√§ren" um eine √ľberschaubare Gruppe urbaner politischer Dissidenten, die seit geraumer Zeit von Berlin und dem Westen eifrig umworben wird - zuletzt mit der Nobelpreisverleihung an Liu Xiaobo.11 Dieses Milieu verf√ľgt gegenw√§rtig in der Volksrepublik √ľber keinen besonderen Einfluss, gilt in den westlichen Regierungszentralen aber als ein Reservoir m√∂glicher Kooperationspartner, sollte die √∂konomische Entwicklung in China dereinst zu weiterreichenden politischen Umbr√ľchen f√ľhren. Daraus resultiert das Medieninteresse, das chinesische Dissidenten hierzulande genie√üen - ganz im Unterschied zur Opposition gegen die arabischen Diktaturen, die in Deutschland erst Aufmerksamkeit erh√§lt, seit sie den Sturz der prowestlichen Diktaturen zumindest in die Wege geleitet und die alten Verb√ľndeten Berlins ins Wanken gebracht hat.


Anmerkungen:
1 China ist größter außereuropäischer Handelspartner Deutschlands; www.oav.de
2 √úber uns; www.oav.de
3 China ist größter außereuropäischer Handelspartner Deutschlands; www.oav.de
4 VW verkauft mehr Autos in China als in Deutschland; manager-magazin.de 24.07.2009
5 Absatz-Boom: VW verkauft 60 Prozent mehr Autos in China; www.spiegel.de 12.04.2010. S. auch Deutschand gegen China (II)
6 China Annual Outbound Direct Investment, Ministry of Commerce, People's Republic of China
7 s. dazu Feinde in der Not
8 China nutzt die Euro-Krise; www.zeit.de 28.11.2010
9 China kämpft mit Stasi-Methoden gegen Aufruhr; www.bild.de 10.03.2011
10 China unterdr√ľckt geplante Proteste; www.rp-online.de 06.03.2011
11 s. dazu Deutschland gegen China (III), Bundesrepublik China und Der Nobelpreiskampf




Artikel auch verfügbar in: english
 
Creative Commons CC BY-NC-ND 4.0
Inhalt (Text, keine Bilder und Medien) als Creative Commons lizensiert (Namensnennung [Link] - Nicht kommerziell - Keine Bearbeitungen), Verbreitung erwünscht. Weitere Infos.