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Eine Umfrage unter der russischen Bevölkerung, durchgeführt von Radio Moskau im TV-Programm "Court of Time" ("Urteil über die Zeit/Geschichte") - Ziel der Sendung war die Demonstration der "Bewältigung der Sowjetzeit" und die "Erfolge der Entstalinisierung" durch die Bürger Russlands.

Das Ergebnis spricht für sich.


Frage 1:
War die Perestroika ein Ausweg aus einer Sackgasse oder eine Katastrophe?

Ergebnis der Telefon-Antworten:

7% Ausweg aus der Sackgasse
93% eine Katastrophe
Frage 2:
Der Sowjetmensch - War das ein ideologischer Mythos oder eine historische Errungenschaft?

6% ein Mythos
94% eine historische Errungenschaft
Frage 3:
War die Stachanow-Bewegung* eine sowjetische Propaganda-Kampagne oder ein tatsächlicher Fortschritt der Arbeit?

6% eine sowjetische Propaganda-Kampgne
94% ein tatsächlicher Aufschwung der Arbeit

* Die "Stachanow-Bewegung" war eine Maßnahme der sowjetischen Regierung während der Industrialisierung in den 30er Jahren, die zur freiwilligen Arbeitsnormüberschreitung mobilisierte.
Frage 4:
War die Nationalversammlung* ein demokratischer Schritt vorwärts oder der sichere Weg ins Chaos?

8% ein demokratischer Schritt vorwärts
92% garantiertes Chaos

* Die russische Nationalversammlung (Konstituante) war ein geplantes Gremium, dass im Zuge der Februarrevolution (1917) eine bürgerliche Verfassung für Russland ausarbeiten sollte. Die Konstituante wurde nach der Oktoberrevolution durch die Bolschewiki aufgelöst, die statt dessen eine Räteherrschaft ("Sowjets") aufbauten.
Frage 5:
Ergeht es der Ukraine und Russland besser getrennt oder zusammen?

8% besser getrennt
92% besser zusammen


 
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   Kommentar zum Artikel von retmarut:
Mittwoch, 05.01.2011 - 02:01

@ Eva: Danke für die Fleissarbeit.

Könntest Du noch einen Link zur Umfrage bzw. den Umfrageergebnissen setzen?

Vielleicht zu den Ergebnissen noch drei Ergänzungen:

1. Stalin ist im Dezember 2008 bei einer Umfrage von Rossija (staatliches russisches Fernsehen) zur drittbeliebtesten Persönlichkeit Russlands gewählt worden. 515.000 Zuschauer_innen votierten für Stalin. (Auf welchen Platz Lenin gelandet ist, habe ich leider nicht rausgefunden.)

2. Als 2008 die Pläne aufkamen, ein positives Stalinbild in russischen Schulgeschichtsbüchern zu vertreten, schäumte die ausländische Reaktion vor Wut. Der italienische Historiker Sergio Romano (ehemaliger italienischer Vertreter in der NATO und italienischer Botschafter in der Sowjetunion) z.B. erklärte der französischen Öffentlichkeit:
"[In dem Buch] soll Stalin als effektiver 'Manager' beschrieben werden. [...] Der Kommunismus wurde weder durch einen Krieg noch durch den Volkswiderstand [...] besiegt. [...] Unter solchen Umständen wird es unmöglich, die Verbrechen und tragischen Fehler des sowjetischen Regimes zu denunzieren. [...] Deswegen liegt die Lenin-Mumie weiterhin im Mausoleum am Roten Platz und Stalin ist weiterhin neben den Kreml-Mauern begraben. [...] Damit die Russen von ihm [Stalin] weniger einseitig sprechen können, muss man noch auf eine andere Generation warten."
Offenbar wird Herr Romano noch etwas länger warten müssen.

3. Laut taz vom 05.03.2003:
"So konnte im Geburtsland der bolschewistischen Revolution das Schwarzbuch des Kommunismus nicht einmal eine Auflage von 5.000 Exemplaren verkaufen."
Was ich schon recht bemerkenswert finde. In anderen ost- und mitteleuropäischen Staaten ist das Buch im Verkauf damals ja regelrecht ein Selbstläufer gewesen; dort wird das Schwarzbuch gar als wissenschaftliches Werk gehandelt. In Tschechien lag das z.B. in jeder größeren Buchhandlung exponiert aus.


   Kommentar zum Artikel von eva:
Dienstag, 04.01.2011 - 22:38

Noch ein paar Ergänzungen zu der Umfrage, die ich ausfindig machen konnte:
Neben den Telefonrückmeldungen gab es auch Internet-Reaktionen - und
außerdem ein paar zusätzliche Fragen/Antworten, die das Gesamtbild gut abrunden:
* Hat der Sieg der Bolschewiki 1917 Russland gerettet oder zerstört?
72% sagen telefonisch "gerettet", 88% übers Internet.
* War Trotzki/seine Politik eine verpasste Chance?
87% der Anrufer und 79% der Online-Antworten entschieden sich für die
"schlechteste aller Alternativen".
Zur Kollektivierung der Landwirtschaft gab es die Optionen:
* hart, aber notwendig
* kriminell/unverantwortlich
78% der Anrufer und 71% der Online-Reaktionen entschieden sich für die erste Antwort.
Zum Nichtangriffsvertrag waren die Antwortmöglichkeiten:
* notwendige Atempause für die UdSSR
* Wegbereiter des II. Weltkriegs
91% für Antwort 1 per Telefon, 89% per Internet
und damit kein Missverständnis aufkommt, wurde noch folgende Aussage vorgelegt:
"Stalin's System hat sich 1941 desavouiert/als falsch erwiesen"
89% sagen "nein" (per Telefon und Internet gleichermaßen!)
UND JETZT WIRD'S NOCH EINDEUTIGER:
89%/85% stimmten der Aussage zu, dass Chrustshow's (!) Politik "die sowjetische (!)
Gesellschaft unterminierte".
Und weiter:
Die Beseitigung der Sowjetunion war
* eine Katastrophe
* das kleinere Übel
91%/89% !!!

Interessanterweise addieren sich die jew. gegenteiligen Reaktionen/Antworten zu 100% - der "Russe an sich" scheint kein "naja, also - weder noch, weiß nicht, kann man so nicht sagen ..." zu kennen ...


   Kommentar zum Artikel von secarts:
Samstag, 01.01.2011 - 19:18

Da hast du sicher Recht, Toto. "Sowjet-Nostalgie" und Trauer über den vergangenen Großmachtstatus mischen sich teilweise zu einem nationalistischen Gebräu. Es ist sicher für viele russische "Nazis" auch kein Widerspruch, Stalin und Hitler toll zu finden, auch wenn das jeglicher Logik Hohn spricht.

Entscheidend ist hierbei jedoch, dass die Gefühle vieler Menschen, die die UdSSR grundsätzlich gut fanden, derzeit kaum progressiv aufgefangen werden. Wäre die kommunistische Bewegung in der Lage, diese positive Erinnerung breiter zu mobilisieren und auf konkrete politische Projekte zu lenken, könnte das Gemengelage an Motivationen auch geklärt und aus dem Bannkreis reaktionärer oder faschistischer Ideologie gezogen werden. So aber bleibt es der russischen Bourgeoisie überlassen, mit dem - für sie - "schweren Erbe" des Sozialismus umzugehen: und mit einfacher Verteufelung geht das in Russland eben nicht, da muss sich auch eine bürgerliche Regierung durchaus, zumindest verbal, in die Tradition mancher sowjetischer Elemente stellen.

Auch, wenn dieses Phänomen in Deutschland viel weniger ausgeprägt ist (die DDR ist eben geschluckt worden, und keine ostdeutsche Bourgeoisie hat die Klassenherrschaft übernommen, sondern die westdeutsche), findet sich so ein Gemisch aus "DDR war gut, weil ordentlich, keine Kriminalität, Disziplin, kein US-'Kaugummi-Imperialismus'" etc. ebenso im Osten Deutschlands. Etliche Dorfnazis werden ebenfalls keinen Widerspruch darin sehen, die DDR für besser als die BRD zu halten und gleichzeitig faschistische Ideologie aufzunehmen. Nur die deutsche Bourgeoisie wird nie etwas Positives an der DDR finden können, denn die ist und bleibt ein Fremdkörper für den deutschen Imperialismus.


   Kommentar zum Artikel von Toto:
Samstag, 01.01.2011 - 17:22

Ich möchte wie immer kurz etwas ansprechen. Die Einschätzung in der Bevölkerung der ehemaligen UdSSR spielt der Nationalismus eine wichtige Rolle. Mit der Existenz der UdSSR und Stalin wird die Großmachtstellung verbunden. Meine Befrüchtung, es ist weniger Klassenbewusstsein, vielmehr Nationalstolz. Im Gebiet der ehemailgen DDR enthält dagegen das Bekenntnis zur DDR progressive Elemente.


   Kommentar zum Artikel von IvanDrago:
Freitag, 31.12.2010 - 16:05

Hm... hätt ich so auch nicht erwartet... Vor allem nicht nach meinen persönlichen Erfahrungen, da hatt ich immer das Gefühl als seien mindestens 50% Nazis... Naja, auf den Dörfern stimmt das wohl auch leider teilweise...


   Kommentar zum Artikel von retmarut:
Donnerstag, 30.12.2010 - 16:47

@ IvanDrago:
Laut einer Umfrage, die letztes Jahr unter der Großen Koalition der Ost-Beauftragte der Bundesregierung [was es doch für absurde Titel gibt] Wolfgang Thierse in Auftrag gab, fanden 49% der Ostdeutschen mehr gute als schlechte Seiten an der DDR.
8% vertraten sogar die Ansicht, in der DDR habe mensch besser gelebt als heute in der BRD.

Quelle: Artikel aus "Welt" 26.06.2009

Den Untergang der DDR und des realsozialistischen Staatenbündnisses allein mit Revisionismus zu erklären, führt letztlich in die argumentative Sackgasse.

Edit: Da das mit dem obigen eingebetteten Link irgendwie hakt, hier noch einmal die gesamte Linkadresse.
www.welt.de/politik/article4003936/Die-Haelfte-der-Ostdeutschen-findet-die-DDR-gut.html


   Kommentar zum Artikel von IvanDrago:
Donnerstag, 30.12.2010 - 14:56

"Und daß trotz kapitalistischer Restauration die Mehrzahl der Menschen das alte System gleichzeitig immer noch besser findet, ist doch keine Frage vom Erfolg des Revisionismus."
Nein aber es zeigt das er scheinbar noch nicht weit in die Bevölkerung gedrungen ist, und das trotz 24/7 Dauerpropaganda. Und das heisst das die Propaganda schlecht und/oder die Erfahrungen im Sozialismus einfach so unumstösslich im Gedächtniss der Leute bleiben das sie die Lügen als solche erkennen. Beides ist schön und hätte ich so einfach in der Klarheit nicht erwartet. Schaut man sich dagegen das Gebiet der ehm. DDR an...


   Kommentar zum Artikel von eva:
Donnerstag, 30.12.2010 - 13:09

Die Eindeutigkeit der Publikumsreaktion ergibt sich sicherlich auch methodisch aus der Telefonumfrage. Es gibt sicher eine breite Masse des "weder - noch"/"einerseits-andererseits", die sich nicht gemeldet hat ... Wenn aber die FAZ jüngst über das Ergebnis einer Umfrage in Russland klagt, wonach sich 35% offen und umstandslos "zu Stalin" bekennen (und einer seiner Enkel ein Rehabilitierungsverfahren für seinen Großvater angestrengt hat), kann man davon ausgehen, dass vor allem die ältere Generation "unbelehrbar" geblieben ist ...


   Kommentar zum Artikel von Rainer:
Mittwoch, 22.12.2010 - 21:13

Die Ergebnisse decken sich mit vielen politischen Umfrageergebnissen in Russland/Weissrussland. Und daß trotz kapitalistischer Restauration die Mehrzahl der Menschen das alte System gleichzeitig immer noch besser findet, ist doch keine Frage vom Erfolg des Revisionismus. Der Anteil derjenigen in der Bevölkerung der ehem. Sowjetrepubliken, die die UdSSR für das bessere System hielten, war immer in der Mehrheit. Auch in den Volksbefragungen, die um die Zeit der Zerschlagung der UdSSR gemacht wurden, war immer nur eine mehr oder weniger große Minderheit gegen den Erhalt der UdSSR. Der wurde dann ja klugerweise auch direkt unter Umgehung aller demokratischen Formalitäten ausgedealt.


   Kommentar zum Artikel von IvanDrago:
Mittwoch, 22.12.2010 - 18:52

Wäre ja schön, aber irgendwie scheint mir das ganze etwas zu eindeutig zu sein, dann hätte die revisionistische Propaganda aber ganz schön versagt...


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