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Es gibt einige unabdingbare Voraussetzungen, unter denen ein politisch Denkender und Handelnder sich als Kommunist bezeichnen kann. Es ist nicht ehrenr√ľhrig (wenn auch aus Gr√ľnden der hier vertretenen Theorie falsch), anders zu denken, und es gibt andere ehren- und anerkennenswerte Handlungsmotive; auch bei Kommunisten mischt sich die wissenschaftliche Einsicht in die allgemeinen Gesetze der Geschichte mit der gef√ľhlsm√§√üigen Emp√∂rung √ľber das Unrecht der Ausbeutung, der Unterdr√ľckung, der Entmenschlichung und mit der Angst vor dem drohenden Untergang der Menschheit oder mindestens ihrer Zivilisation. Weil Kommunisten religi√∂se, moralische, psychologische Beweggr√ľnde des Kampfes gegen die √úbelst√§nde der Welt respektieren und manche von ihnen teilen, k√∂nnen^ sie ohne Anspruch auf Dominanz politische B√ľndnisse zur Verfolgung gleicher Ziele eingehen, und sie d√ľrfen erwarten, da√ü in solchen B√ľndnissen auch ihre Ansichten und Beweggr√ľnde respektiert werden. Was sie als Kommunisten jedoch auszeichnet, ist dies, da√ü sie ein systematisch ausgearbeitetes rationales Erkl√§rungsmuster f√ľr die Welt haben, die sie ver√§ndern wollen, da√ü in diesem Erkl√§rungsmuster die Orientierung f√ľr ihr politisches Handeln eingeschlossen ist und da√ü dieses Erkl√§rungsmuster auf keine au√üerweltlichen und unerkennbaren Gr√ľnde f√ľr den Weltlauf zur√ľckgreifen mu√ü, um in sich schl√ľssig zu sein.

Dieses Erkl√§rungsmuster ist marxistisch-leninistische Philosophie und politische √Ėkonomie, die Weltanschauung des wissenschaftlichen Sozialismus. √úber sie ist mit jedem offen und mit Gr√ľnden zu diskutieren. Untereinander diskutieren Kommunisten aber auf dem akzeptierten Boden dieser Theorie und entwickeln sie weiter. In der Weiterentwicklung mu√ü ein Fundament erhalten bleiben, sonst wird es eine andere Weltanschauung. Darum seien am Anfang einige Selbstverst√§ndlichkeiten zu Thesen zusammengefa√üt, die nat√ľrlich nur ein d√ľrres und fragmentarisches Gerippe der reichen Theoriegehalte des Marxismus-Leninismus sind, und die den Ausgangspunkt f√ľr die √úberlegungen dieses Kapitels bilden. Wer hier nicht mehr zustimmt, hat zum mindesten die Pflicht zu begr√ľnden, warum er sich dennoch als Kommunist versteht.

10 Thesen zur marxistisch-leninistischen Theorie

1. Kommunisten unterscheiden sich von anderen Anh√§ngern des Sozialismus dadurch, da√ü sich ihre Vorstellungen von der zuk√ľnftigen Gesellschaftsordnung und dem Weg, der zu ihr f√ľhrt, auf eine Theorie der Geschichte begr√ľnden, auf den historischen Materialismus, dessen Kern von Marx, Engels und Lenin ausgearbeitet wurde. Der Marxismus-Leninismus ist eine auf praktische politische Realisierung angelegte und durch die Erfahrungen der Praxis inhaltlich bestimmte und angereicherte Theorie, die ihre Ausbildung in den K√§mpfen der Arbeiterbewegung seit der Mitte des 19. Jahrhunderts erhalten hat und die Erfahrungen dieser K√§mpfe in sich speichert. Sie spiegelt diese K√§mpfe in ihrer Entwicklung - auch in Kontroversen und Widerspr√ľchen. Ihr Realit√§tsgehalt besteht gerade darin, da√ü sie in diesen K√§mpfen konsequente Positionen bezogen hat - sicher zuweilen auch falsche, die korrigiert werden mu√üten, die aber doch nicht ohne Gr√ľnde eingenommen wurden, aus denen wie aus den Fehlem zu lernen ist.

2. Als eine Theorie der Geschichte (die sich auf ein umfassendes Verst√§ndnis des Naturprozesses und des Zusammenhangs von Natur und Geschichte, die Dialektik der Natur, den dialektischen Materialismus st√ľtzt), kann der Marxismus-Leninismus seinem Wesen nach kein Dogma sein, sondern eine Theorie, die die geschichtlichen Ver√§nderungen in sich verarbeitet. Wo sie zum blo√üen Dogma wurde, hat sich das sehr schnell durch Realit√§tsverlust ger√§cht. Verlust an sch√∂pferischer Theorieentwicklung zieht praktische Fehlentwicklungen und Fehlentscheidungen nach sich. Das hat es in der kommunistischen Bewegung gegeben, ebenso wie es immer auch die sch√∂pferische Weiterentwicklung gegeben hat.

3. Da√ü eine Theorie entwicklungsf√§hig ist, hei√üt nicht, da√ü sie beliebig ver√§ndert werden kann. Der Marxismus-Leninismus w√§re nicht mehr er selbst, w√ľrde er die Erkenntnis abschreiben, da√ü alle Geschichte eine Geschichte von Klassenk√§mpfen ist. Grundlage seiner wissenschaftlichen Einsch√§tzung von historischen Prozessen ist die Einsicht, da√ü deren entscheidende Triebkraft die Entwicklung der Produktivkr√§fte in den ihnen entsprechenden Produktionsverh√§ltnissen ist und da√ü die Entwicklung der Produktivkr√§fte fortschreitend in Widerspruch zu dem in den Institutionen der Gesellschaft festgeschriebenen Typus von Produktionsverh√§ltnissen ger√§t; die Analyse einer bestehenden gesellschaftlichen (und das hei√üt auch: politischen) Situation und der ihr angemessenen politischen Strategie beruht auf dieser Einsicht und schlie√üt sowohl die Erfassung der allgemeinen Grundlage und Wesensstruktur einer Gesellschaftsformation als auch ihrer zahlreichen besonderen Durchsetzungsmechanismen und Widerspr√ľche ein. Unverzichtbar ist f√ľr den Marxismus-Leninismus auch die Dialektik in ihrem Doppelaspekt als universelles Prinzip des Zusammenhangs der Wirklichkeit in den Bewegungsformen von Widerspr√ľchen und als Methode der Darstellung dieser widerspr√ľchlichen Bewegungsformen. Das bedeutet: Die Wirklichkeit ist eine Einheit von Vielen, sie ver√§ndert sich ununterbrochen, ihre Bewegung ergibt sich aus einer gegenseitigen Einwirkung von Widerspr√ľchen aufeinander, in dieser Bewegung entsteht qualitativ Neues aus der Summe quantitativer Ver√§nderungen. Schlie√ülich geh√∂rt zum Grundbestand marxistisch-leninistischer Theorie, da√ü das gesellschaftliche Bewu√ütsein durch das gesellschaftliche Sein bestimmt wird, da√ü in ihm sich die Widerspr√ľche des gesellschaftlichen Seins ausdr√ľcken, da√ü die Menschen innerhalb dieser Widerspr√ľche ihre jeweils durch Interessen, Traditionen, Erfahrungen und Erkenntnisse bestimmte individuelle Position beziehen und schlie√ülich da√ü es Grundwiderspr√ľche gibt, die sich in Klassenlagen manifestieren.

4. Die Geschichte verl√§uft nicht als schicksalhafter Proze√ü, dem die Menschen hilflos ausgeliefert sind. Die Menschen sind immer die handelnden Subjekte der Geschichte. Jedoch wird ihr Handeln, wenn es ausschlie√ülich oder vorwiegend durch private Interessen und individuelle Beweggr√ľnde geleitet ist, von den nicht durchschauten Strukturen der Gesellschaft aufgesogen und in seinen endg√ľltigen Auswirkungen hinter dem R√ľcken der Individuen ver√§ndert; darum gen√ľgt der gute Wille allein nicht, um die Welt besser zu machen; blo√üe Moralit√§t ist kein politisches Prinzip (so wenig wie Almosen die Gr√ľnde der Armut beseitigen); es ist nur durch ein theoretisches Verst√§ndnis des Verh√§ltnisses von Individuum und Gesellschaft zu vermitteln. Darum kann eine politische Bewegung, die die Welt nach einer Zielvorstellung ver√§ndern will, nicht erfolgreich sein, wenn sie ihre Strategie und Aktionen einfach aus der Resultante oder dem Durchschnitt individueller Meinungen und Handlungen herleitet; das zu glauben, hie√üe die Irrt√ľmer des b√ľrgerlichen Demokratie Verst√§ndnisses reproduzieren. Die gezielte Ver√§nderung der Gesellschaft, sei es durch planm√§√üige Reformen mit dem Endziel revolution√§rer Umgestaltung oder durch Umsturz in einer revolution√§ren Situation, bedarf einer theoriegeleiteten Organisation, also einer politischen Partei, die vom gemeinsamen Willen ihrer Anh√§nger getragen ist. Damit der Wille aller wirklich zu einem gemeinsamen aktionsf√§higen Willen werden kann, m√ľssen die Einzelnen sich der Organisationsform unter Zur√ľckstellung ihrer individuellen Besonderheiten einf√ľgen - nat√ľrlich nicht, ohne vorher am Proze√ü der gemeinsamen Willensbildung mitgewirkt zu haben; das ist das Prinzip der Disziplin, das f√ľr alle revolution√§ren Parteien eine simple √úberlebens- und Wirkungsbedingung ist.

5. Der Grundwiderspruch aller Klassengesellschaften ist die private Aneignung des gesellschaftlichen Reichtums - in Form welcher Produktionsverh√§ltnisse auch immer. Jede Ver√§nderung der Produktionsverh√§ltnisse hat in der bisherigen Geschichte nur die Aneignungsstrukturen verschoben und das Schwergewicht der Nutzung des gesellschaftlichen Reichtums von einer Klasse auf eine andere verlagert. Dabei wurden die Ausbeutungsmechanismen immer abstrakter und undurchsichtiger. Diese Abstraktion hat unter dem Kapitalismus und insbesondere in seiner hochentwickelten, staatsmonopolistisch abgesicherten und multinational organisierten Form ein Ausma√ü erreicht, in dem der allergr√∂√üte Teil der Menschheit von der Aneignung und Entscheidung √ľber die Nutzung des Mehrwerts ausgeschlossen ist und die Mechanismen der Akkumulation des Kapitals, der Erzeugung und Reinvestition des Mehrwerts sich auch gegen√ľber den Entscheidungstr√§gem verselbst√§ndigt haben. Das Klasseninteresse der Klasse, auf deren Kosten und gegen deren Selbstbestimmung die Verwertung des gesellschaftlichen Reichtums stattfindet, besteht in der √Ąnderung der Eigentumsverh√§ltnisse - und weil sie die einzige Klasse ist, die diesen Aneignungsstrukturen entgegensteht, ist die

Herstellung einer neuen gesellschaftlichen Ordnung ihre historische Mission; dazu geh√∂rt, da√ü sie zu deren Erf√ľllung die M√∂glichkeit besitzt. Aus der Entgegensetzung von Kapital und Arbeit bestimmt sich die Klasse, die das Kapitalverh√§ltnis aufzuheben in der Lage ist, als Arbeiterklasse (wie auch immer die auseinandergehenden Merkmale der Arbeit sich auf diese Klassenzugeh√∂rigkeit auswirken m√∂gen). Um sich als Klasse (und nicht nur als blo√üe Summe von Individuen) zu verwirklichen und damit zum Subjekt dieser historischen Mission zu werden, bedarf es des Bewu√ütseins von der Lage, in der sich die Menschen √ľberhaupt und die Angeh√∂rigen der Arbeiterklasse befinden: Klassenbewu√ütsein. Es versteht sich von selbst, da√ü Klassenbewu√ütsein sich auf verschiedenen Ebenen von Erfahrungen bildet, keineswegs durch die Theorie zuerst oder gar allein; aber immer mu√ü es durch die Theorie von der Klassengesellschaft und vom Klassenkampf fundiert sein.

6. In der wissenschaftlich-technischen Revolution stellt sich eine neue Qualit√§t des Entwicklungsstandes der Produktivkr√§fte her. Einerseits k√∂nnen Wissenschaft und Technik heute allgemein hohen materiellen Wohlstand garantieren, wenn durch die Institutionen der Gesellschaft Aneignungs- und Verteilungsgerechtigkeit hergestellt w√ľrde. Andererseits bieten Wissenschaft und Technik die M√∂glichkeiten zur Vernichtung der menschlichen Gattung und gro√üer Teile der Natur; ja, die Menschlichkeit des Menschen ist durch genetische oder psycho-physische Manipulation bedroht. Die kapitalistische Form der Produktionsverh√§ltnisse, die die Akkumulation des Kapitals und die private Verf√ľgungsgewalt und Aneignung zum Bewegungsgesetz des gesellschaftlichen Lebens machen, kann diesen Widerspruch nicht l√∂sen. Sie steigert ihn vielmehr zu hundertmillionenfachem Massenelend (3. Welt), zu st√§ndig wachsender Kriegsgefahr und zunehmender Verk√ľmmerung der menschlichen, in Vernunft und freier Entfaltung der Anlagen sich verwirklichenden Pers√∂nlichkeit (mentale Verelendung). Nur eine sozialistische Gesellschaft gibt die Perspektive einer menschenw√ľrdigen Zukunft der Menschheit.

7. In der Perspektive auf den Kommunismus verbinden sich so die objektiven Gesetze der Geschichte, die die Gesetze der Reproduktion der menschlichen Lebensbedingungen sind, mit dem subjektiven Streben jedes einzelnen nach Selbstverwirklichung und Gl√ľck. Selbstverwirklichung ist jedoch nicht denkbar ohne Beziehungen zu und R√ľcksicht auf die Mitmenschen; sie ist nicht das Faustrecht des Individuums auf Kosten der anderen, sondern hat ihr Fundament in der Einsicht, da√ü der einzelne nur er selbst sein kann, wenn er in Solidarit√§t mit den anderen ist. Solidarit√§t und Bewu√ütsein der Gesellschaftlichkeit des Menschen, also eine sozialistische Moral, sind die Voraussetzung f√ľr das Programmwort des ¬ęKommunistischen Manifests¬Ľ, ¬ęda√ü die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung f√ľr die freie Entwicklung aller ist¬Ľ. In kapitalistischen Gesellschaften bildet sich die neue Lebenseinstellung im Kampf um den Sozialismus heraus, in sozialistischen Gesellschaften im Kampf um den Aufbau des Sozialismus. Dieser Kampf bedarf einer Organisationsform; das theoretische Begreifen der sozialen und politischen Prozesse der Gegenwart und der Entwurf der Ziele f√ľr die Zukunft mu√ü in der Organisation von den Menschen gemeinsam erarbeitet, ihnen vermittelt und in politisches Handeln umgesetzt werden. Die kommunistische Partei ist die Organisation, in der dies geschieht (einschlie√ülich aller Irrt√ľmer, die bei aktuellen Entscheidungen immer vorkommen); als der ¬ęOrt¬Ľ, an dem die Konzeption einer sozialistischen Zukunft entworfen und die gegenw√§rtige Strategie mit Blick auf diese Konzeption erarbeitet wird, ist sie die revolution√§re Avantgarde der Arbeiterklasse (auch in einer nichtrevolution√§ren Periode).

8. Die historische Mission der Arbeiterklasse und die Aufgabe der kommunistischen Partei hat also zwei Aspekte: Erstens verwirklicht die Aufhebung des Privateigentums an Produktionsmitteln und damit der privaten Aneignung des Mehrwerts die Ver√§nderungen in den Produktionsverh√§ltnissen, die notwendig geworden sind, weil die Entwicklung der Produktivkr√§fte in der wissenschaftlich-technischen Revolution nicht mehr durch private Verwertungsinteressen sinnvoll gesteuert und beherrscht werden kann; ein gesamtgesellschaftlicher Plan ist erforderlich. Zweitens verwirklicht die Arbeiterklasse in ihrem Kampf f√ľr Selbstbestimmung, gegen Ausbeutung, Unterdr√ľckung und Unrecht das Ziel, eine Gesellschaft freier und gleicher B√ľrger zu errichten, in der jeder seine Anlagen allseitig entfalten kann; erst eine solche Gesellschaft, die kommunistische, garantiert ¬ędas Menschenrecht¬Ľ.

9. Auch nach dem Sturz der kapitalistischen Eigentumsverh√§ltnisse ist der Aufbau des Sozialismus und aus ihm hervorgehend des Kommunismus ein langer und widerspruchsvoller Proze√ü. Vorsozialistische Bewu√ütseinsformen und Verhaltensweisen √ľberdauern die institutionellen Ver√§nderungen lange, zum Teil mehrere Generationen lang. Klassenpositionen verschwinden nicht auf einen Schlag; also dauert auch der Klassenkampf, vor allem der Kampf um die neue sozialistische Weltanschauung an; theoretische Arbeit und ideologische Klarheit gewinnen dabei ein gro√ües Gewicht. Dies umso mehr, als der Weg zum Sozialismus nicht in aller Welt parallel und gleichzeitig verl√§uft, sondern von einigen sozialistischen L√§ndern unter den Bedingungen der Systemkonkurrenz gegangen werden mu√ü, wobei die Metropolen des Kapitalismus √∂konomisch noch √ľberlegen sind. So h√§ngt der Aufbau des Sozialismus wesentlich daran, da√ü die kommunistische Partei in der gesellschaftlichen Entwicklung sozialistischer L√§nder f√ľhrend und f√ľr die anderen gesellschaftlichen Kr√§fte orientierend ist. Ihre F√ľhrungsrolle darf nicht in b√ľrokratischen Mechanismen erstarren (welcher Gefahr sie jederzeit ausgesetzt ist), mu√ü aber auch mit politischer Macht durchgesetzt und behauptet werden.

10. Es ist an die Einsicht von Karl Marx zu erinnern, ¬ęda√ü eine Gesellschaftsformation nie untergeht, bevor alle Produktivkr√§fte entwickelt sind, f√ľr die sie weit genug ist¬Ľ. Der Kapitalismus erzeugt zwar heute die √§u√üeren Widerspr√ľche bei der Entwicklung der Produktivkr√§fte, bis hin zur Gefahr des Untergangs der Menschheit, insofern bereitet er in seinem Sch√∂√üe den √úbergang zum Sozialismus vor. Aber der Kapitalismus ist immer noch imstande, in seinem Rahmen die Produktivkraftentwicklung zu organisieren, wenn auch mit wachsenden Verlusten an √úberlebensqualit√§t; der Kampf gegen den Kapitalismus ist daher weltweit immer noch die Hauptaufgabe der Kommunisten.

Einheit, Pluralität, Pluralismus

Nat√ľrlich mag man dar√ľber streiten, ob die theoretischen Grundlagen des Marxismus-Leninismus unter den Bedingungen des epochalen Wandels der Weltgesellschaft noch tragf√§hig sind. Immerhin wurde das ¬ęKommunistische Manifest¬Ľ vor 140 Jahren geschrieben, und Lenins Imperialismustheorie ist auch schon mehr als 70 Jahre alt. Weder Marx und Engels noch Lenin haben absehen k√∂nnen, welche Brisanz die Probleme, die man heute ¬ęglobal¬Ľ nennt, bekommen w√ľrden. Es hat sich gezeigt, da√ü der Kapitalismus √ľber Reserven und Strategien verf√ľgt, die ihm erlauben, noch aus der allgemeinen Krise, in die er geraten ist und aus der kein Weg herausf√ľhlt, die Mittel zum vorl√§ufigen √úberleben zu ziehen.

Die marxistische Theorie ist herausgefordert, auf diese historische Situation zu reagieren, auf die neu entstehenden Fragen Antworten zu finden - polit√∂konomische, soziologische, psychologische, politische. Viele dieser Antworten werden zun√§chst Versuche sein, werden mit neuen Ideen experimentieren, werden in der Praxis erprobt und korrigiert werden m√ľssen. Erkenntnis entwickelt sich nicht einfach nur durch Auffinden von Wahrheiten, sondern immer auch auf dem Umweg √ľber Irrt√ľmer und ihre Korrektur. Eine Pluralit√§t von Konzepten geh√∂rt zum Fortschritt des Wissens. Aber unter einer Mehrzahl von Vorstellungen sind nicht alle gleich richtig und gleich realisierbar. Die Wahrheit ist nicht etwas Beliebiges, worauf man sich in einem Kompromi√ü zwischen widersprechenden Meinungen einigen k√∂nnte; sondern sie ist die richtige Darstellung der Wirklichkeit und der in ihr liegenden M√∂glichkeiten in unserem Denken. Darum ist erkenntnistheoretischer Pluralismus ein Widersinn, so wie die Pluralit√§t der Meinungen notwendig f√ľr den Weg zur einen Wahrheit ist.

Die Entwicklung des Marxismus heute wird und mu√ü sich in vielen, auch gegens√§tzlichen Gedankenans√§tzen vollziehen. Das hei√üt aber nicht, da√ü alles und jedes zur Disposition steht. Wissenschaftliche Erkenntnisse entwickeln sich auf vielf√§ltige Weise innerhalb eines ¬ęParadigmas¬Ľ (wie die Wissenschaftstheoretiker das nennen), also innerhalb eines Erkl√§rungsmusters und Rahmenmodells der Wirklichkeit. Dieses Rahmenmodell ist f√ľr den Marxismus-Leninismus durch eine Reihe von Basisvorstellungen definiert, deren wichtigste unsere zehn Thesen zusammenzufassen versuchen. Auch die neuere geschichtliche Entwicklung gibt keinen Grund, von diesen Basisvorstellungen abzugehen:

Der menschliche ¬ęStoffwechsel mit der Natur¬ę, die Erhaltung und Entwicklung der menschlichen Gattung geschieht durch Produktion, nicht blo√ü durch Konsumtion. Daher ist die Entfaltung der Produktivkr√§fte und ihre Organisation in Produktionsverh√§ltnissen der bestimmende Faktor der Geschichte. Seit der Aufl√∂sung der Urgesellschaft werden die Produktionsverh√§ltnisse durch Klassenspaltung bestimmt und verl√§uft die politische Geschichte als Klassenkampf. Der Klassenkampf bildet sich in weltanschaulichen Positionen und Auseinandersetzungen ab. Theoriefragen sind daher nicht abstrakte Wahrheitsfragen, sondern immer auch Klassenfragen. Die geschichtliche Wahrheit liegt bei der Klasse, die der Tr√§ger des gesellschaftlichen Fortschritts ist. Tr√§ger des gesellschaftlichen Fortschritts kann sie nur in organisierter Form sein. Die politische Organisation des Klassenkampfes der Arbeiterklasse ist die kommunistische Partei, die damit zum Medium wird, in dem sich die geschichtliche Wahrheit herausbildet und durchsetzt. Die Herausbildung der Wahrheit erfordert Pluralit√§t der Aspekte, die Durchsetzung ist an die Einheit des Handelns und der handlungsorientierenden Perspektive gebunden. Darum kann es in einer die Einheit von Theorie und Praxis anstrebenden Partei keinen Pluralismus geben.

In dieser Reihe von S√§tzen ist jeder folgende die logische Konsequenz des vorhergehenden; sie bilden ein System, und es kann nicht einfach der eine oder andere Satz herausgebrochen werden. Wer aus guten Gr√ľnden der √úberzeugung ist, da√ü das in den ersten S√§tzen angegebene Erkl√§rungsmuster f√ľr Geschichte zutrifft und da√ü also das marxistische ¬ęParadigma¬Ľ nicht √ľberholt ist, der mu√ü auch seinen Wahrheitsbegriff, sein Organisationsverst√§ndnis und sein politisches Handeln daraus herleiten. Erneuerung der Theorie und der Partei wird sich auf dem Boden dieses marxistisch-leninistischen Grundverst√§ndnisses und im Rahmen dieses Modells vollziehen oder sie wird die Partei als kommunistische zerst√∂ren. Niemand entzieht sich ungestraft der Strenge der Logik eines Erkenntniszusammenhangs. Die politische Kapitulation der sozialdemokratischen Parteien vor dem Kapitalismus und ihre blo√ü reformistische Einf√ľgung in sein System sind ein warnendes Beispiel; weder die Weltkriege noch der Faschismus konnten so verhindert werden.

Das ist ohne polemische Absicht gesagt, nur um die Grenzen zu bezeichnen, an denen sich die Identit√§t einer kommunistischen Partei, das Selbstverst√§ndnis von Kommunisten bestimmt. √úber lange Zeit wird innerhalb des Kapitalismus auch eine kommunistische Politik nichts anderes als Reformen anstreben und bewirken k√∂nnen. Nicht die ¬ękleinen Schritte¬Ľ und die ¬ęst√ľckweisen Verbesserungen¬Ľ an sich sind von √úbel, sie sind der Inhalt und die Belohnung des politischen Alltags; was in ihnen erreicht wird, hat auch R√ľckwirkungen auf die jeweiligen Konkretisierungen des Femziels, das ja nicht blo√ü eine ausgedachte Utopie, sondern eine reale, also realisierbare M√∂glichkeit sein soll. Nur: Ohne Einsicht, da√ü das kapitalistische System -ungeachtet aller Reformen - seinen unmenschlichen, ausbeuterischen, krisenhaften Charakter nie verlieren wird, weil dieser zu seiner Systemverfassung geh√∂rt, endet der Alltagskampf mit seinen m√∂glichen kleinen Erfolgen in Opportunismus oder Resignation. Illusionen zahlen sich nie aus - wer die Bildung des gr√∂√üten R√ľstungskonzerns Europas im gleichen Augenblick, in dem von Abr√ľstungsvereinbarungen eine Sicherung des Friedens erwartet wird, nicht als √∂konomisch-politische Realit√§t ernst nimmt, hat das Augenma√ü verloren; er l√§√üt sich von dem kleinen, durchaus wichtigen Schritt einer Teilvereinbarung √ľber die fortbestehende Haupttendenz und ihre Gef√§hrlichkeit hinwegt√§uschen.

Das ist nur ein Beispiel, das zeigen soll, wie entscheidend es f√ľr die politische Urteilsf√§higkeit und Aktionsrichtung ist, die Augenblickssituation und Alltagsprobleme vom Standpunkt einer Erkenntnis aus zu betrachten, die die Zusammenh√§nge herstellt und die Teile aus dem Ganzen begr√ľnden kann. Aus dem Mannigfaltigen zur Einheit der Erscheinungen aufzusteigen, den Zusammensto√ü und die Einheit der Gegens√§tze zu begreifen, ist die Methode der Dialektik. Sie ist das Herz der marxistisch-leninistischen Theorie, das die Bewegung der Pluralit√§t von Erfahrungen, Verallgemeinerungen, Aspekten in Gang h√§lt und zugleich ihren Zerfall in einen sich selbst kastrierenden Pluralismus verhindert.

Holz, Hans Heinz -
Niederlage und Zukunft des Sozialismus


"Kommunistische Parteien sind heute in der Krise - nicht nur in der BRD.
Diese Krise der Parteien ist nicht eine Krise des Marxismus, der seine theoretische Kraft nicht zuletzt darin bewiesen hat, da√ü mehr und mehr auch die b√ľrgerliche Wissenschaft von Denkmodellen und Einzeleinsichten marxistischer Forschung Gebrauch macht und sie in sich integriert, ohne allerdings das System im ganzen und seine weltanschaulichen Konsequenzen zu akzeptieren.
Nat√ľrlich ist der Marxismus, wie jede Wissenschaft, herausgefordert durch neue Entwicklungen der Wirklichkeit, die es mit Weiterbildung der Theorie zu begreifen gilt...
Die Voraussetzungen einer nicht bloß pragmatischen, gar opportunistischen sozialistischen Politik, die das Ziel der Überwindung des Kapitalismus und des Übergangs zur klassenlosen Gesellschaft nicht aus dem Auge verliert, ist die ständige Arbeit an der richtigen Theorie der Wirklichkeit, in der wir leben..." (Hans Heinz Holz)

1992, 2.Aufl., Kart., 120 S., ISBN 3-910080-00-6

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